Den Life Ball kritisieren

Blog22. Mai 2012, 09:44
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Auf neutralem Boden wie im Supermarkt redet man manchmal ein bisserl anders

Es sei, sagte der Partymacher, gut, dass wir uns gerade hier über den Weg gelaufen seien - und nicht dort, wo wir uns sonst sähen. Obwohl das in den vergangenen Jahren eigentlich auch nur mehr zufällig geschähe. Hier, sagte er, während er nach dem Lieblingsjoghurt seines Freundes suchte, sei besser. Weil neutral: Wir standen vor dem Kühlregal im großen Supermarkt unter der großen Einkaufsstraße.

Es war eine Woche vor dem Life Ball. Der Partymacher und ich verdrehten die Augen, als wir einander fragten, ob wir auch heuer... der wievielte Ball ... usw. Dann griff sich der Partymacher ein Herz - und sagte, er müsse mir eine offene, ehrliche Frage stellen. Eine, die ihm schon lange ein Anliegen wäre. Und die hier - vor dem Kühlregal - besser zu beplaudern sei als sonstwo.

Was für eine Geschichte?

Was das mit mir und dem Life Ball für eine Geschichte sei, wollte er wissen. Er verstehe nicht, was ich gegen die Veranstaltung hätte: Die wollen das Richtige, sagte er. Und tun was sie tun, um Gutes zu tun. Ja, auch ihm gingen Attitüde und manches im Umfeld und hinter den Kulissen auf den Senkel. Aber im Sinne der Sache, sagte er dann, beiße er sich auf die Zunge. Schlucke die Krot. Höre weg. Zähle bis 100.

Alles andere, sagte der Partymacher, rufe Applaus hervor, den keiner wolle. Schulterklopfen von denen, bei denen man nicht anstreifen dürfe. Lob von jenen auf der falschen Seite. Zuspruch von Leuten, denen man widersprechen müsse. Und auch wenn das nach altem, überkommenem und groteskem Lagerdenken, nach "right or wrong - my country" und - horibile dictu - nachgerade nibelungentreue Loyalitätsparametern klänge: So sei das eben.

Postings aus der untersten Lade

Sollte ich es nicht glauben, möge ich die Kommentare lesen, die nach meiner Rezension des Balles von 2011 auf derStandard.at aufgepoppt seien - und mir bei den Autoren der ekligsten, hämischsten, fiesesten und höhnischsten Postings anschauen, was diese Individuen sonst von sich gäben. Welches Weltbild, welche Werte, welche Ideale: Das wäre, sagte der Partymacher, durchwegs die Antithese zu dem, was wir uns - ungeachtet aller Partyoberflächlichkeit, Animositäten oder sonstiger Blödheit - seit jeher auf die Fahnen geschrieben hätten.

Er habe, sagte der Partymacher, während wir Seite an Seite zwischen Gemüsestation und Heimtierfutterregalen wanderten, fast geheult. Damals. Vor Wut. Über mich. Wegen meiner Dummheit: Dass das, was ich geschrieben hätte, die Schleusen der Unflat und die Büchse der Pandora öffnen würde, hätte mir doch bewusst sein müssen. Ungeachtet der Tatsache, warf er ein, bevor ich Luft holen konnte, dass er über weite Strecken ja mit dem, was ich kritisierte, konform gehe.

Nix sagen können

Nur: Laut sagen dürfe und könne man das alles eben nicht. Weil: Siehe oben... Wir blieben stehen. Er sah mich an. Jetzt du, sagte er.

Ich holte Luft. Und wusste - nachdem ich gestanden hatte, dass ich Postings nur läse, wenn sie mir mit der Frage "Lässt du dir das echt gefallen?" weitergeschickt würden - nicht, was ich sagen sollte: Er, der Partymacher, druckste ich herum, habe ja Recht. Mit allem, was er über Prinzipielles und das Richtige am und im Life Ball sage. Mit dem Guten, den Absichten, den Zielen. Auch mit dem Applaus von Leuten und Gruppen, deren bloße Erwähnung mir Magenschmerzen bereite. Deren Lob wie ein Kübel Gülle über dem Kopf röche. Und so weiter.

