Deutschstreit am Musikkonservatorium

18. Mai 2012, 19:16
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Der Wiener Stadtschulrat verlangt von Lehrenden von Musikkonservatorien neuerdings verbriefte Deutschkenntnisse auf B2-Niveau - Österreichische Uni-Abschlüsse und Einbürgerung gelten nicht, ein Rechtsstreit tobt

Wien - Seit 1958 lebt der Sänger Christopher Norton-Welsh (77) in Wien, seit 1989 ist der gebürtige Schotte österreichischer Staatsbürger - und unterrichtet neben der Pension seit inzwischen zehn Jahren im Wiener Prayner Konservatorium für Musik und dramatische Kunst Sologesang.

Seit April jedoch ist unklar, ob er das wirklich darf, konkret: ob er gut genug Deutsch dafür kann. Denn der Wiener Stadtschulrat verlangt eine Bestätigung, dass Norton-Welsh die "österreichische Unterrichtssprache, Sprachniveau B2" beherrscht. "Daher habe ich vergangenen Samstag an einer Wiener Sprachschule eine Deutschprüfung abgelegt", erzählt der Sänger.

Dabei war Norton-Welsh nicht allein. Insgesamt 13 Unterrichtende des Prayner und des Vienna Konservatoriums mussten bisher zum Test antreten. Betroffen sind Künstler und Lehrer aus Polen, der Ukraine, Südkorea und anderen Ländern, die nachweisen müssen, dass sie sich "spontan und fließend verständigen" und "im eigenen Spezialgebiet Fachdiskussionen stellen" können: So, wie es Sprachniveau B2 laut des "Europäischen Referenzrahmens für Sprachen" entspricht.

Rechtlich abgesichert

"Die Deutschprüfungen waren der einzige Ausweg. Anders wären wir rechtlich nicht auf der sicheren Seite", schildert Konservatorium-Betreiber Josef Schmid. Zwar habe er den Stadtschulrat darauf hingewiesen, dass viele der betroffenen Kollegen schon lange eingebürgert seien und österreichische Uni-Diplome besäßen. Aber das habe nicht ausgereicht: "Die Verwendung dieser Lehrer wurde uns per Bescheid untersagt." Dagegen hat Schmid beim Unterrichtsministerium berufen. Die Entscheidung ist offen.

Für den Konservatoriumschef ist die B2-Deutschnachweispflicht neu: "Davor wurde sie noch nie von uns verlangt." Aber sie habe im Grunde schon immer gegolten, erwidert beim Stadtschulrat Abteilungsleiter Walter Grafinger unter Hinweis aufs Bundes- und Landeslehrergesetz.

"Die Unterrichtssprache an österreichischen Schulen ist Deutsch. Das gilt auch für Unterrichtende mit nichtdeutscher Muttersprache", sagt Grafinger. Für den Sprachwissenschafter Rudolf de Cillia ist das eine "sehr enge Sichtweise. Wenn jemand seit Jahrzehnten in einem anderen Land lebt, kann von fremder Muttersprachlichkeit nicht mehr die Rede sein", meint er.(Irene Brickner, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

  • Lehrer aus der ganzen Welt, Unterrichtssprache Deutsch: Das Prayner 
Konservatorium in Wien - hier der Festsaal - steht im Fokus eines neuen 
Sprachenkonflikts.
    foto: standard/corn

    Lehrer aus der ganzen Welt, Unterrichtssprache Deutsch: Das Prayner Konservatorium in Wien - hier der Festsaal - steht im Fokus eines neuen Sprachenkonflikts.

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