Abzug aus Afghanistan: "Zusammen rein, zusammen raus"

20. Mai 2012, 19:07
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Der Abzug der Isaf aus Afghanistan soll über Usbekistan erfolgen, war vor dem Nato-Gipfel zu hören - In Chicago wollte man Einigkeit über das Datum demonstrieren, doch Frankreich scherte bereits im Vorfeld aus

Chicago - Wenn John und Carol Lapper auf ihren Balkon treten, liegt ihnen Chicago zu Füßen, zumindest die Schokoladenseite der Stadt. Vorn die grüne Oase des Grant Park, wo Barack Obama in einer Novembernacht 2008 seinen Wahlsieg feierte. Links der Michigansee mit seinen Yachten, rechts die eleganten, cremefarbenen Hochhäuser aus der Zeit, als die Boomtown Chicago noch Weltmetropole der Schlachthöfe war. Überall blinken Blaulichter, stehen Polizeiwagen quer zur Fahrbahn, um Linienbusse zu stoppen und umzuleiten.

An jeder Ecke ein Trupp blaubehelmter Ordnungshüter. Andere patrouillieren, statt wie früher auf Pferden, auf Fahrrädern durchs Wolkenkratzerambiente an der Michigan Avenue. Wieder andere, schwarz uniformiert, hölzerne Schlagstöcke am Gürtel, bilden im weiten Umkreis der McCormick-Kongresshalle, wo die Nato tagt, ein dichtes Spalier auf den Bürgersteigen. Überall das Knattern von Hubschraubern, überall schwere Eisenzäune. Vom Balkon der Lappers, in luftiger Höhe am East Randolph Drive, lässt sich das alles gut überblicken. Wer konnte, floh aus der Stadt, bevor sie zur belagerten Festung wurde.

John und Carol sind geblieben. Sie würden, hatten sie den Organisatoren des Nato-Gipfels signalisiert, gern ausländische Journalisten zum Dinner einladen, eine reizende Geste, um Reklame zu machen für den bodenständigen Charme der Windy City. Weniger Werbung für die Stadt war, dass die Polizei kurz vor dem Gipfel mehrere geplante Brandanschläge unter anderem auf ein Wahlkampfbüro von Obama vereiteln musste. Drei junge Männer stehen unter Terrorverdacht.

Abzug über Usbekistan

Bereits am Samstagabend kamen die Hauptakteure des Nato-Gipfels, die Politiker der großen Industriestaaten, von der G-8-Konferenz in Camp David herübergeflogen. Am Sonntagmorgen sickerte erstmals ein konkreter Beschluss durch. Usbekistan soll zugesichert haben, den bis 2014 angepeilten Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan im Wesentlichen über sein Territorium abzuwickeln. Bis Mitte 2013 sollen die Truppen die Verantwortung für die Sicherheit auch der letzten Provinz in Afghanistan an die heimische Armee und Polizei abtreten. Die Soldaten der Schutztruppe Isaf sollen dann die einheimischen Kräfte unterstützen und ausbilden.

Geklärt werden muss noch, wie die afghanischen Sicherheitskräfte ab dann finanziert werden. Planungsbasis sind 228.000 Soldaten und Kosten von 4, 1 Milliarden Dollar im Jahr. Afghanistan soll 500 Millionen Dollar übernehmen, die übrigen 3,6 Milliarden Dollar zahlen zur Hälfte die USA und zur anderen Hälfte die übrigen 49 Bündnisländer der Isaf-Mission. Derzeit sind noch rund 130.000 ausländische Soldaten in Afghanistan.

In der Nato wird zwar das Motto "Zusammen rein, zusammen raus" beschworen. Doch Kanada und die Niederlande haben ihren Einsatz schon weitgehend zurückgefahren und Australien einen früheren Abzug angekündigt. Für Verstimmung sorgte zuletzt die Ankündigung von Frankreichs neuem Staatschef Hollande, die französischen Kampftruppen bereits bis Jahresende abzuziehen. Das könnte andere kriegsmüde Verbündete anstecken. Die Taliban begrüßten hingegen am Sonntag die Ankündigung Hollandes und forderten alle Truppenstellernationen in Afghanistan zum sofortigen Abzug auf.

Sie signalisierten allerdings Gesprächsbereitschaft. "Das Islamische Emirat hat alle militärischen und politischen Türen offengelassen", hieß es in einer Mitteilung. Am Sonntag wurden indes im Süden Afghanistans zwei ausländische Isaf-Soldaten bei einem Angriff Aufständischer getötet.

Das geplante bilaterale Treffen zwischen Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen und dem pakistanischen Staatschef Asif Ali Zardari musste am Sonntag wegen einer Verspätung Zardaris abgesagt werden. Rasmussen hatte die pakistanische Regierung zuvor aufgefordert, die Bemühungen um ein Ende des Konflikts im benachbarten Afghanistan zu unterstützen. Die Grenzregion zu Afghanistan gilt als Rückzugsgebiet der Taliban. Die Nato und Pakistan verhandeln zudem derzeit über die Wiedereröffnung von Nato-Versorgungsrouten. Pakistan hatte diese Ende November gesperrt, nachdem 24 pakistanische Soldaten bei US-Luftangriffen getötet worden waren.

Gegen Raketenschild

Russland bekräftigte vor dem Nato-Gipfel nochmals seine Ablehnung des US-Raketenabwehrprojekts in Europa. "Dieses System könnte die Illusion erwecken, dass ein Atomkrieg zu gewinnen ist", sagte Vize-Verteidigungsminister Anatoli Antonow. Derzeit müsse jeder Staat, der einen nuklearen Krieg beginne, mit der eigenen Auslöschung rechnen, sagte Antonow. "Dieses Gleichgewicht des Schreckens - so angsteinflößend es ist - ist ein zentrales Element der globalen Sicherheit." Mit einer Raketenabwehr verschaffe sich eine Seite aber einen Vorteil, der die Stabilität gefährde. Antonow schlug eine öffentliche Konferenz zu dem Projekt vor. (fh, Reuters, AP/DER STANDARD Printausgabe, 21.5.2012)

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    Der Abzug der Ausländer ist für 2014 geplant. Ein afghanischer Bub und ein Soldat beobachten einander.

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    NATO-Generalsekretär Rasmussen bei einer Pressekonferenz vor Start des NATO-Gipfels.

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