"Dem Österreicher reichen oft 80 Prozent"

Interview |
  • Sebastian Prödl will sich hinter niemandem verstecken. Schon gar nicht im Nationalteam.
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    Sebastian Prödl will sich hinter niemandem verstecken. Schon gar nicht im Nationalteam.

  • Gejubelt wurde in Bremen in letzter Zeit nicht mehr so oft.
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    Gejubelt wurde in Bremen in letzter Zeit nicht mehr so oft.

Sebastian Prödl hat mit Werder Bremen und dem Nationalteam noch viel vor. Der Innenverteidiger im Gespräch über Selbstverantwortung, Genügsamkeit und Ziele für die WM-Qualifikation

Wien - Viel wurde über einen Wechsel spekuliert, doch ÖFB-Teamspieler Sebastian Prödl bleibt drei weitere Jahre bei Werder Bremen. Über das Profifußballer-Dasein sprach der Innenverteidiger mit Florian Vetter.

derStandard.at: Freuen Sie sich, dass Sie ihr Essen nicht mehr durch den Strohhalm zu sich nehmen müssen?

Sebastian Prödl: Der Kieferbruch ist Gott sei Dank schon eine Zeit lang her. Nach der Verletzung (es war ein Tritt von Kaiserslautern-Stürmer Kouemaha an den Kopf, Anm.) habe ich eine gute Nahrungsaufnahme aber sehr zu schätzen gelernt.

derStandard.at: Bremen tritt sportlich auf der Stelle, ist erneut nicht im Europapokal dabei. Warum haben Sie sich dennoch für einen Verbleib entschieden?

Prödl: Ich habe mich bereits für Bremen entschieden, bevor klar war, dass wir die Europa League verpassen. Meine Ziele und die von Werder Bremen decken sich. Ich gehe davon aus, dass es die richtige Entscheidung war und sehe es gelassen.

derStandard.at: Bremen stand einst stellvertretend für Spaßfussball, die Torfabrik befand sich an der Weser. Sind diese Zeiten vorläufig vorbei?

Prödl: Nein, das glaube ich nicht. Bei einem Generationswechsel treten Probleme auf, das ist ganz normal. Die Vereinsverantwortlichen werden es sicher nicht zu lassen, Werder über die Jahre ins graue Mittelfeld verschwinden zu lassen. Wir erheben weiter Anspruch auf Spitzenfußball, es braucht aber Zeit, um wieder dorthin zu kommen.

derStandard.at: Werder hat bereits sechs Spielerabgänge zu verzeichnen. Kann man da überhaupt gestärkt in die kommende Saison gehen?

Prödl: Es gibt einen Umbruch, keine Frage. Pizarro ist weg, ebenso Tim Wiese. Naldo und Sokratis lassen ihre Zukunft offen. Jetzt müssen sich andere Spieler beweisen, die in der Vergangenheit noch nicht groß aufgetreten sind. Ich bin zuversichtlich für die kommende Saison, denke aber in größeren Zeiträumen. Für mich bedeutet eine erfolgreiche Zukunft, dass Werder Bremen in den nächsten fünf bis zehn Jahren wieder im obersten Tabellenbereich mitspielt.

derStandard.at: Sie hatten bereits mehrere schwere Verletzungen. Denken Sie in der Reha manchmal, dass es nicht mehr geht?

Prödl: Die ersten Wochen sind katastrophal. Ich kann aber mittlerweile relativ schnell den Schalter umlegen, und mich darauf fokussieren, wieder fit zu werden. Mir geht es auch nicht mehr so schlecht, weil ich schon eine gewisse Routine habe.

derStandard.at: Wird auf manche Trainingsbereiche ein besonderer Fokus gelegt, vor allem in Bezug auf ihre Verletzungen?

Prödl: Es geht um viele Kleinigkeiten. In meinem Training sind natürlich Übungen zur Verletzungsprophylaxe eingebaut. Ich mache auch Mentaltraining und Life-Kinetik-Training (Gehirn-Jogging mit Bewegung, Anm.). Augentraining steht ebenfalls auf dem Programm. Ich hab schon einiges ausprobiert, manches hat gefruchtet, manches nicht. Als Fußballprofi hat man eine Verantwortung, sich zu weiterzuentwickeln, wenn man etwas erreichen will. Vor allem weil der Zeitraum, in dem man spielen kann, ja nur ganz kurz ist. Ich bin ehrgeizig und auch stur, für mich geht es darum, jedes zusätzliche Prozent heraus zu kitzeln.

derStandard.at: Bezüglich Verantwortung: In der Vergangenheit hatte Bremen immer wieder chronische Probleme mit der Disziplin seiner Spieler. Der Verein hat darauf mit einem umfangreichen Strafenkatalog reagiert. Wer das Training spritzt, muss 2000 Euro zahlen. Warum sind ausgerechnet Sie der Geldeintreiber?

