Ein Paradies im Kühlhaus Patagonien

21. Mai 2012, 17:10
4 Postings

Mit rührender Vehemenz appelliert Ariane Mnouchkines Théatre du Soleil mit "Les Naufragés du Fol Espoir (Aurores)" an die edelsten Regungen der Menschen

Allzu liebliches Festwochen-Theater.

Wien - Das Licht der Vernunft entspringt in Ariane Mnouchkines Schiffbruch mit verrückter Hoffnung (Morgenröte) einer ganz gewöhnlichen Taschenlampe. Ihr Strahl quert tastend ein hohes Dachgeschoß mit Glasgiebel. Der Schauplatz dieser Vergangenheitserkundung nennt sich "Fol espoir" und ist eine gastronomische Wunderkammer: ein Speisehaus irgendwo an den Ufern der Marne, wo sich anno 1914 befracktes Personal im Dutzend um das leibliche Wohl nicht erschienener Gäste kümmert.

Doch damit hat es in der Wiener Messe-Halle A keineswegs sein Bewenden. Die neueste Kreation des weltberühmten, von den Wiener Festwochen eingeladenen Théatre du Soleil gleicht einer russischen Schachtelpuppe, die unentwegt Sensationen gebiert.

Sie enthält zum Beispiel ein Geschwisterpaar von Kinematografen. Die drehen mit einem Fanatismus, wie er nur wahren Pionieren eignet, einen Stummfilm frei nach Jules Vernes. Der Plot verschlägt die Mitwirkenden (Zimmermädchen, Kellner, Kassiererinnen) an die öden Gestade von Patagonien. Dort soll unter Federführung eines verschollenen habsburgischen Erzherzogs eine Musterdemokratie entstehen: eine Art Kolchose für Seemänner, Klosterschwestern und spärlich bekleidete Eismeerindianer.

Der graumelierte Autorenfilmer (Maurice Durozier) glaubt, der Sache des Fortschritts zu dienen. Beunruhigende Nachrichten prasseln auf die Filmcrew ein. Der österreichische Thronfolger wurde soeben in Sarajevo ermordet. Die pazifistischen Sozialisten unter Jean Jaurès warnen eindringlich vor den Folgen eines möglichen Völkerringens. In dieser " Geburtsstunde der Glühlampe" und des Kinematografen, wie es einmal heißt, steht das Schicksal der ganzen Menschheit auf dem Spiel.

Mnouchkines gekonnte Antwort besitzt die Wirkung einer Rheumalinddecke: Einzig die Illusionskunst vermag die bösen, grob verunstaltenden Züge aus dem Antlitz der Moderne zu tilgen.

In ihrer famosen "Wirtshaustruppe" ist jeder kleine Domestik ein Star. Man hat es mit der Besatzung einer ganzen Arche zu tun: Der indische Personalchef spielt augenrollend den Kapitän auf dem Jules-Vernes-Dampfer. Der österreichische Kellner (Andreas Simma) gibt schmachtend und bangend an der Balustrade den Kronprinzen Rudolf, der auf Schloss Mayerling an der Abfassung eines Gründungspapiers arbeitet, das Europa mit sich selbst aussöhnen soll, und einem Mordkomplott zum Opfer fällt.

Willkommen, heile Welt

Vor allem aber beharrt die Produktion Les Naufragés du Fol Espoir - mit vier Stunden doch etwas lang geraten - auf der Vorspiegelung einer heilen Welt. Alle basteln mit fröhlicher Hingabe am Zustandekommen einer rückwärtsgewandten Utopie. Leise rieselt der Schnee wie Staubzucker aus den Sieben an den Seilzügen. Wer am "Set" des kauzigen Monsieur LaPalette gerade nicht beschäftigt wird, wirft sich flach auf den Boden, um nicht auf die Spule zu geraten. Oder er darf eine ausgestopfte Möwe am Stöckchen bewegen, oder am Rockschoß eines "Schauspielers" herumzupfen, zum Zweck der Vorspiegelung atmosphärischer Turbulenzen. Das Wetter in Patagonien wird, so lernen wir, durchwegs von auffrischenden Winden dominiert. Die Stummfilmtypen besitzen treuherzige Gesichter, sind hübsch gekämmt und tragen imponierende Schnurrbärte.

Nur beinahe geht das Projekt "Himmelreich auf Erden" an der Geldgier einiger weniger Ausbeuter zuschanden. Die Zukunft gehört den Indianern - und einem aus der Art geschlagenen österreichischen Erzherzog namens Johann Orth (Serge Nicolai). Ein heftig bejubelter Appell an das Kind im Theatergeher. Nicht mehr. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 22.5.2012)

22., 23., 24., 25., 27., 28. Mai

  • Ein patagonischer Indianer und die Stummfilmcrew, die ihn zum Helden des 
Fortschritts macht: Szenenbild aus "Les Naufragés du Fol Espoir (Aurores)".
    foto: michèle laurent

    Ein patagonischer Indianer und die Stummfilmcrew, die ihn zum Helden des Fortschritts macht: Szenenbild aus "Les Naufragés du Fol Espoir (Aurores)".

Share if you care.