Man müsste Athen mit Euroaustritt überraschen

Interview21. Mai 2012, 10:20
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Christian Keuschnigg wünscht sich höhere Löhne in Deutschland, eine Trennung der Eurozone von Griechenland müsste plötzlich passieren

Die Schuldenkrise betrifft nicht nur die stigmatisierten Krisenländer, sondern auch das restliche Europa. Warum sich nicht nur der Süden sondern auch der Norden anpassen muss, wie ein Euro-Austritt Griechenlands vor sich gehen sollte und wann die Krise endlich vorbei sein wird, erklärt der zukünftige Chef des Instituts für Höhere Studien, Christian Keuschnigg.

derStandard.at: Was sind die Kernpunkte der Probleme in Europa derzeit?

Keuschnigg: In Europa gibt es drei zentrale Probleme. Das eine ist die Überschuldung der Staaten im Süden, aber auch im Norden. Das andere ist die divergierende Wettbewerbsfähigkeit: Die südlichen Länder haben in der Vergangenheit Lohnsteigerungen gehabt, die deutlich über der Produktivitätsentwicklung waren, deshalb sind sie jetzt zu teuer und haben große Zahlungsbilanzdefizite akkumuliert. Im Norden ist das Gegenteil passiert: Deutschland ist übermäßig wettbewerbsfähig und hat große Zahlungsbilanzüberschüsse. Das dritte Problem ist, dass in Europa der Bankensektor schwach kapitalisiert ist. Die Banken sind daher wenig robust gegenüber Schocks. 

derStandard.at: Was heißt das für Österreich?

Keuschnigg: Für Österreich ist die Situation insgesamt relativ erfreulich, obwohl das Land im eigenen Interesse seine Schulden zurückführen muss. Dafür gibt es drei Gründe: Eine hohe Staatsschuld ist eine Last für die zukünftigen Generationen. Zweitens ist damit der Konjunkturspielraum, beispielsweise neue Schulden zu machen, sehr beschränkt und man muss sich diesen Spielraum neu erkämpfen. Und das dritte ist, dass durch hohe Schulden das Rating in Gefahr ist und das schlägt sich in höheren Zinssätzen nieder. Das macht Steuererhöhungen oder Einsparungen notwendig. 

derStandard.at: Und im Wettbewerb?

Keuschnigg: Österreich hat kein wesentliches Wettbewerbsproblem. Der Euro ist für Österreich in etwa richtig, während er für Deutschland zu weich und für die südlichen Länder zu hart ist. Weil die Lohnpolitik sich auf die Abgeltung des Produktivitätswachstums und der Inflationsrate beschränkt, erlaubt das dem Land stärker zu wachsen als der Durchschnitt Europas.

derStandard.at: Wenn der Euro in den Ländern unterschiedliche Wirkungen hat, ist es dann gut eine Einheitswährung zu haben?

Keuschnigg: Das ist genau das zentrale Problem. Die Möglichkeit, diese Ungleichgewichte über Wechselkursanpassungen zu korrigieren, fällt weg. Damit die einheitliche Währung funktioniert, muss es einen Anpassungsmechanismus über interne Auf- und Abwertung geben. Die interne Abwertung sind Korrekturen der vergangenen Lohnsteigerungen auf ein Niveau, das von der Produktivität getragen werden kann. Das bedeutet im Moment starke Lohnreduktionen im Süden, um die Lohnübertreibungen in der Vergangenheit wieder rückgängig zu machen. Umgekehrt hätte Deutschland einen gewissen Spielraum für Lohnsteigerungen, weil es große Überschüsse in der Zahlungsbilanz und ein großes Auslandsvermögen angehäuft hat. Das ist auch keine nachhaltige Entwicklung: Irgendwann müssen die Investitionen und Ersparnisse zu mehr Wohlstand führen. Es ist jetzt die Zeit gekommen, um das zu lukrieren, und damit auch mehr Nachfrage für das übrige Europa zu schaffen.

derStandard.at: Das Wohl des einen ist schlecht für den anderen. Ist es zielführend, dass Korrekturen nur über die Handelsbilanz geschehen?

Keuschnigg: Die bevorzugte Anpassung wäre natürlich eine Steigerung der Produktivität durch Innovation und Wachstum. Aber das ist ein sehr langsamer Prozess mit Resultaten in drei bis vier Jahren. Kurzfristig bleibt nichts anderes übrig, als Löhne anzupassen.

Es gibt im Prinzip auch andere Anpassungsmechanismen: Zum Beispiel wäre Wanderung möglich, also dass die Arbeitslosen in Griechenland oder in Spanien verstärkt in die Länder wandern, wo der Arbeitsmarkt gut ist. Diese Wanderung findet in Europa kaum statt, weil die Länder kulturell und sprachlich so heterogen sind.

