"Hunde machen uns nicht zu besseren Pädagogen"

Interview23. Mai 2012, 05:30
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Österreich hat als erstes Land einen Leitfaden für den Einsatz von Hunden in Schulen - Pädagogin Andrea Vanek-Gullner hat ihn mitgestaltet

Hunde können das Klima und die Kommunikation in der Klasse verbessern. Doch es müsse den Lehrern immer klar sein, welches pädagogische Ziel sie auch ohne vierbeinige Unterstützung anstreben, betont Pädagogin Andrea Vanek-Gullner im Gespräch mit derStandard.at. Das funktioniere nur unter den richtigen Voraussetzungen. Die Lehrbeauftragte der Pädagogischen Hochschule Wien erarbeitete in ihrer Dissertation die europaweit erste wissenschaftlich evaluierte hundegestützte, therapeutische Methode für Kinder. Sie war zudem an der Arbeitsgruppe des Unterrichtsministeriums beteiligt, aus der nun ein Leitfaden für hundegestützte Pädagogik hervorging.

Der Katalog "Hunde in der Schule" wurde unter Beteiligung von Experten aus Bereichen wie Psychologie, Verhaltensforschung, Pädagogik oder Tierschutz erarbeitet. Mit einer derartigen Richtlinie für Schulleiter und Lehrer ist Österreich auf diesem Gebiet Vorreiter in Europa. Ab Herbst wird zudem es eine Fortbildung für Lehrer angeboten, die mit Hunden in der Schule arbeiten wollen. Vanek-Gullner erklärt, wie Hunde sowohl introvertierten als auch aggressiven Kindern helfen können.

derStandard.at: Sie beschäftigen sich seit mehr als zehn Jahren wissenschaftlich mit dem Thema hundegestützte Pädagogik. Sie kritisieren jedoch auch, dass spielerisches Tun zwischen Kind und Hund manchmal vorschnell zur tiergestützten Pädagogik erhoben wird. Welche Versäumnisse können auftreten?

Vanek-Gullner: Ein Hund kann und darf uns an Menschlichkeit nichts abnehmen. Und die Mitnahme eines Hundes in den Unterricht ist nur dann zu verantworten, wenn die Lehrperson das Tier zur besseren Umsetzung des eigenen pädagogischen Konzepts nutzt. Wenn es einem Schüler beispielsweise an Lesekompetenz mangelt, kann der Hund unterstützend eingesetzt werden, indem das Kind kleine Aufgabenstellungen sinnerfassend liest, die es dann mit dem Hund durchführen darf.

Besonders deutlich wird dieser Auftrag auch im Bereich des Sozialen Lernens: Hier reicht es nicht, Kindern nur zu erlauben, den Hund an der Leine zu führen. Vielmehr kann das bei einem ängstlichen Kind bedeuten, dass wir es anregen, mit entschlossenem Schritt sein Ziel anzustreben. Bei anderen Schülern wird bei dieser Übung vielleicht im Vordergrund stehen, dass sie gefühlvoll und empathisch den Hund motivieren.

derStandard.at: Trotz aller kritisch beleuchteter Punkte: Sie sind insgesamt eine Befürworterin von hundegestützter Pädagogik unter den richtigen Rahmenbedingungen. Welche Unterstützung können Hunde bei der pädagogischen Arbeit mit Kindern bieten?

Vanek-Gullner: Für mich als Sonderpädagogin steht das soziale Lernen im Vordergrund. In diesem Bereich können Hunde sowohl im Rahmen des Klassenunterrichts als auch in der Arbeit mit Schülergruppen und in der Einzelarbeit wertvolle Unterstützung bieten. Bei dem Füttern oder im Spiel mit dem Hund kommen Kinder untereinander in Kontakt, die außerhalb der Hundebesuchstage wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben.

derStandard.at: Aus Ihrer Erfahrung: Welche positiven Beispiele aus der Praxis fallen Ihnen ein?

