Der Stern im Süden strahlte blau

20. Mai 2012, 19:27
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Roman Abramowitsch versüßt seinen Londoner Helden den historischen Sieg mit 12,5 Millionen Euro. Für Bayern München ist die Saison ohne Titel eine Katastrophe

München - Bastian Schweinsteiger saß minutenlang auf dem Rasen. Arjen Robben hatte sein Gesicht in den Händen vergraben. Und Bayerns Präsident Uli Hoeneß konnte oben auf der Ehrentribüne nicht einmal von Ehefrau Susi getröstet werden, die ihre Arme um ihn gelegt hatte. "Es ist Wahnsinn", bezeichnete Hoeneß das zuvor Geschehene. "Das tut unglaublich weh", ergänzte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Erst waren die Bayern eklatant überlegen gewesen, hatte Thomas Müller mit seinem Kopfballtor kurz vor Schluss den Traum vom Sieg im "Finale dahoam" konkretisiert. Bis zur 88. Minute lautete das Eckballverhältnis 20:0. Dann kam Didier Drogba.

"Mein Ausgleich hat das Spiel geändert. Das Leben ist fantastisch", sagte der 34-jährige Ivorer. Das Chelsea-Urgestein, seit 2004 an der Stamford Bridge, entschlüpfte beim ersten Corner für die Londoner mit kraftvollem Antritt seinen Bewachern. Im dramatischen Elfmeterschießen (4:3) krönte sich der Stürmer, der als letzter Schütze antrat, zum Helden. Angeblich ganz nach Drehbuch. "Ich glaube sehr an das Schicksal" , sagte Drogba, der wie schon im Halbfinale gegen den FC Barcelona sowohl als Torschütze als auch als Verteidiger im eigenen Strafraum geigte. "Das ist schon lange vorher geschrieben worden."

Ausgeschüttet

Bei den Kollegen hat Drogba jedenfalls einen Stein im Brett. 12,5 Millionen Euro versprach Klubbesitzer Roman Abramowitsch den Spielern nach dem ersten Triumph eines Londoner Klubs in der Champions League als Prämie. Drogba hat dem 45-jährigen Oligarchen den Pokal bei der Siegerehrung überreicht und den Mäzen zu Tränen gerührt. Als die Summe aus der Umkleidekabine drang, musste selbst der ehemalige Chelsea-Profi Michael Ballack im Studio des TV-Senders Sky ungläubig zweimal nachfragen.

Dennoch ist Drogbas Verbleib bei Chelsea alles andere als sicher. In Schanghai wird für den Spätherbst seiner Karriere mit Geld gewachelt. In der chinesischen Stadt verdingte sich der Franzose Nicolas Anelka bereits als hochdotierter Spielertrainer. "Ich würde ihn liebend gerne behalten", sagte hingegen Ersatzkapitän Frank Lampard. "Er ist ein Held."

Capello im Gespräch

Roberto Di Matteo, der um zwei Uhr in der Früh mit dem Pokal in der Hand das Stadion verließ, könnte ebenfalls vor dem Abgang stehen. Der 41-jährige Trainer hatte erst im März den Portugiesen André Villas-Boas abgelöst und mit einer destruktiven Defensivtaktik das ganz große Ziel erreicht. Big Names wie Jose Mourinho oder Carlo Ancelotti sind daran gescheitert. Geht es nach den Spielern, soll der gehandelte Nachfolger Fabio Capello aber nur ein Gerücht sein. Dank Di Matteo spielt Chelsea kommende Saison in der Champions League. In der Liga kamen die Londoner 25 Punkte hinter Meister Manchester City nur auf Rang sechs. Tottenham muss trotz Platz vier mit der Europa League vorlieb nehmen.

In München herrscht indes nach dem Ausfall des Triumphmarsches Weltuntergangsstimmung. Nach Platz zwei in der Bundesliga und der Pleite im Pokalfinale gegen Dortmund beschließen die Bayern eine Saison ohne Titel - für die erfolgsverwöhnten Münchner eine Katastrophe.

Mit offensiver Spielweise wurden zwar dutzende Chancen kreiert, nur die Effizienz war mangelhaft. "Wir dürfen die Verantwortung für die Niederlage nicht beim Spielstil von London suchen", zeigte sich Coach Jupp Heynckes als fairer Verlierer.

Der gefallene Holländer

Arjen Robben mutierte mit seinem verschossenen Elfmeter in der Verlängerung zur tragischen Figur. Schon im Liga-Finish gegen Dortmund hatte der Niederländer einen Strafstoß vergeben. Chelseas Goalie Petr Cech lenkte im Elferschießen Schweinsteigers Versuch an die Stange. " Wenn so ein renommierter Nationalspieler verschießt, muss er es erst einmal verkraften", sagte Heynckes.

Die deutschen Nationalteam-Leitung um Joachim Löw muss beim Vorbereitungscamp auf die EURO in Polen und der Ukraine Fingerspitzengefühl beweisen, um die am Boden zerstörten acht Bayern-Profis wieder aufzupäppeln. "Wir haben keinen Zaubertrank, aber wir werden die Jungs wieder aufbauen", sagte Teammanager Oliver Bierhoff im südfranzösischen Tourettes. "Mit uns können sie ja noch einen Titel gewinnen."(David Krutzler, DER STANDARD, 21.5.2012)

  • Didier Drogba hat einen feinen Tanzpartner gefunden. Für den 34-jährigen Ivorer war es der erste Titel in der Königsklasse.
    foto: epa/brandt

    Didier Drogba hat einen feinen Tanzpartner gefunden. Für den 34-jährigen Ivorer war es der erste Titel in der Königsklasse.

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