wiara junga godd in amerigga

18. Mai 2012, 18:57
posten

Plötzlich wiedergefunden: die alten Reisebriefe des Wiener Architekten Wilhelm Holzbauer an seinen Freund Friedrich Achleitner

"kelibta freind, schigsahle un fozn eneln sich und schigsahle fon briefm auch", schreibt der weitgereiste Wiener Jungarchitekt Wilhelm Holzbauer am 12. Oktober 1956 an seinen in Österreich verbliebenen Freund Friedrich Achleitner. "in langwirigen um schdendlichen un zeidrauwenden fersuchen hawe ich nemlich festgeschdelt was nodwendig ist und nesseseri um weida lem zu kennen."

Und das ist durchaus wörtlich gemeint. Im Juli 1956 reist Holzbauer, der soeben ein Fulbright-Stipendium bekommen hat, mit der Andrea Doria von Genua nach New York. Kurz vor dem Ziel wird das Passagierschiff von der Stockholm gerammt und geht in den Fluten des Atlantiks unter. 87 Todesopfer, vor allem Auswanderer aus Neapel und Sizilien, werden beklagt. Holzbauer überlebt.

Ohne Gepäck und ohne seine heißgeliebte Eumig-8-mm-Kamera kommt er in der Neuen Welt an. Das dramatische Erlebnis scheint Spuren hinterlassen haben. Akribisch und in intensiven Empfindungen schreibt er in den kommenden Jahren regelmäßig Briefe in die Heimat. Vor kurzem tauchte die längst verloren geglaubte Korrespondenz wieder auf - und wurde im Verlag müry salzmann in ein schönes Buch gebunden.

Die Inhalte der Reiseberichte aus "neiyorg", "bosdn", Winnipeg und Montreal sind mal sehr lustig, mal sehr banal, Alltagsgeschichten von ihrer besten Seite halt. Die gewählte Kommunikationsform jedoch ist ein jahrelanges freizügiges Jonglieren mit Stilen und Dialekten. Mal wird die mundartliche Sprache seines Adressaten Achleitner kopiert, mal die des französischen Prosaikers François Rabelais, mal die einer bayrischen Romanfigur. Nicht immer ist die Wahl der Sprache nachvollziehbar. Über einen im Frühjahr 1959 verfassten Brief schreibt Holzbauer im Rückblick: "Er ist wieder im launigen Blödelstil geschrieben, diesmal mit jiddischem Anklang - wer weiß wieso."

Charakterstudie Brief

Doch das Erstaunlichste an meiself in bosdn, an diesen vielen witzigen "willibriefen" aus "amerigga" ist, wie sich Brief für Brief die Seele eines intelligenten, wissbegierigen, aber nicht zuletzt mächtigen Chauvinisten manifestiert. Und damit nehmen die Briefe und autobiografischen Zwischenkommentare eine vage Idee von Holzbauers späterem Schaffen vorweg.

Gastgeber stellen sich als "oversexed" heraus, die Anreden an seinen Freund "frids" bewegen sich zwischen "drachenlecker", "dittl-dattl" und "schweinszipfel", und immer wieder die Frauen. Als er während seiner Zeit am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) am Wettbewerb für das neue Opernhaus in Sydney teilnimmt, schreibt Holzbauer: "Immerhin konnte ich mit meinem Projekt bei diesem weltweiten Wettbewerb mit über zweihundert Teilnehmern den fünften Platz erringen, was meine Lust an Wettbewerben weiterhin aufstachelte." Kurzum: "a lem wiara junga godd." Ein Leben voller Stolz, aufschlussreiche Lektüre. (Wojciech Czaja, Album, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

Wilhelm Holzbauer, "meiself in bosdn. briefe aus amerika". Euro 19,- / 112 Seiten. müry salzmann, Salzburg 2012

Share if you care.