Vanek-Gullner: Ängstlich-introvertierte, schüchterne Schüler können vor allem über die Kommandoarbeit mit dem Vierbeiner ermutigt werden. Das Tier folgt nur, wenn das Kind sicher auftritt. Ich denke an die Arbeit mit einem Mädchen, das im Klassenverband nicht gesprochen hat - weder mit den Mitschülern, noch mit der Lehrperson.

Als das Kind spürte, dass im Miteinander mit dem Hund die nonverbale Kommunikation wichtiger ist als die verbale Sprache, fühlte es sich frei, seine Gesten mit einem leisen Wort zu begleiten, das im Verlauf immer lauter und sicherer wurde. Die Schülerin hat schließlich kleine Kunststücke mit dem Hund erarbeitet und sehr aufgeweckt mit dem Hund gesprochen. Nachdem das Mädchen ihre eigenen Möglichkeiten zu starkem Auftreten hinreichend kennen gelernt und geübt hatte, präsentierte es im Rahmen einer kleinen Vorführung auch den Mitschülern ihre starken Seiten.

derStandard.at: Wie sieht es bei Kindern aus, die im Klassenverband aggressiver agieren?

Vanek-Gullner: In unseren Schulen haben wir auch für Schüler mit mangelnder Impulskontrolle Sorge zu tragen. In der nonverbalen Kommunikation des Hundes kommen auch diese Kinder zur Ruhe, finden "ihre eigene Mitte".

Ich erinnere mich gut an die Arbeit mit zwei Buben, die im Klassenverband laufend in Kämpfe miteinander verwickelt waren. In gemeinsamen Hundestunden erlebten die beiden einander völlig anders als im Rahmen des Klassenunterrichts, nämlich kooperativ.

Da beide die Arbeit mit dem Hund unbedingt durchführen wollten, waren sie bereit, auch einmal dem anderen den Vortritt zu gewähren und machten untereinander aus, wer wann welche Aktivität durchführt oder welches Kommando geben darf. Es war erstaunlich, wie intensiv sich diese Bereitschaft zur Kooperation auch auf den Unterricht übertragen hat. Es tut übrigens auch uns Lehrern gut, wenn wir unsere Sorgenkinder "einmal anders" erleben dürfen.

derStandard.at: Können auf diese Weise aggressive Kinder auch wieder besser in die Klasse integriert werden, vor denen die anderen Kinder Angst haben?

Vanek-Gullner: Mir fällt ein sechsjähriger Junge ein, der von seinen Mitschülern als aggressiv wahrgenommen wurde. Er tat sich auch schwer damit, Zuneigung anzunehmen. In der hundegestützten Arbeit war das starke Einfühlungsvermögen des Kindes auffallend. Sorgsam hat der Bub darauf geachtet, das Tier achtsam zu berühren und dass es dem Hund nicht zu laut ist.

Das Kind durfte dann im Klassenunterricht seinen Mitschülern durch vorsichtige Berührung an deren Rücken und Armen zeigen, was der Hund besonders mag. Es war berührend, in die erstaunten Gesichter der Mitschülern zu schauen, als sie den "aggressiven" Mitschüler ungewohnt liebevoll und empathisch erleben durften. Hier eröffnen sich neue Wege inklusiver Pädagogik.

derStandard.at: Sie haben vor kurzem in einer Experten-Gruppe des Unterrichtsministeriums mitgearbeitet, die Richtlinien für jene Lehrer erstellt hat, die hundegestützte (Sonder-) Pädagogik durchführen wollen. Wie sieht das Resultat aus?

