Griechische Tragödie

Kommentar der anderen18. Mai 2012, 22:40
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Warum den Griechen letztendlich wohl keine andere Wahl bleiben wird, als die Eurozone zu verlassen

Wenn ich die moderne griechische Tragödie verfolge, die sich derzeit in Europa abspielt, muss ich an die 18 Jahre zurückdenken, die ich selbst in Athen verbracht habe, und sehe mich auf dem Schulweg in der Plaka (dem alten Stadtzentrum) durch dieselben Straßen laufen, die zuletzt von Demonstranten und gewaltsamen Zusammenstößen beherrscht waren.

Während dieser frühen Jahre war meine Familie eine Art Mikro kosmos der derzeitigen griechischen Ökonomie. Wir waren schwer verschuldet, die wiederholten Bemühungen meines Vaters, einen Zeitungsverlag zu übernehmen, endeten im Bank rott. Eines Tages nahm meine Mutter meine Schwester und mich und verließ ihn (allerdings nicht wegen des Bankrotts ...).

In den folgenden Jahren mussten wir uns sehr einschränken, aber eines war für meine Mutter immer klar: Sie würde bei allem sparen, nur nicht bei unserer Ausbildung und gutem, gesundem Essen. Sie besaß zwei Kleider und gab nie etwas für sich selbst aus. Ich erinnere mich, wie sie ihr letztes Paar kleiner goldener Ohrringe verkaufte. Sie borgte Geld, von wem immer sie es kriegen konnte, um ihren Töchtern den Traum von einer guten Ausbildung zu erfüllen - meiner in Cambridge und die meiner Schwester in der Royal Drama School in London. Zu dieser Zeit brauchten griechische Mädchen noch eine Mitgift, um zu heiraten. Meine Mutter pflegte immer zu mir zu sagen: "Eure Erziehung ist eure Mitgift".

Wenn ich mir die Statistiken anschaue - insbesondere die 54 Prozent Arbeitslosen unter den jungen Griechen - denke ich an all die Schicksale hinter den Zahlen. An all die ruinierten Träume, die uneingelösten Versprechen. Und an die Schuldgefühle, die Scham und die Furcht, die meist mit Dauerarbeitslosigkeit ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft Hand in Hand gehen.

Der derzeitige Sparkurs und der Rückgang der Wirtschaftsleistung werden 2013 zu noch mehr Stagnation führen, die sich nicht fortsetzen darf. Und wie die Wahlergebnisse zuletzt gezeigt haben, sind die Griechen auch nicht bereit, das zuzulassen. Stattdessen werden sie eine Wende fordern - entweder per Stimmzettel oder gewaltsam auf der Straße oder in einer Kombination aus beidem.

Die Risiken, die mit gewaltsamen Demos verbunden sind, sind offensichtlich. Aber auch an den Urnen lauert die Gefahr: Die Rechtsextremen gewannen 7 Prozent, während die Pasok 119 Sitze im Parlament verlor. Wenn die EZB nicht von ihrem obsessiven Sparkurs abrückt, wird Griechenland wohl nichts anderes übrigbleiben, als aus der Eurozone auszutreten. Was natürlich erst recht riskant ist, aber die EU hat Griechenland kaum eine andere Wahl gelassen.

Argentiniens Finanzkollaps und die Restrukturierung des Landes ab 2001 bietet eine gute Vergleichsmöglichkeit. Die Sparprediger warnten davor, dass Argentinien zusammenbrechen würde, wenn es den Peso vom Dollar abkoppelt und das Land auf seinen Schulden sitzenbleiben würde. Es gibt viele Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Aber Argentiniens Zusammenbruch folgten nur wenige Monate der Wirtschaftskrise mit anschließendem stetigen Wachstum - eine völlig andere Linie also als der Weg, den Griechenland nun offenbar geht - nämlich in Richtung einer endlosen Rezession, die Millionen von Existenzen zerstört und den unbeugsamen griechischen Geist lähmt.

Ja, die Griechen haben vor dem ökonomischen Desaster unverantwortlich agiert, so wie auch mein Vater in seinem privaten und wirtschaftlichen Leben unverantwortlich agiert hat. Aber das ist kein Grund, die Kinder zu strafen, indem man - als Antwort auf Fehlleistungen in der Vergangenheit, für die sie nichts können - ihre Zukunft zerstört.

Ich habe vergangenen Sommer viele Nächte auf dem Syntagma- Platz verbracht und die Vielfalt der Protestbewegung erlebt: Junge, Alte, Selbstständige, Arbeiter, Aktivisten, Pensionisten ... Und sie alle vereinte nur ein Wunsch: ihre Stimme zu erheben für eine selbstbestimmtere Zukunft mit mehr Wahlmöglichkeiten als jene, die ihnen die EZB offeriert.

Als Giorgos Papandreou, der vergangenen November zurückgetretene Premier, einmal unseren Newsroom besuchte, gab er diesen Gefühlen Ausdruck: "Die Menschen haben den Eindruck, zu Unrecht bestraft zu werden, weil sie der Ansicht sind, dass sie an der Krise keine Schuld trifft", sagte er. Griechenland hat, so wie meine Mutter, immer das Wohl seiner Kinder über alles gestellt. Wer diesen Kindern die Zukunft nimmt, schwächt auch die Lebensfähigkeit des Landes.

Mein Lieblingsbild von den Protesten ist das von einem jungen Mann, der seine geballte Faust gegen die Polizisten reckt, während ihm seine Mutter neben ihm eine Jacke um die Schultern legt, damit er sich nicht verkühlt. Wenn Griechenland nicht aus der Sackgasse der von der Sparwut angetriebenen Rezession rausfindet, werden diese Kinder revoltieren und ihre Eltern werden ihnen zur Seite stehen, sie anlächeln und schützend über sie wachen. Und wenn Eine-Zukunft-Haben bedeutet, die Eurozone zu verlassen, dann werden sich die Griechen wohl dafür entscheiden. (Arianna Huffington, DER STANDARD, 16./17.5.2012)

Autorin

Arianna Huffington, Jg. 1950, US-amerikanische Journalistin griechischer Herkunft, ist Herausgeberin des US-Blogger-Forums Huffington Post; der hier gekürzt wiedergegebene Beitrag erschien zuerst in der "New York Times".

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