"Anzeigen alleine hilft dem Kind oft nicht"

Interview18. Mai 2012, 20:02
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Mehr als die Hälfte aller Meldungen an das Jugendamt betrifft Vernachlässigung. Viele Eltern sind überfordert und brauchen Unterstützung, sagt MagElf-Chef Johannes Köhler

Standard: Nimmt die Zahl der Vernachlässigungen zu?

Köhler: Mehr als die Hälfte aller Gefährdungsmeldungen betrifft Vernachlässigung. In Wien gab es im Vorjahr 10.500 Verfahren zur Gefährdungsabklärung - und die Zahl der Vernachlässigungen nimmt zu. Viele Eltern sind überfordert mit der Erziehung und beherrschen oft grundlegende Fertigkeiten wie Kochen nicht mehr.

Standard: Wie kann man diese Eltern unterstützen?

Köhler: Viele brauchen oft eine ganz basale Unterstützung. In den vergangenen zwei Jahren haben wir Elterntrainingsgruppen forciert, wo die Grundlagen der Erziehung vermittelt werden, aber auch, wie man Essen zubereitet.

Standard: Warum beherrschen viele Menschen diese grundlegenden Fertigkeiten nicht?

Köhler: Es wird immer weniger vom Elternhaus vermittelt. Deshalb haben wir auch eine Kooperation mit der Caritas, wo Familienhelferinnen nach Hause kommen, um dabei zu helfen, schlicht, um den Alltag zu organisieren. Das beginnt mit rechtzeitigem Aufstehen, die Kinder für die Schule fertig machen, eine Jause herrichten oder Wäsche waschen. Wenn man mit der äußeren Or ganisation seines Lebens bereits überfordert ist, bleibt wenig Raum, sich auch mit den Bedürfnissen der Kinder zu beschäftigen.

Standard: Ab wann müssen Kinder aus der Familie geholt werden?

Köhler: Wenn sich im Verhalten der Eltern etwas bewegt, sind wir bereit, weiter mit ihnen zu arbeiten. Haben wir den Eindruck, die Eltern verstehen gar nicht, worum es geht, bleibt nichts anderes übrig. Auch wenn durch Drogen, Alkohol oder psychische Probleme der Schutz der Kinder nicht mehr gewährleistet ist, müssen wir sie aus der Familie nehmen.

Standard: Psychologen forderten jüngst mehr Familienwohnungen, damit diese nicht auseinandergerissen werden, wenn die Miete nicht mehr gezahlt werden kann.

Köhler: Wir haben engen Kontakt zum sozialen Wohnbau, um diesen Familien helfen zu können. Wir sind für den Schutz aller da, stoßen aber an unsere Grenzen, wenn die Betroffenen keinen Anspruch auf soziale Wohnungen haben, wie etwa Menschen ohne Aufenthaltsberechtigung.

Standard: Wird ein neues bundeseinheitliches Jugendwohlfahrtsgesetz daran scheitern, dass drei Bundesländer bis dato sagen, sie können sich das Vieraugenprinzip bei der Bearbeitung von Fällen nicht leisten?

Köhler: Ich sehe für eine Einigung eher schwarz. Vor allem Oberösterreich hat sich zuletzt quergelegt. Die Qualität der Jugendwohlfahrt wird in Österreich dadurch leider immer mehr auseinanderdriften. In Wien und Niederösterreich gibt es das Vieraugenprinzip, die Standards sind sehr hoch. In Wien wird es eine Novelle des Jugendwohlfahrtsgesetzes geben - andere Länder werden auf dem Stand von 1989 bleiben.

Standard: Es scheitert also am Vieraugenprinzip?

Köhler: Auch zwei Sozialarbeiter besitzen nicht hellseherische Fähigkeiten. Aber dass etwa bei der Gefährdungsabklärung zwei gemeinsam entscheiden, ist aus fachlicher Sicht enorm wichtig.

Standard: Welche Verbesserungen würde das neue Gesetz bringen?

Köhler: Neben dem Vieraugenprinzip sind im Entwurf Eltern- und Kinderrechte verankert. Es wäre zum ersten Mal gewährleistet, dass die Kinder in jede Entscheidung eingebunden werden und in die Dokumentation Einsicht nehmen können. Das Auskunftsrecht wurde ausgeweitet, die Meldepflicht präzisiert.

Standard: Sind Sie für Anzeigepflicht bei vermuteter Gefährdung?

Köhler: Nein. Sozialarbeiter müssen immer genau einschätzen können, was für den Schutz des Kindes unbedingt nötig ist. Wenn es erforderlich ist, zeigen wir selbstverständlich auch an. Eine Anzeige allein hilft dem Kind ja oft nicht - gäbe es eine Verpflichtung, würden viele Eltern sofort blockieren, und das schadet den Kindern oft deutlich mehr. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

Johannes Köhler (48), Jurist, leitet seit 2009 das Wiener Amt für Jugend und Familie (MagElf).

  • Köhler ist gegen eine Anzeigepflicht.
    foto: regine hendrich

    Köhler ist gegen eine Anzeigepflicht.

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