Vanek-Gullner: Wien war in diesem Bereich Vorreiter: Dort gibt es seit längerem klare Regelungen, die durch den Wiener Stadtschulrat unter meiner Mitarbeit verschriftlicht wurden. Wesentliche Inhalte haben auch in den neuen Leitfaden "Hund in der Schule" Eingang gefunden, der meiner Meinung nach sehr gelungen ist. Nicht zuletzt deshalb, weil die Interessen aller Schulpartner, aber auch die Lebensqualität des Hundes gesichert werden. Der Leitfaden bietet zudem Informationen für Schulleiter, Lehrer, Schüler und Eltern, an deren Schule der Einsatz von Hunden im Unterricht in Erwägung gezogen wird.

derStandard.at: Ist es in Klassen, die bis zu 25 Schüler umfassen, überhaupt noch sinnvoll, einen Hund dazuzuholen? Steigt der Stress dadurch nicht noch weiter?

Vanek-Gullner: Das bedarf differenzierter Betrachtung. Einerseits bestätigen aktuelle Studien der Psychologin Andrea Beetz, dass die bloße Präsenz eines Hundes allein bereits Stress bei Kindern und natürlich auch bei der hundeführenden Lehrperson reduziert.

Andererseits ist nicht abzustreiten, dass die Gegenwart des Hundes für erhebliche Aufregung unter den Kindern sorgen kann. Es ist wichtig, gemeinsam mit den Kindern Regeln für das Miteinander zu erstellen und die Schüler gut vorzubereiten. Es ist auch nicht in Abrede zu stellen, dass es für die Lehrer durchaus anstrengend ist, gleichzeitig die Interessen aller Kinder und die Lebensqualität des Hundes zu berücksichtigen.

Der Lehrperson wird hier viel abverlangt. Daher muss sie die aktuelle Situation in der Klasse und auch die eigene Belastbarkeit kritisch reflektieren. Hundegestützte Pädagogik ist unter der Voraussetzung zu befürworten, dass die Lehrperson nicht nur den möglichen Gewinn, sondern auch die Gefahren "überschäumender" Aktivität der Kinder - verbunden mit möglicher Überforderung des Hundes - bedenkt. Zentral ist die Frage, ob der Gewinn für die Gesamtsituation überwiegt. Der Bildungsauftrags muss im Vordergrund stehen. Immer muss klar sein, dass wir nicht allein deshalb zu besseren Pädagogen werden, weil wir uns einen Hund in die Schule nehmen.

derStandard.at: Abseits des wichtigen Punkts des sozialen Lernens: Können Hunde auch in die regulären Unterrichtsgegenstände einbezogen werden?

Vanek-Gullner: Der Hund kann auf unterschiedliche Weise als Lernmotivator wirken. Hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt - so lange die Lernziele der Stunde nicht ins Hintertreffen geraten. So führen zum Beispiel Lehrer im Mathematikunterricht mit einem Schaumstoffwürfel ein Rechenspiel durch, in das der Hund einbezogen wird, indem er auch einmal den Würfel fängt und bringt. Oder ein Schüler darf im Englischunterricht den Hund durch den Raum führen, während die MitschülerInnen Anweisungen geben wie "turn left", "turn right", "go to the window".

derStandard.at: Welche Spielregeln muss ein Lehrer beachten, wenn er einen Hund in die Schule mitnimmt?

Vanek-Gullner: Im Umgang mit den Kindern wird der respektvolle Umgang mit etwaigen Ängsten und Vorbehalten vorausgesetzt. Neben dem Einverständnis der zuständigen Schulaufsicht sowie der Schulleitung ist natürlich die Einverständniserklärung aller Erziehungsberechtigten notwendige Voraussetzung.

Achtsamkeit ist aber nicht nur im Umgang mit den Schülern, sondern auch gegenüber den Kollegen gefragt: Vorbehalte von Lehrern, die keine Hunde mögen, sind zu respektieren. Niemand sollte in der Schule mit einem Vierbeiner Kontakt haben müssen.

derStandard.at: Ab Herbst wird es einen Hochschullehrgang zum Thema geben. Wie sieht die Ausbildung aus?

