Die Rote Sonne in ihren Herzen

18. Mai 2012, 18:27
1 Posting

Reise ins Herz der Kulturrevolution mit dem "Living Dance Studio"

Wien - China zur Zeit der Kulturrevolution. Als Jungspund wollte Wen Hui unbedingt in dem Revolutionsballett Das Mädchen mit den weißen Haaren auftreten. Heute, mit 52 Jahren, tanzt sie in der insgesamt dreizehnstündigen Arbeit Memory ihrer eigenen Company Living Dance Studio, die sie 1994 zusammen mit dem Filmemacher Wu Wenguang in Peking gegründet hat. Die Wiener Festwochen zeigen dieses zweiteilige Mammutprojekt gerade im Schauspielhaus.

Wer erinnert sich noch an die im Mai 1966 von Mao Zedong ausgerufene Kulturrevolution? In chinesischen Schulbüchern jedenfalls wird der ein Jahrzehnt andauernde Prozess heute gerade einmal auf zwei Seiten abgehandelt. Denn so ganz genau will sich das wuchernde Wirtschaftsimperium China an den Aufbruch von damals gar nicht mehr erinnern. In Peking durfte auch Memory nur vor geladenem Publikum gezeigt werden.

Im ersten, achtstündigen Teil taucht das Publikum tief in die Welt der Kulturrevolution ein. Ausgangspunkt und Leitfaden des Stücks ist ein Dokumentarfilm, den Wu Wenguang vor 20 Jahren gedreht hat und in dem fünf ehemalige Rotgardisten - deren Jugendtruppen die Motoren zur Umsetzung der Kulturrevolution waren - erzählen aus ihrer großen Zeit. Auch Wen Hui erinnert sich an ihre "Kindheit unter der roten Fahne", wie das erste der insgesamt sieben Kapitel des Stücks heißt.

Propagandaplakate und -lieder, Fotos sowie Ausschnitte aus Aufputschfilmen, Revolutionsballetten und -opern vermitteln zusätzlich die Hochstimmung, die das Zentralkomitee der KP Chinas in den Sixties erzeugte. Eine Jugend, die sich von der Ausrufung der Volksrepublik 1949 abgekoppelt fühlte, konnte endlich auch gegen die verbliebenen Bastionen des Kapitalismus im Land losschlagen.

Vor allem die Rotgardisten fühlten sich großartig. Der Schulunterricht fiel aus, die Lehrer wurden von den Schülern gedemütigt. "Aus Stiften werden Waffen", hieß es, und so wurde radikal aufgeräumt mit allem bourgeoisen Bildungsgut. Wer die falsche Familienherkunft hatte, hatte nichts mitzureden. Wer für einen Revisionist gehalten wurde, musste öffentlich Selbstkritik üben.

Wen Hui und Wu Wenguang gestalten diesen ersten Teil von Memory nicht als Anklage von menschlichen Monstern, sondern versuchen in ihrer Dokumentationsperformance, die politische Stimmung und Dynamik einer revolutionären Bewegung nachvollziehbar zu machen. Eine Atmosphäre, in der das Erreichen des Ziels über allen ethischen Bedenken stand: Die Rotgardisten wähnten sich als Retter der Menschheit überhaupt, denn sie glaubten, zwei Drittel der Weltbevölkerung würden in Not und Elend dahinvegetieren.

Die jungen Rotarmisten hatten, so die Zeitzeugen, keine Vorstellung von einer idealen Gesellschaft, sondern eine unbedingte Hingabe für Mao, "die rote Sonne in unseren Herzen". Mao war ihr Messias. Und sie wollten weder die Härten des Lebens noch den Tod fürchten. Ob sie noch den "Loyalitätstanz" tanzen könnte, wird Wen Hui gegen Ende des Stücks gefragt. Sie könnte. Und tut es nicht.

Memory bleibt faszinierend von der ersten bis zur 480. Minute. Drei Darsteller, neben Wen Hui und Wu Wenguang auch Li Xinmin, und zwei Personen am Technikpult bestreiten den gesamten Stückverlauf. Die Bühne: ein Würfel aus Moskitonetz, an dessen Front die Bilder und Videos projiziert werden. Das reicht aus, um zu vermitteln, dass aus dem genauen Blick ins Innere von Revolutionen viel über uns alle zu lernen ist. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

 

"Memory 2: Hunger": 19. 5.

  • Wiener Festwochen-Expedition nach China.
    foto: armin bardel

    Wiener Festwochen-Expedition nach China.

Share if you care.