Jungärzte im Hamsterrad

21. Mai 2012, 12:29
5 Postings

Die Ärzteausbildung in Österreich ist massiv reformbedürftig. Durch bevorstehende Pensionierungen in den nächsten Jahren werden viele neue Ärzte gebraucht

In kaum einem Bereich der universitären Ausbildung klaffen zwischen Theorie, künftigen Anforderungen und der gelebten Praxis so große Lücken wie bei der Medizinerausbildung. Zwar gibt es nun Vereinheitlichungen und mehr Praxis im Studium selbst, doch die postpromotionelle Ausbildung - also jene zum Facharzt oder Allgemeinmediziner - krankt seit Jahren: Drei Jahre arbeitet der Großteil der fertigstudiert habenden Ärzte im sogenannten Turnus, um dann erst die fünfjährige Facharztausbildung beginnen zu können. Wer schnell ist, braucht somit insgesamt 14 Jahre, um dann als Facharzt arbeiten zu können.

"Der Alltag in den Lehrkrankenhäusern ist miserabel. Es gibt seit Jahren Evaluierungen, die aber nie veröffentlicht werden, weil sie so mies sind", kritisiert Martin Sprenger, gelernter Allgemeinmediziner und Leiter des Postgraduate-Public-Health-Programmes an der Med-Uni Graz. Dazu komme, dass die Ausbildung zum Allgemeinmediziner derzeit über den dreijährigen Turnus läuft. Wer diesen hinter sich hat, kann eine allgemeinmedizinische Praxis eröffnen. Die meisten Jungärzte haben davor aber nie eine solche von innen gesehen - außer selbst als Patient im Krankheitsfall. Der Großteil macht den Turnus in Krankenhäusern und lernt auch dort nicht, was man braucht, sagt der neue Wiener Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres, der selbst an der Med-Uni Wien unterrichtet. "Man misst viel Blutdruck und schreibt Briefe; am Ende kann man nicht das, was man braucht."

Sprenger sieht Österreich international als Schlusslicht. "Ich frage mich, ob wir je eine Ausbildung zur Allgemeinmedizin hatten. Es gibt nicht einmal Forschung zu dem Thema. Seit 1968 gab es in Österreich insgesamt 25 Publikationen in diesem Bereich, 80 Prozent davon stammen von drei Leuten." Mit fatalen Konsequenzen für das Gesundheitswesen: Die Allgemeinmedizin mache heute keine Triage im niedergelassenen Bereich, sondern sei ein Durchlass zu den Spitälern, analysiert Sprenger. "Deswegen ist unser System auch so teuer, und deshalb haben wir den größten Krankenhaussektor in Europa."

Ausgenutzt

Die Turnusärzte selbst sind mit der Ausbildungssituation sehr unzufrieden. Sie sehen sich als Systemerhalter missbraucht, eine systematische Ausbildung im eigentlichen Sinn findet nicht statt, "da ein Großteil der zur Verfügung stehenden Zeit für nicht-ärztliche Routinetätigkeiten oder administrative Aufgaben verwendet werden muss", heißt es auf der Webplattform des Vereins tur nusarzt.com, wo sich der Frust der Jungärzte sammelt. In den Foren zeichnet sich klar ab: "Wir sind die Letzten in der Hierarchie. Über uns sind das Pflegepersonal, die Assistenzärzte, die Oberärzte und die Primare", heißt es da etwa.

Die Ursache sehen viele einerseits in der angespannten Kostensituation der Spitäler, andererseits in der Vergangenheit. "Den Ursprung hat die Situation im Lainz-Skandal. Bis dahin haben die Schwestern viel gemacht. Rein rechtlich dürfen sie das auch heute noch. Aber als die Medien in dem Skandal, der eigentlich Pflegehelferinnen und nicht diplomiertes Personal betroffen hat, täglich neue Dinge aufgedeckt haben, stieg der zuständige Stadtrat auf die Bremse", schildert ein Turnusärztevertreter hinter vorgehaltener Hand. Die Patienten hätten sich aufgrund der Medienberichte gefürchtet, wenn sich eine Schwester mit einer Spritze nur genähert habe. "Also wurde im Dienstrecht verfügt, dass nur noch Ärzte solche Tätigkeiten ausüben dürfen." Weil das aber teurer war, habe man fixiert, dass es die Niedrigsten in der Rangordnung machen sollen - die Turnusärzte.

