Klagelieder für die Disco

20. Mai 2012, 18:45
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Eine der wichtigsten britischen Bands der letzten 30 Jahre gastierte in Wien: New Order. Die Bäuche mögen Wohlstand im fortgeschrittenen Alter signalisieren, die Musik besteht daneben unbeschadet

Wien - Zu Beginn spielten New Order kurz Elegia an. Ein Instrumentalstück, bei dem verlorene Noten tröpferlweise ins schwarze Nichts purzeln. In der Langfassung dauert es über eine Viertelstunde und ist seinem Titel entsprechend ein Klagelied, ein Stück in Ton gesetzte Traurigkeit. Elegia erschien 1985 und gilt als jenes Lied, mit dem die Band aus Manchester Ian Curtis' gedenkt, der im Mai 1980 per Freitod aus dem Leben ging.

Damals hießen New Order noch Joy Division und standen am Beginn einer Weltkarriere, die mit dem endgültigen Ausscheiden ihres Sängers kurz vor einer US-Tournee abrupt endete. Letzten Freitag jährte sich Curtis' Todestag zum 32. Mal, und New Order eröffneten ihr erstes Wien-Konzert seit schändlichen 28 Jahren mit ebenjenem Gedenkstück.

Der Übergang in den zweiten Song illustrierte, wie weit New Order seit damals gegangen sind, ohne die Aura ihrer Vergangenheit abzulegen. Crystal ist eines dieser zart rockenden Stücke Tanzmusik, mit denen New Order berühmt wurden. Nicht so prägnant wie Sub-Culture oder die live gebotenen Songs True Faith und Bizarre Love Triangle, aber doch Hausmarke in der Schnittmenge von Hedonismus und Traurigkeit.

Das Erbe von Joy Division als schattseitige Band in Schwarz-Weiß wurde beim Gang ins Licht zum Segen. Der freudlose Existenzialismus mit seinen Friedhofsbildern und Texten über Angst und Verlorenheit wich zwar zusehends profaneren Sujets, legte die Schwere des Frühwerks aber nie ganz ab.

Trauernd übernahm Bernard Sumner 1980 die Rolle des Sängers, und wie wenig er dafür gebaut war, belegte ihr Auftritt im Gasometer. Und auch, wie egal das ist, denn in dieser Imperfektion, in diesem Idiom, das immer eine leise Melancholie befördert, liegt die Qualität dieser Band.

Mit dem Welthit Blue Monday vollzogen New Order 1983 ihre Neudefinition hin zum Dancefloor. Geprägt von Maschinenrhythmen und mit über sieben Minuten Länge ist Blue Monday bis heute die meistverkaufte Maxisingle der Musikgeschichte.

Schweiß versus Perfektion

Die Liveversion dieses Stücks ließ die Prägnanz der Studioaufnahme zwar vermissen, aber das ist gleichzeitig der Unterschied zwischen einer Band wie New Order und Kraftwerk. Beide schufen monolithische Stücke auf verwandtem künstlerischem Terrain. Doch während Kraftwerk bis heute die antiseptische, schweißfreie Perfektion der Robotermusik anvisiert, sind New Order halt Jungs (und ein Mädel) aus der Working Class in Manchester. Und als solche geht man dort am Wochenende in den Club, tanzt, wirft Drogen ein, säuft, schwitzt und hat eine gute Zeit. Perfektion, das ist für Perfektionisten.

Dabei sind Alben wie Low-Life, Brotherhood oder Technique in sich perfekte Popalben; bis heute gültige Statements bezüglich des jeweiligen Zeitgeists ihres Erscheinungsdatums. Darum kann man heute New Order immer noch hören und live anschauen, ohne sich wie ein hoffnungsloser Nostalgiker vorzukommen. So unverschämt modern Joy Division heute noch klingen, so sehr trotzen viele New-Order-Arbeiten dem Zahn der Zeit.

Da kann Sumner heute 56-jährig ruhig einen Wohlstandsbauch zwischen sich und die Gitarre schieben und zwecks Zeittodschlags dem Segeln im Mittelmeer frönen. Selbst die Abwesenheit des Originalbassisten Peter Hook störte nicht. Zwar hat der den Sound von Joy Division so geprägt wie jenen von New Order - aber Bass ist halt dann doch keine höhere Kunst, die nur von wenigen Auserwählten exekutiert werden kann, der verpflichtete Mietsknecht arbeitete einwandfrei.

Sich bei Institutionen wie New Order über die Songauswahl zu unterhalten wäre briefmarkensammlerisch: Irgendwas wird am Ende immer fehlen. Und gerade als man im Konzert dachte, dass es jetzt zu rockistisch würde, also Gefahr lief, ein wenig gewöhnlich zu klingen, kam eben ein Song wie 5 8 6.

Dominiert von elektronischen Beats aus der Kraftwerk-Schule, war es eines der Stücke, die an diesem Abend relativ werktreu erschienen - aber auch das ist gemessen an der Magie, die diese Stücke heute noch freizusetzen imstande sind, Kleinkram für die Buchhalter.

Ein begeisterter Saal empfing als Zugabe noch Love Will Tear Us Apart - womit die alte Ordnung gewürdigt und der Kreis zu Joy Division geschlossen wurde, die Messe war zu Ende. (Karl Fluch/DER STANDARD, 21.5. 2012)

  • Auch Legenden gehen in die Breite. Bernard Sumner verwaltet mit New 
Order souverän das eigene Gesamtwerk - Joy Division inklusive.
    foto: fischer

    Auch Legenden gehen in die Breite. Bernard Sumner verwaltet mit New Order souverän das eigene Gesamtwerk - Joy Division inklusive.

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