Der Geist der Versöhnung wirkt nur manchmal

Kopf des Tages18. Mai 2012, 22:37
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Camp David, Landsitz und Verhandlungsort der US-Präsidenten

Man muss Dwight Eisenhower für seinen Familiensinn dankbar sein. Hätte er den Landsitz des amerikanischen Präsidenten nicht nach seinem damals fünfjährigen Enkel David benannt, dann würde der Platz bis heute "Shangri-La" heißen. Das war der Name, den sich sein Vorvorgänger Franklin D. Roosevelt ausgedacht hatte, nachdem er James Hiltons Himalaya-Fantasie Lost Horizon gelesen hatte. 1942 tief in die Bergwelt von Maryland hineingebaut, sollte das entlegene Blockhaus-Areal dem Präsidenten als Ort der Entspannung und der Zuflucht vor Bombenangriffen dienen.

Doch heute ist Shangri-La eine Hotelkette, und eine Konferenz oder ein Abkommen mit diesem Namen würde niemand ernst nehmen. Camp David hingegen ist zum Synonym für eine bestimmte Art der Diplomatie geworden, die gerade amerikanische Präsidenten gerne pflegen: Wenn man Streithähne an einem informellen Ort isoliert und sie genügend unter Druck setzt, dann lenken sie irgendwann ein.

Dieses Kunststück gelang vor allem Jimmy Carter im September 1978, als er Ägyptens Staatschef Anwar al-Sadat und Israels Premier Menachem Begin in 13 Tagen dazu brachte, das Rahmenabkommen für einen Friedensvertrag zu unterzeichnen. Bill Clinton hoffte im Juli 2000 auf ein ähnliches Wunder mit Palästinenserchef Yassir Arafat und Israels Premier Ehud Barak. Doch dieser Camp-David-Gipfel endete im Streit und löste die zweite Intifada aus.

Harmonisch war hingegen der erste Besuch eines ausländischen Politikers - von Winston Churchill im Mai 1943. Und auch Eisenhower zelebrierte mit dem Sowjetführer Nikita Chruschtschow im September 1959 den versöhnlichen "Geist von Camp David" - bevor der Abschuss einer U2-Spionagemaschine über der Sowjetunion diesen ein halbes Jahr später wieder zunichtemachte.

Dutzende Staats- und Regierungschef waren seither zu Gast in dem 100 Kilometer nordwestlich von Washington gelegenen Gelände, das offiziell "Naval Support Facility Thurmont" heißt und der US-Marine untersteht. Vor allem republikanische Präsidenten wie Ronald Reagan und George W. Bush verbrachten auch viel Freizeit dort, während Barack Obama an der Landidylle bisher wenig Gefallen fand. Dass er nun die G-8-Chefs dorthin lädt, hat einen anderen Grund: Für Occupy- und andere Demonstranten ist der Ort unerreichbar. Nicht einmal auf der Landkarte ist Camp David eingezeichnet. (Eric Frey /DER STANDARD, 19.5.2012)

 

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