Terrorgedenken als kathartischer Akt

20. Mai 2012, 18:47
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Guillermo Calderón mit "Villa + Discurso" bei den Wiener Festwochen im Brut-Theater

Wien - Der nicht heimliche, sondern eher unheimliche Held der chilenischen Doppelperformance Villa + Discurso im Wiener Brut-Theater im Künstlerhaus ist das Spielzeugmodell eines herrschaftlichen Hauses. In der Villa Grimaldi in Santiago di Chile wurden rund 5000 der Opposition Verdächtigte von der Geheimpolizei des Diktators Pinochet gefoltert und vergewaltigt. 226 Menschen fanden zwischen 1973 und 1988 auf der kaum hektargroßen Anlage den Tod.

In Guillermo Calderóns Einakter Villa steht das Haus der Qualen, von den Häschern großspurig "Kaserne Terranova" (neue Erde) genannt, höchst unscheinbar unter einem Glassturz. Drei junge Frauen umsitzen das Model. Sie griffeln eifrig "Ja" oder "Nein" auf improvisierte Wahlzettelchen, und erst mit dem Auftauchen einer dritten Alternative stößt der demokratische Vorgang an eine unsichtbare Grenze.

Votiert wird über Art und Aussehen einer Gedenkstätte. Diese soll das kaum nachvollziehbare Leid der Opfer im nationalen Gedächtnis präsent halten. Vorschläge werden ausgetauscht, per Akklamation unterstützt oder als ungenügend verworfen. Zur Auswahl stehen der Reihe nach: ein Erlebnisparcours mit überlebenden Opfern als Fremdenführern. Ein nigelnagelneues Museum mit Computerdatenbank und deutschem Wolfshund. Eine Parkanlage, die assoziative Freiräume eröffnen soll.

Calderóns ingeniöses kleines Theaterstück wird vom ansteckenden Diskurs der Schauspielerinnen Francisca Lewin, Macarena Zamudio und Carla Romero getragen. Tatsächlich hat das reale Chile seine Wahl längst getroffen: Nachdem die Militärs ihr Schandhaus zerstört hatten, errichteten die Überlebenden auf dem Gelände einen "Friedenspark". Doch in den Köpfen der Nachgeborenen spukt das Haus weiter herum: ein Giftstoff, umgegossen in ein kleines, weißes, unscheinbares Architekturmodell aus Plastik.

Calderón, der auch Regie führt, weist Chancen und Grenzen der sogenannten "Erinnerungskultur" auf. Er zeigt noch etwas weiteres an: Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind regelrecht theaterfähig. Nur sind ihre Ergebnisse weitaus weniger vorhersagbar als gedacht. Sie können Schmerzen hervorrufen oder ratlos stimmen. Zu Risiken und Nebenwirkungen werden auf der Bühne keine Angaben gemacht.

Etwas weniger überzeugend der auf drei Stimmen verteilte Monolog Discurso: Michelle Bachelet, von 2006 bis 2010 Präsidentin der Republik Chile, hält jene Abschiedsrede, die zu verlesen ihr im wirklichen Leben nicht bestimmt war. Calderón baut ein Puzzle aus politischen Widersprüchen und deren menschlichen Bestandteilen. Zitat: "Ich sehe alles von oben, weil ich die Tochter eines Fliegers bin." Zum Schluss fängt das Häuschen unter Glas bedrohlich an zu beben. (Ronald Pohl/DER STANDARD, 21.5. 2012)

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