Life Ball 2012: "Nur Spaß ist dieses Fest nicht"

    20. Mai 2012, 19:09
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    Der Life Ball feierte mit einer bombastischen Inszenierung seinen 20. Geburtstag - Abseits von Show und Aids-Hilfe driften Anspruch und Realität aber auseinander

    Wien - Rot und Gold. Flammen. Muskeln - und nackte Haut: Auch im 20. Jahr übersprang der Life Ball die über die Jahre immer höher gelegte Bild-Latte locker. Opulent war die Inszenierung. Dramatisch-fantastisch das Bühnenbild. Aufwändig-verspielt und betörend-empörend die Kostüme (oder das, was dazu erklärt wurde). Auf der wie rund um die Bühne.

    Wie Life-Ball-Initiator Gery Keszler das in Zukunft steigern will, war Samstagnacht am Wiener Rathausplatz die meistgestellte Frage - wenn man noch Worte fand: Die bombastische Mischung aus Gala und Party besteht auch vor kritischen Augen. Etwa jenen von dekadenz- und brimboriumgeeichten Triple-A-Stars wie Milla Jovovich. Die Botschafterin der American Foundation for Aids Research war baff: "Eines der großartigsten Events überhaupt."

    Auch Antonio Banderas, der mit Naomi Campbell die Südafrikanische Organisation Operation Bobbi Bear (kümmert sich um vergewaltigte und - potenziell - HIV-infizierte Kinder) prämierte, fühlte sich sichtlich nicht bloß auf einer von tausend Charityveranstaltungen. Denn das macht den Ball aus: der Mix aus Glam und Anlass - bei einer (halb)öffentlichen Party, deren Ambivalenz Michael Häupl unterstrich: "Nur Spaß ist dieses Fest nicht."

    Schwächelnde Modeschau

    Häupl bezog sich auf Aids, traf aber doppelt. Denn just Pracht und Pomp, mit denen Keszler zum Paarlauf von Unterhaltung und Substanz antrat, wiesen auf Schwächen und Ungereimtheiten hin: Die Modeschau - ein "Best of" der 20 Jahre - war zu lang. Ab der Hälfte leerten sich die Tribünen. Sogar VIPs, die im Gegensatz zu "normalen" Besuchern oder den 20.000 Zaungästen gute Sicht hatten, zog es in die Party-Hallen.

    Auch dort offenbarten Details, dass die Botschaft vom Nicht-Aussperren nur mehr auf den Fahnen des Balles steht: Schon auf dem Rathausplatz war der Raum für normale Gäste zugunsten der VIPs wieder weiter eingeschränkt worden. Drinnen hieß es dann mitunter gleich "Stop!": Der Hauptsaal - einst kollektive Partyarea, längst aber nur ein Dancefloor zwischen VIP-Dinnerzonen - war dann unerreichbar. Freilich: nur für " Normalos".

    Erpressbare Journalisten

    Auch Presse ist nicht gleich Presse: Offiziell sind alle gleich. Aber es gibt "Medienpartner". Und den Rest. Und so bekamen manche Auserwählte Zugang zur Backstage oder zur Privatparty für Models und VIPs in der " Volkshalle" (sic!). Für Journalisten, die über VIPs schreiben, ist der Zutritt dorthin unverzichtbar: "Wir haben also vorab brav berichtet", erklärte ein Reporter.

    "Berichtet" bezieht sich da nicht auf Aids, sondern auf die Ballmacher. Daraus wird gar kein Hehl gemacht: Der Konnex zwischen Akkreditierung und Wohlverhalten wird offen - auch über die Presse-Site des Balls - kommuniziert. Das macht erpressbar: Journalisten berichten von Fragen, die ihnen aus Interviews gestrichen wurden. Angeblich.

    Oder von Themen, die man dann eben nicht aufgreift: So erwähnte Heute, dass Brigitte Nielsen für ihr Erscheinen 30.000 Euro erhalten solle. Nicht vom Ball, sondern von einem Sponsor - für (nicht weiter definierte) PR-Dienste. Die Geschichte versandete. Unwidersprochen und unkommentiert. So wie einst die über Naomi Campbells Life-Ball-Auftritt 2002. Da sprach man von 40.000 Euro - und einer identen Konstruktion.

    Sein und Schein

    Abseits der Bühne passen Sein und Schein auch sonst nicht immer zusammen: Fotografen fanden ihre alten Fotos in allerlei Medien. Der Life Ball meint, dass, wer am Ball arbeitet, auch für den Ball arbeite. Die Anwälte der Betroffenen sehen das anders.

    Doch beim Ball selbst geht es um anderes. Um die Botschaft - und Glaubwürdigkeit. Die vermisste wohl jener TV-Star, der kurz vor Showstart zu einer Gruppe Journalisten trat: "Jeder Drogenspürhund würde backstage tot umfallen: Reizüberflutung."

    Der Mann wusste: Er wird nie namentlich zitiert werden, bedauerte eine TV-Reporterin: "Anderswo würde jeder das bringen. Oder es bezeugen. Aber in Österreich wäre das mein letztes Promi-Zitat. Außerdem ist mein Auftrag klar definiert: Hier sind die Guten." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, 21.5.2012)

    • "Fight the Flames of Ignorance": Gery Keszlers Inszenierung am Rathausplatz war im 20. Jahr pompöser denn je zuvor.
      foto: regine hendrich

      "Fight the Flames of Ignorance": Gery Keszlers Inszenierung am Rathausplatz war im 20. Jahr pompöser denn je zuvor.

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