Nix nix sagen können

Aber trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb: Nichts zu sagen, alles zu schlucken, wider besseren Wissens Dinge gut zu heißen, Hofart und Eitelkeit zu ignorieren und Arroganz oder Selbstherrlichkeit zu negieren, Ungereimtheiten und Unvereinbarkeiten zu übergehen und das offensichtliche Auseinanderdriften von Anspruch und Wirklichkeit in jenen Details, die Haut Gout, Charme und Seele ausmachen, auszublenden - also all das nicht zu erwähnen, um den falschen Zustimmern nur ja keine Angriffsfläche zu zeigen und zu markieren, könne ich eben nicht.

Erstens aus Prinzip. Zweitens sei ich so gestrickt. Drittens überhaupt. Und viertens sei das mit der Freunderlwirtschaft und den Gefälligkeiten in Wien eben genau so, wie im Märchen von Kaisers neuen Kleidern: Nur weil alle das Gewand so lange loben, bis sie es tatsächlich zu sehen glauben (und am Schoß des Kaisers Platz finden), sei der gute Mann trotzdem nackt durch die Stadt gelaufen: Nackt sei und bleibe nackt. Und je öfter mir jemand ins Gesicht sage - oder es mir hintenrum ausrichten ließe, dass das a) anders, b) nicht zulässig und c) nicht folgenlos sei, um so spannender werde es für mich, weiter "nackt nackt nackt" zu rufen.

Verspannung macht sich breit

Ich spürte, wie ich mich warm redete. Wie mein Puls schneller, die Atmung heftiger, die Stimme lauter wurden - und die Sätze schneller aus mir kamen. Der Partymacher sah mich an - und unterbrach mich irgendwann: Deine Körpersprache. Die Hände. Die Körperspannung - schau dich doch mal an, lachte er. Ich brauchte keinen Spiegel. Und lachte mit ihm: Ja, er habe eh Recht.

Er habe, sagte der Partymacher, einfach eine Bitte: Zähl bis 100 bevor du schreibst. Oder bis 50. Versuch, daran zu denken, worum es geht. Also worum es wirklich geht. Worum es trotzdem und trotz allem geht. Sag das. Nicht, weil das, was du rundherum siehst, nicht stimmt. Nicht, weil du das totschweigen sollst. Sondern weil das Gute, wenn du es nicht auch betonst, untergeht - im Applaus derer, auf deren Zuspruch wir alle gut verzichten können.

Nachtrag nach Fertigstellung

Den Partymacher traf ich, wie gesagt, vor dem Lifeball. Der Ball war dann eben, wie er war - und ich schrieb am Sonntag darüber. Am Sonntag. Der Artikel erschien Montagfrüh. (siehe Life Ball 2012: "Nur Spaß ist dieses Fest nicht"). Und jetzt gerade - am Montag - rief "Kronen Zeitungs"-Postler Michael Jeanée an. Er fand, ich hätte mit meiner Kritik an den Nebengeräuschen des Balls genau den Punkt getroffen. Seinen nämlich. Und ohne da genauer drüber zu sprechen, war uns beiden klar, was er meinte. Mir wurde mulmig.

Ähnliches "Lob" (aus Jeanées Sicht zumindest) hatte er mir schon vor einmal - vor ein oder zwei Jahren einmal in seiner "Post" ausgerichtet. In meiner Welt war das fast Rufmord. Doch diesmal fügte er - zumindest am Telefon - einen Nachsatz ein: Dass wir in der globalen Bewertung dessen, was der Ball ist und kann, und dessen, wofür er steht, sicher Lichtjahre auseinander lägen.

Wenn Leute wie Jeanneé an solchen Einschränkungen nicht vorbei kommen, zählt das. Es macht den Vereinnahmunsgversuch zwar nicht ungeschehen - zeigt aber doch, dass zumindest die, deren Lob man nicht will, spüren, dass man nie einer von ihnen sein wird. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 21.5.2012)

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    Den Lifeball und seinen Organisator Gerry Keszler (im Bild mit US-Model Lydia Hearst) kritisch zu hinterfragen, zieht meist das falsche Publikum an.

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