Missen, die wenig vermissen

18. Mai 2012, 18:03
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Pipilotti-Rist-Schau in der Kunsthalle Mannheim. In Wien ist sie in einem Hotel dauerpräsent

Die Frau, wie sie da eine städtische Straße entlangläuft, ist guter Laune. Eine Fackellilie trägt sie bei sich, die schwingt sie ab und zu gegen ein parkendes Auto, und mit Karacho zerbirst eine Fensterscheibe. Strahlend schlendert sie weiter, wieder darf ein Glas dran glauben, die Polizistin salutiert freundlich dazu. In nächtlichen Fantasien verstecken sich, so wissen wir seit Freud, Erfüllungen unterdrückter Wünsche. Pipilotti Rists Video Ever Is Over All von 1997 zeigt einen wunderbaren Traum.

Die Welt der Schweizer Künstlerin bordet über von schrillen Visionen. In der Kunsthalle Mannheim ist nun ihr Universum aufgebaut, in Kooperation mit der Londoner Hayward Gallery. Auf 27 eng aneinandergefügten Stationen zeigt sich, was in einem Vierteljahrhundert zusammengekommen ist an schreiender Buntheit und kecker Projektion.

In Wien, wo sie in den 1980er- Jahren an der Angewandten studierte, ist sie mit knalligen Deckeninstallationen präsent, die sie dem Sofitel am Donaukanal angedeihen ließ - und die durchaus einen Eindruck von der Mannheimer Schau vermitteln.

Elisabeth Charlotte Rist, geboren 1962, wurde von Kindheit an mit Pippi Langstrumpf in Verbindung gebracht. Ihre Kunst ist die selbsterfüllte Prophezeiung des Kosenamens. I'm Not The Girl Who Misses Much betitelte sie das Video von 1986, das sie bekanntmachte. Barbusig, aber unscharf war sie zu sehen, eine Zeile aus Happiness Is A Warm Gun der Beatles singend. In den 1980ern, als der Feminismus das Militante mit Augenzwinkernden anreicherte, traf sie den richtigen Ton.

Später interessierte sie sich weniger für den weiblichen Körper als dafür, was sich als Monitor eignet: Plafond und Boden, Gegenstände auf dem Regalbrett, Gazestreifen, der menschliche Schoß, Seifenblasen. Alles kann Auge sein und den Blick zurückwerfen.

2009 hat Pipilotti Rist ihren ersten Langstreifen fertiggestellt. Titel: Pepperminta. Fräulein Langstrumpf heißt mit viertem Vornamen Schokominza. (Rainer Metzger, DER STANDARD, 19./20.5.2012) 

  • Pipilotti Rist: ein Universum voll schriller Visionen.
    foto: giorgio van arb; courtesy the artist and hauser & wirth

    Pipilotti Rist: ein Universum voll schriller Visionen.

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