Vanek-Gullner: Der Lehrgang ist derzeit in Kooperation der Pädagogischen Hochschulen von Wien, dem Burgenland und Oberösterreich in der Ausarbeitungsphase. Fix ist, dass er sich über den Zeitraum eines Jahres erstrecken wird. Basiswissen zur Mensch-Hund-Beziehung wird ebenso Berücksichtigung finden wie die Vorstellung pädagogischer Konzepte und praktischer Übungssequenzen. Wir sind zuversichtlich, mit dieser Ausbildung die Qualität dieses innovativen pädagogischen Ansatzes langfristig sichern zu können.

derStandard.at: Wie sieht die Situation für die Dritten im Bunde, die Hunde, aus? Wie wird der Stress für die Tiere im Rahmen des neuen Leitfadens möglichst gering gehalten?

Vanek-Gullner: Das Tier muss gemeinsam mit der hundeführenden Lehrperson eine Ausbildung absolvieren. Eine Begleithundeausbildung allein reicht nicht aus. Die Ausbildung des Tieres zum Präsenz- oder Besuchshund, die von unterschiedlichen Vereinen und Institutionen angeboten wird, ist Voraussetzung, einen Hund überhaupt in die Schule mitnehmen zu dürfen.

Im Zuge einer derartigen Ausbildung wird das Wesen des Tieres überprüft. Geeignet sind ausschließlich Vierbeiner mit freundlichem, menschenbezogenem Wesen, die sich auch durch eine hohe Reizschwelle und hohe Stresstoleranz auszeichnen. Im Zuge ihrer Ausbildung werden die Hunde an verschiedene Umgebungen gewöhnt und lernen ungewöhnliche Fortbewegungsarten wie Skateboard, Fahrrad, Gehhilfen oder Rollstühle kennen.

derStandard.at: Wie lange dauert diese Vorbereitungsphase für den Hund?

Vanek-Gullner: Der Leifaden gibt vor, dass der Einsatz des Hundes frühestens ab zwei Jahren erfolgen darf. Das Erreichen der notwendigen Reife, eines Grundgehorsams und eines gefestigten Wesens ist Voraussetzung. 

Die hundeführende Lehrperson ist dem Tierschutzgedanken verpflichtet. Der Einsatz des Hundes darf zwei bis drei Tage pro Woche im Ausmaß von zwei bis drei Stunden nicht übersteigen. Die Anwesenheit des Tieres in der Schule darf außerdem maximal einen Halbtag ausmachen.

Es ist auch sicherzustellen, dass der Hund nicht alleine gelassen wird und kein Einsatz erfolgt, wenn die Hündin läufig, (schein-)trächtig oder säugend ist. Und natürlich müssen auch die räumlichen Gegebenheiten der Schule einige Grundvoraussetzungen erfüllen. Der Hund braucht einen Rückzugsbereich in der Klasse und einen Auslaufbereich im Nahbereich der Schule. (Julia Schilly, derStandard.at, 22.5.2012)

  • Der Lehrer muss wissen, welches pädagogische Ziel er auch ohne Hund in der Arbeit mit dem jeweiligen Schüler anstrebt, meint Andrea Vanek-Gullner, die sich seit mehr als zehn Jahren mit hundegestützter Pädagogik beschäftigt.
    foto: privat

    Der Lehrer muss wissen, welches pädagogische Ziel er auch ohne Hund in der Arbeit mit dem jeweiligen Schüler anstrebt, meint Andrea Vanek-Gullner, die sich seit mehr als zehn Jahren mit hundegestützter Pädagogik beschäftigt.

  • Aktuelle Studien zeigen, dass unter den richtigen Voraussetzungen schon die bloße 
Präsenz eines Hundes Stress bei Kindern und der Lehrperson reduzieren kann.
    foto: der standard/regine hendrich

    Aktuelle Studien zeigen, dass unter den richtigen Voraussetzungen schon die bloße Präsenz eines Hundes Stress bei Kindern und der Lehrperson reduzieren kann.

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