Eine weitere Alternative wäre ein starker fiskalischer Ausgleich, indem der Norden den südlichen Ländern das Geld gibt, um die Zahlungsbilanzdefizite abzudecken. Aber der Norden muss auch seine Schulden reduzieren. Der Streit um das letzte Konsolidierungspaket hat aber gezeigt: Wenn man versucht der Bevölkerung zu erklären, dass man auf Dauer südliche Länder alimentieren muss, ist das einfach nicht durchsetzbar.

derStandard.at: Man hat schon vorher gesehen, dass die Länder für den Euro zu verschieden sind. Warum ist er dennoch gekommen?

Keuschnigg: Nach meiner Interpretation ist der Euro aus politischen Überlegungen zustande gekommen, um die Länder stärker aneinander zu binden. Man muss heute sagen, weil der Euro so viele wirtschaftliche Probleme und Ungleichgewichte erzeugt, ist er umgekehrt eine Quelle für politische Konflikte geworden. Das ursprüngliche Ziel konnte also nicht erreicht werden. Es gibt beispielsweise eine Aversion der Bevölkerung in Griechenland gegenüber den Geldgebern aus dem Norden, und umgekehrt will der Norden den Süden nicht ständig alimentieren, wo man doch selber dringende Ausgabenbedürfnisse hat.

derStandard.at: Sollte Griechenland aus der Eurozone austreten?

Keuschnigg: Es kommt jetzt darauf an, ob die Politik in Griechenland den Weg der internen Anpassung weiter gehen kann. Das ist politisch schwierig durchzustehen, was man an den hohen Arbeitslosenraten sieht. Die Leute sind verzweifelt. 

Es gab aber bereits vier Jahre Rezession, das heißt ein großer Teil des Anpassungsweges ist schon zurückgelegt. Man muss sich jetzt überlegen, ob man einen Ausstieg riskiert und damit das letzte Viertel des Weges nicht mehr geht. Der Ausstieg würde bedeuten, dass die Währung vermutlich um die 50 Prozent abwerten würde. Das kann katastrophale Folgen haben, wenn der Ausstieg chaotisch passiert. Dem Exportsektor würde das natürlich helfen, aber es kommt darauf an, was die gesamtwirtschaftliche Rückwirkung ist. Möglicherweise ist die Europäische Union nicht gut darauf vorbereitet.

derStandard.at: Was würde schlimmstenfalls passieren?

Keuschnigg: Wenn Griechenland tatsächlich aus der Eurozone austritt, dann besteht die Gefahr, dass eine große Kapitalflucht einsetzt. Die Menschen ziehen ihr Geld von den Banken ab und bringen es in Sicherheit, bevor es zu einer Abwertung kommt. Dann könnten die Banken keine Kredite vergeben, und es würde erneut zu einer schweren Rezession kommen. Man müsste also den Währungsaustritt überraschend vollziehen, indem die Banken für mehrere Tage geschlossen bleiben und danach die Währung abgewertet wird. Auch müssten in einer Übergangszeit Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden, damit das Kapital nicht das Land verlässt. Wenn das gelingt, wäre es vielleicht ein Befreiungsschlag. Im Moment wird aber permanent darüber diskutiert und eben permanent Kapital abgezogen.

derStandard.at: Also gar nicht darüber reden und dann plötzlich austreten?

Keuschnigg: So wurde es in anderen Ländern gemacht. Erfolgreich war zum Beispiel die Trennung der Tschechoslowakei, wo es ohne große Friktionen vonstattengegangen ist.

derStandard.at: Glauben Sie, dass durch die Krise die Politikverdrossenheit geschürt wird?

Keuschnigg: Das kann ich mir gut vorstellen. Das Problem ist wahnsinnig komplex. Immerhin sind es drei Krisen, die gleichzeitig zu lösen sind: Ungleichgewichte in der Zahlungsbilanz, öffentliche Verschuldung und mangelnde Kapitalisierung der Banken. Das ist der Öffentlichkeit schwierig zu vermitteln. Die Menschen sehen nur das Endresultat, nämlich die große Arbeitslosigkeit. Und die Wähler machen die Politik dafür verantwortlich.

derStandard.at: Funktioniert der Kapitalismus überhaupt noch?

Keuschnigg: Das glaube ich schon. Aber Kapitalismus bedeutet nicht, dass Wirtschaft total unreguliert ist. Der Kapitalismus braucht auch immer den Staat. Ein Beispiel dafür ist der Umweltschutz. Niemand würde behaupten, dass ohne staatliche Regulierung die Umwelt so sauber wäre, wie sie es jetzt ist.