Seit März des Vorjahres wird zwischen Gesundheits- und Wissenschaftsministerium unter Einbildung aller Stakeholder eine Reform diskutiert. Die ersten Ergebnisse bringen zumindest eine Harmonisierung im Studium. Wer in Österreich das Medizin-Studium abschließt, wird künftig nachweislich über dieselbe Qualifikation verfügen - egal, ob er in Wien, Graz oder Innsbruck studiert hat. Gleichzeitig könnte - und das ist nach wie vor nicht endgültig fix, aber logische Konsequenz - der dreijährige Turnus wegfallen und die Ausbildung verkürzt werden. Das sechste Studienjahr wird künftig - ähnlich wie in Deutschland - an allen Unis ein klinisch-praktisches Jahr sein, in dem die Studenten in den Krankenhausalltag eingeführt werden. Hintergrund dafür: Die EU-Kommission will eine Verkürzung des Studiums auf fünf Jahre. Das Praxisjahr könnte also eine Zwischenlösung sein, um das aktuell sechs Jahre dauernde Studium beizubehalten.

An den Med-Unis Graz und Innsbruck gibt es dieses klinisch-praktische Jahr (KPJ) schon. In Wien wird es dem Wintersemester 2014/15 eingeführt. "Dort wird die fachliche Ausbildung um die praxisbezogene, umfassende Tätigkeit am Krankenbett, die Teilnahme an klinischen Besprechungen und die längerfristige Einbindung und Erprobung im Team komplettiert", erklärt Karin Gutiérrez-Lobos, Vizerektorin für Lehre an der MUW. Das KPJ ist in drei Teile zu je 16 Wochen gegliedert, bei denen die Studierenden die Themenbereiche "Innere Medizin", "Chirurgische und präoperative Fächer" und "Wahlfächer" behandeln.

Neue Pläne

Geht es nach der Med-Uni Graz, sollen auch einige Wochen Lehrpraxis bei einem Allgemeinmediziner Teil des letzten Studienjahrs sein. Bereits umgesetzt haben die drei Universitäten einen gemeinsamen "Kompetenzlevel-Katalog". In diesem ist festgeschrieben, was ein Student vor der ersten Famulatur beziehungsweise vor Beginn des klinisch-praktischen Jahres und vor Abschluss des Studiums beherrschen soll, vom Anamnesegespräch bis zum Schreiben eines EKGs oder dem Analysieren von Laborwerten. Im Zuge der Erstellung des Katalogs haben die einzelnen Universitäten auch überprüft, ob Inhalte zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Umfang gelehrt werden. In den nächsten Monaten soll zusätzlich ein gemeinsamer Lernzielkatalog erstellt werden.

Im Gesundheitsministerium gibt es zudem bereits Pläne, wie die Ausbildung, nach dem Studium weitergehen soll: Künftig könnten alle angehenden Ärzte nach dem Turnus ein Praxisjahr absolvieren. Dieses soll je sechs Monate Chirurgie und Innere Medizin umfassen und auch eine Schwerpunktausbildung in Notfallmedizin beinhalten. Erst nach diesem etwa in Skandinavien üblichen "Common Trunk" (etwa: Gemeinsamer Stamm) sollen sich die Mediziner für eine Ausbildung zum neu zu schaffenden Facharzt für Allgemeinmedizin entscheiden. Wann das umgesetzt wird, ist noch unklar. Die Zeit drängt: In den kommenden Jahren werden bis zu 50 Prozent der Ärzte altersbedingt in Pension gehen. (Martin Schriebl-Rümmele, DER STANDARD, 21.5.2012)

  • Jungärzte als Helden in der US-Fernsehserie "Scrubs". Die Realität in Österreich ist weniger amüsant. Die mangelnde Ausbildungssituation schadet auf lange Sicht den Patienten.
    foto: abc studios

    Jungärzte als Helden in der US-Fernsehserie "Scrubs". Die Realität in Österreich ist weniger amüsant. Die mangelnde Ausbildungssituation schadet auf lange Sicht den Patienten.

Share if you care.