Der Gute Hirte als "Babysitter"

19. Mai 2012, 16:34
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Nach 34 Jahren Diskussionen ist nun eine Übersetzung der Bibel in Inuktitut, der Sprache der Inuit, fertig

In der Arktis gibt es weder Esel noch Palmen und schon gar keine Granatäpfel. Und deshalb haben die Inuit gar keine Wörter dafür. Diese Dinge kommen aber alle in einer Bibel-Version vor, die jetzt in der häufigsten Sprache der Inuit in Kanadas Arktis, Inuktitut, vollendet worden ist. Vierunddreißig Jahre hat die Übersetzung dieser Bibel für die Inuit insgesamt gedauert.

Leute, die das lange finden, sollten einmal versuchen, Inuktitut-Wörter für exotische Flora und Fauna neu zu erfinden - geschweige denn für Ausdrücke wie "Erlösung", die den Inuit so fremd sind wie die biblische Wüstenlandschaft. Man behalf sich mit der Umschreibung "Rettung aus einer Gefahr".

Kapitulation der Übersetzer bei "Kamel" und "Palme"

Die einheimischen Inuit-Übersetzer mussten kreativ werden. Jesus reitet nun halt auf "einem Tier, das lange Ohren hat" nach Jerusalem. Gemeint ist natürlich ein Esel. Ein bisschen schwieriger war es mit Gleichnissen: Wie übersetzt man den "guten Hirten" für Menschen, die Tiere jagen, aber nicht hüten?

In der neuen Inuit-Bibel, die im Juni in der Silbensprache veröffentlicht wird, die kanadische Inuit anstelle der römischen Schrift gebrauchen, wurde man kreativ: Der Gute Hirte wandelte sich zu einer Art " Babysitter, der sich um Schlittenhunde kümmert". Da seine Schäfchen, die verlorenen Seelen, aber prominent in der Bibel vorkommen, musste auch dafür eine Umschreibung gefunden werden: Sie wurden zu "Tieren mit gekräuseltem Haar". Bei "Kamel" und "Palme" indes haben die Übersetzer kapituliert: Sie nahmen einfach das englische Wort. Der Granatapfel wurde eine "süße Frucht mit vielen Kernen".

Fleißige Kirchgänger

Die Kanadische Bibelgesellschaft, die die Übersetzung zusammen mit der anglikanischen Kirche finanzierte, wollte sichergehen, dass die Bibel in den Ohren der rund 30.000 christlichen Inuit richtig klingt - gehören sie doch zu den fleißigsten Kirchgängern Kanadas. Deshalb sind alle Übersetzer Inuit, zum Beispiel Jonas Allooloo aus dem 1600-Seelen-Dorf Puvirnituq an der Hudson Bay. Der 65-jährige Priester arbeitete seit 1978 mehrere Wochen jährlich an dem Projekt mit. Kopfzerbrechen bereiteten ihm Ausdrücke wie Frieden, denn die ohnehin friedlichen Inuit haben kein Wort dafür. So beschrieb ihn Allooloo als Zustand ohne Krieg oder als eine Person, die ruhig ist. Gnade, ein den Inuit überhaupt völlig fremdes Konzept, übersetzte der Priester mit "unverdienter Gefallen", und ein Wunder mit "etwas, das man nicht jeden Tag sieht".

Da früher deutsche Missionare Teile der Bibel übersetzten, sind manche ihrer Ausdrücke bis heute gebräuchlich. Gott nennen die Inuit bis heute guti und den Teufel satanisi. Beim Begriff Hölle ist es auch simpel: Kapeianatuvik ist ein "Ort, wo man gequält wird". Der Himmel, quillak, heißt "das Dach deines Mundes". Das Paradies dagegen ist "ein Ort, wo man glücklich ist". Und das kann ja letztlich im Eis genauso sein wie in der Wüste. (Bernadette Calonego, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

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    Der "Babysitter, der sich um Schlittenhunde kümmert", ist die Inuktituk-Version des biblischen Guten Hirten.

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