"Dem Österreicher reichen oft 80 Prozent"

Interview | Florian Vetter
22. Mai 2012, 08:29
  • Sebastian Prödl will sich hinter niemandem verstecken. Schon gar nicht im Nationalteam.
    foto: ap/punz

    Sebastian Prödl will sich hinter niemandem verstecken. Schon gar nicht im Nationalteam.

  • Gejubelt wurde in Bremen in letzter Zeit nicht mehr so oft.
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    Gejubelt wurde in Bremen in letzter Zeit nicht mehr so oft.

Sebastian Prödl hat mit Werder Bremen und dem Nationalteam noch viel vor. Der Innenverteidiger im Gespräch über Selbstverantwortung, Genügsamkeit und Ziele für die WM-Qualifikation

Wien - Viel wurde über einen Wechsel spekuliert, doch ÖFB-Teamspieler Sebastian Prödl bleibt drei weitere Jahre bei Werder Bremen. Über das Profifußballer-Dasein sprach der Innenverteidiger mit Florian Vetter.

derStandard.at: Freuen Sie sich, dass Sie ihr Essen nicht mehr durch den Strohhalm zu sich nehmen müssen?

Sebastian Prödl: Der Kieferbruch ist Gott sei Dank schon eine Zeit lang her. Nach der Verletzung (es war ein Tritt von Kaiserslautern-Stürmer Kouemaha an den Kopf, Anm.) habe ich eine gute Nahrungsaufnahme aber sehr zu schätzen gelernt.

derStandard.at: Bremen tritt sportlich auf der Stelle, ist erneut nicht im Europapokal dabei. Warum haben Sie sich dennoch für einen Verbleib entschieden?

Prödl: Ich habe mich bereits für Bremen entschieden, bevor klar war, dass wir die Europa League verpassen. Meine Ziele und die von Werder Bremen decken sich. Ich gehe davon aus, dass es die richtige Entscheidung war und sehe es gelassen.

derStandard.at: Bremen stand einst stellvertretend für Spaßfussball, die Torfabrik befand sich an der Weser. Sind diese Zeiten vorläufig vorbei?

Prödl: Nein, das glaube ich nicht. Bei einem Generationswechsel treten Probleme auf, das ist ganz normal. Die Vereinsverantwortlichen werden es sicher nicht zu lassen, Werder über die Jahre ins graue Mittelfeld verschwinden zu lassen. Wir erheben weiter Anspruch auf Spitzenfußball, es braucht aber Zeit, um wieder dorthin zu kommen.

derStandard.at: Werder hat bereits sechs Spielerabgänge zu verzeichnen. Kann man da überhaupt gestärkt in die kommende Saison gehen?

Prödl: Es gibt einen Umbruch, keine Frage. Pizarro ist weg, ebenso Tim Wiese. Naldo und Sokratis lassen ihre Zukunft offen. Jetzt müssen sich andere Spieler beweisen, die in der Vergangenheit noch nicht groß aufgetreten sind. Ich bin zuversichtlich für die kommende Saison, denke aber in größeren Zeiträumen. Für mich bedeutet eine erfolgreiche Zukunft, dass Werder Bremen in den nächsten fünf bis zehn Jahren wieder im obersten Tabellenbereich mitspielt.

derStandard.at: Sie hatten bereits mehrere schwere Verletzungen. Denken Sie in der Reha manchmal, dass es nicht mehr geht?

Prödl: Die ersten Wochen sind katastrophal. Ich kann aber mittlerweile relativ schnell den Schalter umlegen, und mich darauf fokussieren, wieder fit zu werden. Mir geht es auch nicht mehr so schlecht, weil ich schon eine gewisse Routine habe.

derStandard.at: Wird auf manche Trainingsbereiche ein besonderer Fokus gelegt, vor allem in Bezug auf ihre Verletzungen?

Prödl: Es geht um viele Kleinigkeiten. In meinem Training sind natürlich Übungen zur Verletzungsprophylaxe eingebaut. Ich mache auch Mentaltraining und Life-Kinetik-Training (Gehirn-Jogging mit Bewegung, Anm.). Augentraining steht ebenfalls auf dem Programm. Ich hab schon einiges ausprobiert, manches hat gefruchtet, manches nicht. Als Fußballprofi hat man eine Verantwortung, sich zu weiterzuentwickeln, wenn man etwas erreichen will. Vor allem weil der Zeitraum, in dem man spielen kann, ja nur ganz kurz ist. Ich bin ehrgeizig und auch stur, für mich geht es darum, jedes zusätzliche Prozent heraus zu kitzeln.

derStandard.at: Bezüglich Verantwortung: In der Vergangenheit hatte Bremen immer wieder chronische Probleme mit der Disziplin seiner Spieler. Der Verein hat darauf mit einem umfangreichen Strafenkatalog reagiert. Wer das Training spritzt, muss 2000 Euro zahlen. Warum sind ausgerechnet Sie der Geldeintreiber?