Prödl: Letztes Jahr ist Kapitän Clemens Fritz auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich ihn unterstützen könnte. Als Kapitän hat er noch eine Vielzahl anderer Aufgaben und so bat er mich die Mannschaftskasse zu übernehmen. Nachdem ich schon ein paar Jahre bei Werder bin und die Akzeptanz in der Mannschaft spüre, hab ich das gerne gemacht. Es ist zwar nicht immer ein angenehmer Job, aber Disziplin gehört dazu. Wenn ich einen Teil dazu beitragen kann, ist das schon ok. Ich habe auch schon eingezahlt.

derStandard.at: Kommen wir zum österreichischen Fußball. Verfolgen Sie das Geschehen in der österreichischen Liga?

Prödl: Ich weiß über die Ergebnisse Bescheid, verfolge die Spiele aber nicht mehr so intensiv wie in meinem ersten Jahr in Bremen. Über meine ehemaligen Teamkollegen aus Graz erfahre ich aber schon noch Details.

derStandard.at: Eine qualitative Bestandsaufnahme?

Prödl: Wenn ich am Sonntag auf der Couch regeneriere und im Fernsehen die deutsche und österreichische Bundesliga parallel läuft, dann werden die Unterschiede beim Hin- und Herschalten deutlich. Das Tempo in Deutschland ist viel höher, das Niveau in der Liga ist auch viel ausgeglichener.

derStandard.at: Zlatko Junuzovic sagte vor kurzem, Deutschland sei "taktisch eine andere Welt". Wie sehen Sie das?

Prödl: Bei der taktischen Ausrichtung sehe ich nicht so große Unterschiede. In Deutschland muss die Taktik einfach nur auf einem viel schnelleren und höheren Niveau praktiziert werden. Ich glaube, dass Zlatko das auch so gemeint hat. Es geht um Perfektion. Wenn du dir taktische Fehler erlaubst, wirst du bei zehn Angriffen fünfmal bestraft. In Österreich bekommst du bei zehn Angriffen zweimal die Rechnung präsentiert.

derStandard.at: Der Innenverteidiger sei der neue Spielgestalter, heißt es. Können Sie damit etwas anfangen?

Prödl: Für mich ist der Begriff Spielgestalter eine Übertreibung, auch wenn etwas Wahres dran ist. In Österreich gilt die Konzentration der Verteidigung. Bei Bremen musste ich lernen, Situationen nicht nur zu lösen, sondern auch einzuleiten. Mir gefällt es, offensiv mitzuarbeiten, dafür ist aber eine gehörige Portion Abgeklärtheit notwendig.

derStandard.at: Im Nationalteam herrscht in der Innenverteidigung mächtiger Konkurrenzkampf. Da muss sich sogar ein Dragovic anstellen. Ist das zusätzliche Motivation für Sie?

Prödl: Konkurrenzkampf ist immer wichtig, vor allem wenn er auf hohem Niveau stattfindet. Wenn 80 Prozent reichen, gibt der Österreicher nur 80 Prozent. Es geht aber darum, 100 Prozent zu investieren, auch wenn andere Spiele schwächer sind. Wir haben einige sehr gute Verteidiger und es kann nicht jeder spielen. Wenn ich aber fit bin und meine Leistung passt, dann werde ich eine wichtige Position im Team einnehmen.

derStandard.at: Was erwarten Sie sich von der WM-Qualifikation?

Prödl: Es geht darum, endlich das Potenzial auszuschöpfen, das in der Mannschaft steckt. Wir müssen außerdem ein Spielsystem finden, das einen Wiedererkennungswert hat. Die Gegner müssen uns für unser Auftreten respektieren.

derStandard.at: Welche Chancen sehen Sie gegen Schweden und Irland? Der irische Kader kickt fast komplett in der englischen Premier League.

Prödl: Es geht nicht nur um das WM-Ticket, sondern auch darum, auf Augenhöhe mit Irland und Schweden zu kommen. In diese Klasse müssen wir kommen. Länder wie Belgien, Türkei oder Griechenland haben keine besseren Spieler als wir. Sie qualifizieren sich aber kontinuierlich für Turniere. Der erste Platz ist nur realistisch, wenn die Deutschen schwächeln. Aber Platz zwei muss das Ziel sein.

derStandard.at: Teamchef Koller wird wohl in den kommenden Spielen wieder elf Legionäre aufs Feld schicken - der richtige Weg?

Prödl: Es geht nicht um das Thema Legionäre. Was wir brauchen, ist ein Pool von 30 bis 40 Spielern, von denen immer diejenigen spielen, die gerade am besten drauf sind. Wir haben ja nicht so viel Zeit miteinander zu arbeiten, darum ist ein Stamm so wichtig, der weiß wie er miteinander spielt. (Florian Vetter, derStandard.at, 20.5.2012)

Sebastian Prödl (24) spielt seit 2008 für Werder Bremen und kam bisher auf 72 Bundesligaspiele. Im Nationalteam stehen 32 Einsätze zu Buche.

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