Es gibt viele Bereiche des marktwirtschaftlichen Geschehens, wo Unternehmen und Haushalte nicht alle gesellschaftlichen Kosten ihrer Aktivitäten berücksichtigen. Ein Beispiel sind zu gering kapitalisierte Banken. Deswegen braucht es Basel III, damit die Banken Mindeststandards bei Eigenkapitalquoten haben und ihre Verluste nicht auf die Steuerzahler abwälzen. Wenn sie Verluste stärker berücksichtigen und mehr selbst tragen müssen, sind sie tendenziell in der Kreditvergabe und bei Risiken vorsichtiger. Kapitalismus ist aus meiner Sicht das beste aller unperfekten Wirtschaftssysteme, braucht aber Regulierung.

derStandard.at: Ist das in den letzten Jahren zu sehr außer Kontrolle geraten?

Keuschnigg: Im Vordergrund steht jetzt die Finanzmarktentwicklung. Dort wird gezielt auf die Eigenkapitalstärkung der Banken hingewirkt. Ich würde nicht sagen, dass es generell mehr Regulierung braucht. In diesem einen Bereich wird jetzt über das richtige Ausmaß gestritten, man kann es aber auch übertreiben. Es ist aber wichtig, dass Banken die Folgen ihrer Entscheidungen tragen und nicht die Verluste auf die Allgemeinheit abwälzen.

derStandard.at: Die EZB versorgt als Krisenmaßnahme, verkürzt gesagt, die Märkte mit frischem Geld. Kann sie es dadurch überhaupt schaffen, ihr oberstes Ziel der Preisstabilität einzuhalten?

Keuschnigg: Nicht jede Geldversorgung muss automatisch zur Inflation führen. Wenn die Banken das Geld nicht ausgeben sondern wieder bei der Nationalbank parken, dann führt das nicht unbedingt zur Inflation. Aber es besteht natürlich die Gefahr einer größeren Inflation, wenn andere Anpassungsmechanismen in den Krisenländern nicht greifen und die EZB permanent gezwungen ist, Liquiditätsengpässe mit mehr neuem Geld zu bekämpfen. Aus der derzeitigen Situation gibt es wahrscheinlich keine schmerzfreie Befreiung, auch nicht durch mehr Inflation. Eine unvorghergesehene Inflation enteignet die Sparer, unter anderem auch die kapitalgedeckten Pensionsfonds für die Altersvorsorge.

derStandard.at: Muss man in Europa Angst vor Hyperinflation haben?

Keuschnigg: Nein. Wenn man von Inflation spricht, sind das vielleicht über ein paar Jahre hinweg drei bis vier Prozentpunkte mehr. Eine Hyperinflation könnte aber passieren, wenn Griechenland oder ein anderes Krisenland austritt, und gleichzeitig eine große Kapitalflucht stattfindet. Dann kann es schon sein, dass die Nationalbank die Länder dort übermäßig mit Geld versorgen muss, und dort eine starke Inflation stattfindet. Aber für den ganzen Euroraum halte ich das für ausgeschlossen. 

derStandard.at: Die Diskussion über die Krisenländer hat etwas von einem Déjà-vu. Wann wird die Krise zu Ende sein?

Keuschnigg: In Griechenland und den anderen Problemländern haben bereits starke Anpassungen stattgefunden, das muss man respektvoll sagen. In Irland war es ebenso und man redet mittlerweile nicht mehr von einer akuten Krise. Wenn die Länder diese Anpassungsprozesse durchhalten, kann es in ein bis zwei Jahren schon besser aussehen.

derStandard.at: Wenn Sie die Chance hätten drei Reformen in Europa sofort durchzusetzen, welche wären das?

Keuschnigg: Ich würde den vorgezeichneten Weg konsequent weitergehen. Die Länder im Süden sind ja in einem Anpassungsprogramm, wo der ESM und der Internationale Währungsfonds beteiligt sind, um Strukturreformen und tragbare Löhne durchzusetzen und die Zahlungsbilanzdefizite zu reduzieren. Ohne Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit können diese Länder nicht zum Wachstum zurückfinden. Diesen Weg muss man zu Ende gehen. Das zweite ist, dass die Bankenrekapitalisierung Fortschritte macht, damit Spanien die Folgen der stark gesunkenen Häuserpreise verdauen kann und die Banken in allen Ländern krisenrobuster werden. Drittens sollte die Anpassung im Euroraum nicht nur im Süden, sondern auch im Norden stattfinden. In Deutschland würde das zum Beispiel der Bevölkerung zu Gute kommen, wenn der Spielraum für Lohnsteigerungen nach oben stärker ausgenützt wird. (Clemens Triltsch, derStandard.at, 21.5.2012)

Christian Keuschnigg ist Professor für Finanzwissenschaft an der Universität St. Gallen in der Schweiz. Ab Juni tritt er als Nachfolger von Bernhard Felderer am Institut für Höhere Studien in Wien an.

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    Die Schuldenkrise betrifft den Norden und Süden Europas gleichermaßen.

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    Christian Keuschnigg wird ab Juni das Institut für Höhere Studien leiten.

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