Prödl: Letztes Jahr ist Kapitän Clemens Fritz auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich ihn unterstützen könnte. Als Kapitän hat er noch eine Vielzahl anderer Aufgaben und so bat er mich die Mannschaftskasse zu übernehmen. Nachdem ich schon ein paar Jahre bei Werder bin und die Akzeptanz in der Mannschaft spüre, hab ich das gerne gemacht. Es ist zwar nicht immer ein angenehmer Job, aber Disziplin gehört dazu. Wenn ich einen Teil dazu beitragen kann, ist das schon ok. Ich habe auch schon eingezahlt.

derStandard.at: Kommen wir zum österreichischen Fußball. Verfolgen Sie das Geschehen in der österreichischen Liga?

Prödl: Ich weiß über die Ergebnisse Bescheid, verfolge die Spiele aber nicht mehr so intensiv wie in meinem ersten Jahr in Bremen. Über meine ehemaligen Teamkollegen aus Graz erfahre ich aber schon noch Details.

derStandard.at: Eine qualitative Bestandsaufnahme?

Prödl: Wenn ich am Sonntag auf der Couch regeneriere und im Fernsehen die deutsche und österreichische Bundesliga parallel läuft, dann werden die Unterschiede beim Hin- und Herschalten deutlich. Das Tempo in Deutschland ist viel höher, das Niveau in der Liga ist auch viel ausgeglichener.

derStandard.at: Zlatko Junuzovic sagte vor kurzem, Deutschland sei "taktisch eine andere Welt". Wie sehen Sie das?

Prödl: Bei der taktischen Ausrichtung sehe ich nicht so große Unterschiede. In Deutschland muss die Taktik einfach nur auf einem viel schnelleren und höheren Niveau praktiziert werden. Ich glaube, dass Zlatko das auch so gemeint hat. Es geht um Perfektion. Wenn du dir taktische Fehler erlaubst, wirst du bei zehn Angriffen fünfmal bestraft. In Österreich bekommst du bei zehn Angriffen zweimal die Rechnung präsentiert.

derStandard.at: Der Innenverteidiger sei der neue Spielgestalter, heißt es. Können Sie damit etwas anfangen?

Prödl: Für mich ist der Begriff Spielgestalter eine Übertreibung, auch wenn etwas Wahres dran ist. In Österreich gilt die Konzentration der Verteidigung. Bei Bremen musste ich lernen, Situationen nicht nur zu lösen, sondern auch einzuleiten. Mir gefällt es, offensiv mitzuarbeiten, dafür ist aber eine gehörige Portion Abgeklärtheit notwendig.

derStandard.at: Im Nationalteam herrscht in der Innenverteidigung mächtiger Konkurrenzkampf. Da muss sich sogar ein Dragovic anstellen. Ist das zusätzliche Motivation für Sie?

Prödl: Konkurrenzkampf ist immer wichtig, vor allem wenn er auf hohem Niveau stattfindet. Wenn 80 Prozent reichen, gibt der Österreicher nur 80 Prozent. Es geht aber darum, 100 Prozent zu investieren, auch wenn andere Spiele schwächer sind. Wir haben einige sehr gute Verteidiger und es kann nicht jeder spielen. Wenn ich aber fit bin und meine Leistung passt, dann werde ich eine wichtige Position im Team einnehmen.

derStandard.at: Was erwarten Sie sich von der WM-Qualifikation?

Prödl: Es geht darum, endlich das Potenzial auszuschöpfen, das in der Mannschaft steckt. Wir müssen außerdem ein Spielsystem finden, das einen Wiedererkennungswert hat. Die Gegner müssen uns für unser Auftreten respektieren.

derStandard.at: Welche Chancen sehen Sie gegen Schweden und Irland? Der irische Kader kickt fast komplett in der englischen Premier League.

Prödl: Es geht nicht nur um das WM-Ticket, sondern auch darum, auf Augenhöhe mit Irland und Schweden zu kommen. In diese Klasse müssen wir kommen. Länder wie Belgien, Türkei oder Griechenland haben keine besseren Spieler als wir. Sie qualifizieren sich aber kontinuierlich für Turniere. Der erste Platz ist nur realistisch, wenn die Deutschen schwächeln. Aber Platz zwei muss das Ziel sein.

derStandard.at: Teamchef Koller wird wohl in den kommenden Spielen wieder elf Legionäre aufs Feld schicken - der richtige Weg?

Prödl: Es geht nicht um das Thema Legionäre. Was wir brauchen, ist ein Pool von 30 bis 40 Spielern, von denen immer diejenigen spielen, die gerade am besten drauf sind. Wir haben ja nicht so viel Zeit miteinander zu arbeiten, darum ist ein Stamm so wichtig, der weiß wie er miteinander spielt. (Florian Vetter, derStandard.at, 20.5.2012)

Sebastian Prödl (24) spielt seit 2008 für Werder Bremen und kam bisher auf 72 Bundesligaspiele. Im Nationalteam stehen 32 Einsätze zu Buche.

