Zu hohe Erwartungen an die Geldpolitik

Kolumne18. Mai 2012, 17:32
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Armer Ben Bernanke, progressive Ökonomen werfen ihm vor, dass er zu wenig unternimmt

Armer Ben Bernanke! Bei seinem Versuch, die Wirtschaft geldpolitisch anzukurbeln, ist der US-Notenbankchef weiter gegangen als jeder andere Zentralbanker der jüngsten Zeit. Er hat die kurzfristigen Zinsen auf nahezu null gesenkt. Er hat innovative Methoden der geldpolitischen Lockerung eingesetzt. Er hat wieder und wieder betont, dass seine größte Sorge der hohen Arbeitslosigkeit in den USA gilt - sofern der Inflationsdruck gedämpft bleibt. Und trotzdem werfen ihm progressive Ökonomen vor, dass er zu wenig unternimmt.

Was wollen sie denn noch? Sie sagen, wenn man das Inflationsziel erhöht, wird alles gut. Für die US-Notenbank würde das eine Abkehr vom bisherigen Kurs bedeuten. Sie hat hart daran gearbeitet, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass sie die Inflation bei etwa zwei Prozent halten wird, und diese Glaubwürdigkeit hat es der US-Notenbank ermöglicht, aggressiv zu agieren. Warum also wollen diese Ökonomen, dass die US-Notenbank ihre mühsam errungenen Erfolge opfert?

Die Antwort liegt in ihrer Auffassung der Hauptursache für die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit: zu hohe Realzinsen. Ihre Logik ist einfach. Vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 haben Verbraucher hohe Hypothekenkredite aufgenommen und so die Nachfrage in den USA aufrechterhalten. Heute können diese hochverschuldeten Haushalte weder Kredite aufnehmen noch Geld ausgeben. Eine wichtige Quelle der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ist versiegt. Als die Konsumenten aufgehört haben, Geld auszugeben, hätten die (inflationsbereinigten) Zinssätze sinken müssen, um sparsame Haushalte zum Ausgeben zu motivieren. Die realen Zinssätze sind jedoch nicht stark genug gesunken, weil nominale Zinssätze nicht unter null sinken können. Durch eine Erhöhung der Inflation würde die US-Notenbank sparsame Haushalte dazu bringen, Geld auszugeben, anstatt zu sparen. Unternehmen würden dank höherer Nachfrage Personal einstellen, und alles wäre gut.

Diese Logik weist gravierende Schwächen auf. Es ist keineswegs klar, dass traditionelle Sparer heutzutage losgehen und Geld ausgeben würden. Denken wir an eine Büroangestellte, die bald in Rente geht. Sie hat gespart, weil sie genug Geld haben wollte, um in den Ruhestand zu gehen. In Anbetracht der schlechten Rendite, die sie seit 2007 für ihr Erspartes erhalten hat, könnte sie die Aussicht auf anhaltend niedrige Zinsen veranlassen, sogar noch mehr zu sparen.

Zweitens ist die Überschuldung der privaten Haushalte in den USA und auch der Nachfragerückgang lokal begrenzt, wie meine Kollegen Amir Sufi und sein Mitautor Atif Mian gezeigt haben. Friseure in Las Vegas haben ihre Jobs zum Teil verloren, weil die Haushalte dort zu viele Schulden aus der Zeit des Baubooms angehäuft haben und nun viele Bauarbeiter und Immobilienmakler vor Ort entlassen wurden. Selbst wenn wir traditionell schuldenfreie Sparer dazu bringen können, ihr Geld auszugeben, ist es unwahrscheinlich, dass es in Las Vegas genügend davon gibt. Realzinsen sind ein zu stumpfes Werkzeug zur Ankurbelung der Konjunktur, selbst wenn sie funktionieren. In Anbetracht der zweifelhaften Vorteile noch geringerer Realzinsen wäre es unverantwortlich, die Glaubwürdigkeit der Zentralbank aufs Spiel zu setzen.

Bei einer Sparquote von kaum vier Prozent des BIPs ist es unwahrscheinlich, dass der durchschnittliche amerikanische Privathaushalt einen zu großen Teil seines Einkommens spart und einen zu kleinen Teil ausgibt. Eine vernünftige Antwort wäre es, die Fähigkeiten der Erwerbsbevölkerung landesweit zu verbessern, damit diese zukunftsfähige Arbeitsplätze mit festen Einkommen finden können. (Raghuram Rajan, DER STANDARD, 19./20.4.2012)

Autor

Raghuram Rajan ist Professor für Finanzwissenschaften an der Booth School of Business der University of Chicago. © Project Syndicate 1995-2012. Aus dem Englischen von San dra Pontow.

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