Dietrich Fischer-Dieskau gestorben

18. Mai 2012, 18:13

Mit Bariton Dietrich Fischer-Dieskau starb der zweifellos wichtigste deutschsprachige Sänger der Nachkriegszeit

Er war ein umfassend gebildeter Perfektionist, der - nicht nur im Lied - existenzielles Leid profund vermittelte.

Berg bei Starnberg - Rund 4800 Einträge umfasst die Auflistung seiner Schallplattenaufnahmen, die Werke von fast 200 Komponisten beinhaltet; er dirigierte, malte, unterrichtete, schrieb unzählige Bücher - und war der bedeutendste deutschsprachige Liedersänger seiner Zeit. Allein: Mit Rekordzahlen und Superlativen ist das Phänomen Dietrich Fischer nicht zu fassen, so wie jeder seiner Auftritte etwas Unfassbares, Unfassliches beinhaltete. Und das lag nicht nur am einzigartigen Klang seines Baritons mit seinem unendlichen Farbenreichtum und dennoch immer unverwechselbaren Charakter, an der Klarheit der Artikulation und am unbedingten Ausdruckswillen, dem der Sänger jederzeit reinen Schönklang zu opfern bereit war.

Sein Gesang hatte darüber hinaus stets eine emotionale Direktheit, schien von existenziellsten Erfahrungen zu berichten - ohne dass sich dies hätte konkret festmachen lassen. Damit verkörperte er in seiner Kunst tatsächlich die Utopie einer "bess'ren Welt", wie es im Schubert-Lied An die Kunst heißt, ohne die Schrecken der Realität zu beschönigen.

Von den Grauen des Jahrhunderts war die Biografie des Sohnes eines Gymnasialdirektors und einer Lehrerin, der am 28. 5. 1925 in Berlin geboren wurde, nicht verschont geblieben. Mitten im Krieg, 1941, hatte er sein Gesangsstudium begonnen und bereits 1942 sein erstes öffentliches Konzert mit Schuberts Winterreise gegeben, bevor er an die Front nach Russland geschickt wurde. 1947 kehrte er aus der Gefangenschaft zurück und ging praktisch sofort auf die Bühne, debütierte mit 23 Jahren in Berlin in Verdis Don Carlo, sang mit 26 das erste Mal bei den Salzburger Festspielen und mit 29 in Bayreuth.

Die einschlägigen Opernpartien beherrschte er in größter Breite, die er nur mit seinem enzyklopädischen Lied repertoire übertraf. Daneben galt sein entschiedenes Engagement Uraufführungen zeitgenössischer Lieder und Opern, etwa Hans Werner Henzes Elegie für junge Liebende oder Aribert Reimans Lear.

Auch politisch ließ Fischer-Dieskau keinen Zweifel daran, dass er Kunst nicht als Rückwendung in eine verklärte Vergangenheit verstanden wissen wollte: Er war es, der als erster deutscher Künstler gemeinsam mit Daniel Barenboim nach Israel reiste.

Die einzigartige Stellung, die er als Sänger hatte, strahlte weit über die Kunst hinaus: Jürgen Kesting beschrieb ihn in seinem Lexikon Die großen Sänger nicht nur künstlerisch als "Monolith", sondern überhaupt als "Epochenfigur" der deutschen Nachkriegszeit, der bei der "Bildung der ästhetischen und moralischen Normen keine geringere Rolle gespielt (habe) als Heinrich Böll oder Carl Friedrich von Weizsäcker." Doch nicht nur in Deutschland war er schon vor einem halben Jahrhundert zur "Symbolfigur einer neu erstehenden Kulturnation" geworden: Auch das Magazin Newsweek führte ihn unter den zehn wichtigsten Personen seiner Zeit.

Die "perfekte Liedmaschine", als die ihn der amerikanische Kritiker Conrad L. Osborne einmal bezeichnete, muss unerbittlich zu sich selbst gewesen sein und war es auch bei seinen unzähligen Meisterschülern, die ihn fürchteten und liebten, auch nachdem er sich 1992 als Sänger von der Bühne verabschiedet hatte, um nur noch mit Sprechrollen aufzutreten. Am Freitag ist Dietrich Fischer-Dieskau kurz vor seinem 87. Geburtstag in Bayern gestorben. (Daniel Ender, DER STANDARD, 19.5.2012)

Bei Todesfällen ist das Forum geschlossen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Unendlicher Farbreichtum eines stets unverwechselbaren Baritons, der sich auch für Uraufführungen einsetzte: Fischer-Dieskau.

Share if you care.