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das mit dem 100 % geben usw

ist relativ. wenn ich mir in meinem arbeitsfeld kollegen anschaue, die "100 %" geben, dann kann ich auf einen derartigen arbeitseinsatz gerne verzichten, da mein privatleben inexistent wäre. 70 oder 80 % zu geben kann vielleicht langfristig mehr sein als für ein paar jahre 100 % gegeben zu haben und dann völlig ausgebrannt zu sein. ich sehe das überall auch bei jungen kollegen. jahrelang wurde 6 tage die woche oder mehr gearbeitet, nur um hin und wieder einen schulterklopfer zu bekommen. das endet dann oft unschön. seine mitarbeiter derart auszubeuten halte ich ja überhaupt für unprofessionell, außer man hat nicht vor sie lange zu behalten. aber vermutlich hat der basti mit 100 % die einstellung in konkreten situationen gemeint.

..."Für mich bedeutet eine erfolgreiche Zukunft, dass Werder Bremen in den nächsten fünf bis zehn Jahren wieder im obersten Tabellenbereich mitspielt..."

Das kann doch wohl nicht ernst gemeint sein...ich meine okay, sicherlich benötigt man bei einem sog. "Generationswechsel" einige Zeit um eine erfolgreiche Mannschaft auf die Beine zu stellen, aber bitt nicht bis zu 10 Jahren...

Erfolgreiche Zukunft heißt in max. 2-3 Jahren Erfolg zu haben...in 10 Jahren spielt der Hr. Prödl eh keinen Fußball mehr...

80% sind ja auch mehr als genug...

Und zwar in fast allen Lebensbereichen. Man muss sich ja Reserven für die wirklich wichtigen Dinge im Leben schaffen. Sonst ist man auch nur ein Hamster im Rad. Ein Fussballer der wenn´s hoch kommt 2 mal am Tag trainiert, kann ruhig 1-2 mal die Woche 90 min. lang alles geben, weil im Vergleich zu einem "normalen" Arbeiter, egal welcher Berufsgruppe, ist das ein lächerlich geringer Arbeitsaufwand. Was soll ein Arzt sagen der 60-70 Wochenstunden volle Verantwortung trägt? Ich hab´s zwar nicht umgerechnet, aber mit ein paar Liegestütz verdient ein gut bezahlter "Kicker" wohl so viel wie ein Arzt in einer Woche.

Solche Aussagen können eigentlich nur von jemandem kommen der selbst nie Fußball gespielt hat.

Ich habe zwar nie selber Fußball gespielt (zumindest nicht vereinsmäßig), aber so einen Blödsinn würde ich nie von mir geben.

Dieser ewige Neid auf andere Berufsgruppen als die eigene ist etwas, was mich furchtbar ankotzt.

Buhuhu, die anderen haben es ja so gut! Die einen haben so viel frei, die anderen haben nichts zu tun und damit keinen Stress, und wieder andere verdienen sich dumm und dämlich. Nur ich selbst muss hackeln wie ein Berserker, bin unterbezahlt und überhaupt, buhuhu...

Das Denken über die eigene Nasenspitze hinaus ist anscheinend für viele Menschen eine absolute Unmöglichkeit. Da Neid is wos grauslichs!

Sicher hat Herr Prödl da etwas untertrieben.

80 % reichen schon längst nicht mehr.
60 % haben die meisten Flaschen,
vom Strohrum.

Dem Volk sein Nationalteam. Oder so ähnlich..

Ja der Basti muss dass wissen ;-)

"Dem Österreicher reichen oft 80 Prozent"

deshalb bleibt der österreicher auch bei einem mittelständler/abstiegskandidaten anstatt sich der sportlichen herausforderung der spitze zu stellen

und selbst, Astronaut oder Präsident?

seit einem jahrzehnt firmeneigentümer

Eine Firma gründet sich schnell ;)

Cooler Nick, Les Mis lässt grüßen!

gründen ja, ein jahrzehnt überleben ist ganz ein anderes kapitel

Finanzberater bei der AWD?

hoffentlich keine mittelständische Firma!

falscher maßstab - als mittelständischer unternehmer bin ich im bestdenkbaren bereich - seit einem jahrzehnt aktiv, gutes leben, firma schuldenfrei, von niemandem abhängig, mitarbeiter hochzufrieden ...

Schade, dass ich dafür nicht zwei Mal grün geben kann....

Neue Liga!

Alpen Adria: Die Staaten der, nun mal ganz entspannt bitte, früheren Monarchie in einer Liga mit 12 Teams

Wird spannend wenns um die CL Qualifikation geht.

das ist sehr einfach:

Wer nicht Meister dieser Liga wird, nimmt an der CL nicht teil.

na, bitte nicht

super idee

ac milan und inter werden sicher sofort zusagen.

vllt nicht, aber mit Slowenien etwa könnte man sich schon zusammentun - klappt ja im Hockey auch.

Also der Dragovic hats dem Schwizer Bundesrat 100%ig gezeigt

Der Dragovic...

ist einfach noch ein dummes Kind... Und solche Schwachmaten werden in den Sportartikeln zu Helden der Nation hochstilisiert. Da sieht man wieder was für eine lächerliche Scheinwelt der Fussball ist.

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