Cortolezis-Schlager: Studierende sollten sich auf Gebühren einstellen

Interview18. Mai 2012, 15:17
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Die ÖVP-Wissenschaftssprecherin schlägt vor, dass die Koalition für sich gemeinsame Bildungsziele definiert

Die ÖVP-Wissenschaftssprecherin Katharina Cortolezis-Schlager will, dass im letzten Jahr vor der Nationalratswahl "große Reformen" im Bildungswesen beschlossen werden. Gelingen soll das, indem die Koalition sich gemeinsam auf "Bildungsziele von der Hochschule bis zum Kindergarten" einigt und dafür ein gemeinsames Budget zur Verfügung gestellt wird. Was die Einführung von autonomen Studiengebühren an einzelnen österreichischen Universitäten betrifft, meint die Abgeordnete, dass Studierende "einen kleinen Beitrag" dafür leisten sollen, dass sie "schnell und in guter Betreuungssituation" studieren können.

derStandard.at: Aktuell entscheidet eine Uni nach der anderen, ob sie Studiengebühren einhebt oder nicht. Manche Studierende müssen Gebühren zahlen müssen, andere nicht. Was sagen Sie zu dieser unsicheren Situation?

Cortolezis-Schlager: Studierende sollten sich darauf einstellen, dass es insgesamt das Sozialste ist, wenn sie schnell und mit guter Betreuungssituation studieren können. Dafür sollten sie nach Maßgabe ihrer sozialen und finanziellen Möglichkeiten auch einen kleinen Beitrag leisten. Das ist weltweit das sozial durchlässigste Modell. Jenen, die es benötigen, wird selbstverständlich auch ein Stipendium angeboten. Ich merke, dass auch unter den Studierenden immer sagen: "Wenn ich einen garantierten Platz habe wo ich auch in einer bestimmten Zeit bei entsprechendem Einsatz fertig werden kann, bin ich bereit dafür zu zahlen." Das sehen wir auch im Fachhochschulwesen.

derStandard.at: Das ändert nichts an der Situation, dass die Lage von Uni zu Uni unterschiedlich sein wird.

Cortolezis-Schlager: Deswegen sollten wir schauen in welchen Fächern die Betreuungsrelation bereits gut ist und wo Studierende heute schon so studieren können, dass sie in der vorhergesehen Zeit fertig werden. Überall dort, wo die Qualität heute schon passt, würde ich meinen, dass wir das Konzept von Töchterle umsetzen könnten. Also 500 Euro Studienbeitrag und ein Ausbau des Stipendienwesens.

Dort, wo die Situation schlecht ist, sollten wir Finanzierungsmittel und Zugangsregelungen ermöglichen, die wieder ein Studieren in der vorgesehenen Zeit möglich machen. Das ist das sozialste System, denn je länger meine Ausbildung dauert, umso teurer wird sie, umso länger bin ich im prekären Beschäftigungsverhältnis, umso weniger kann ich kalkulieren, wann ich den Beruf einsteigen kann.

derStandard.at: Sie würden also Zugangsbeschränkungen dort einführen, wo die Betreuungsrelation schlecht ist?

Cortolezis-Schlager: Das wäre die höchste Priorität. Und gleichzeitig aufzeigen, wo Studiengänge sind, die noch Platz haben. Wir brauchen ein System, wo die Studierenden sehen, wo Plätze frei sind und wo die Betreuungssituation nicht dem internationalen Standard entspricht.

derStandard.at: Derzeit können Sie keine weiteren Zugangsregeln einführen, die SPÖ ist dagegen. Wie soll es jetzt weitergehen?

Cortolezis-Schlager: Mir ist es wichtig, dass wir international wettbewerbsfähige Universitäten haben und daher ein Finanzierungsmodell entwickeln, dass auch internationalen Standards entspricht. Dazu gehört für mich eine hohe soziale Durchlässigkeit und eine hohe Durchmischung an den Universitäten. Auf der anderen Seite wollen wir aber auch, so wie international üblich, dass uns Teile des Bildungsangebotes ermöglichen, Geld hereinzubekommen.

Wir sollten die österreichischen Bildungsziele vom Kindergarten bis zur Universität in der Koalition gemeinsam definieren und dann gemeinsam neue Wege finden, wie wir die soziale Durchlässigkeit und die internationale Wettbewerbsfähigkeit sichern und unsere Hochschulen auch ihrem Angebote entsprechend international zu platzieren.

derStandard.at: Wie stellen Sie sich diese Bildungsziele vor?

Cortolezis-Schlager: Wir sollten sehr genau definieren, was soziale Durchlässigkeit in Österreich heißt und hier Kennzahlen entwickeln und den Weg dorthin in der Koalition gemeinsam bestimmen.

derStandard.at: Welche Kennzahlen sollen das sein?

Cortolezis-Schlager: Man könnte schauen, dass der Anteil an Frauen und Männern ausgewogen ist, dass wir darauf achten, dass wir verschiedene Einkommensgruppen haben, auch der Migrationsaspekt könnte einbezogen werden oder die Herkunft aus verschiedenen Städte und Regionen. Am Ende des Weges sollte herauskommen, dass Studienbeiträge eingenommen werden und ein völlig neues Stipendiensystem entwickelt wird.

derStandard.at: Warum sollte auf diesem Weg eine Einigung innerhalb der Koalition möglich sein? Bisher konnte man sich auch nicht auf Studiengebühren einigen.

Cortolezis-Schlager: Wir brauchen ein durchgängiges Bildungskonzept. Ähnlich wie dass das Bildungsvolksbegehren gemacht hat. Der Wissenschaftsminister, die Unterrichtsministerin und die Bildungssprecher der beiden Parteien sollten gemeinsam ein Konzept entwickeln. Die Bevölkerung erwartet sich einfach, dass noch in dieser Legislaturperiode eine große Reform stattfindet. Mein Eindruck ist, dass wir uns in den Zielen sehr viel näher sind. Daher ist es wichtig einmal die Ziele zu definieren und außer Streit zu stellen. Dann sollten wir die unterschiedlichen Wege zu diesen Zielen diskutieren.

derStandard.at: Gibt es solche Pläne nicht schon durch die Entwicklung des Hochschulplans und die flächendeckende Einführung der Neuen Mittelschule?

Cortolezis-Schlager: Ich habe den Eindruck, dass wir hier ein gemeinsames Budgetmanagement brauchen. Zurzeit stecken wir sehr viel Geld in die Reparatur. Am Ende haben wir dann ein System, dass die soziale Durchlässigkeit, die wir brauchen, nicht wirklich sicherstellt. Wir müssen die Fragen des Hochschulplans viel stärker mit den Bildungsfragen der Schule und des Kindergartens verbinden.

derStandard.at: Die letzte Konsequenz aus einem gemeinsamen Budget wäre, dass es nur mehr ein Ministerium gibt und nicht die Trennung in ein Wissenschafts- und ein Bildungsministerium.

Cortolezis-Schlager: Ich möchte in dieser Legislaturperiode noch ein gemeinsames Reformpaket, das den wirkungsvollsten Mitteleinsatz sicherstellt. Wir haben ein sehr teures Schulsystem, das eigentlich die soziale Durchlässigkeit nicht sichert. Umgekehrt haben wir im Hochschulbereich nicht jene Betreuungsverhältnisse, die wir brauchen würden, damit Studierende bei hoher Qualität rasch fertig werden können.

derStandard.at: Liegt das Problem der fehlenden sozialen Durchlässigkeit der Schulen nicht daran, dass sich die ÖVP weigert eine Gesamtschule einzuführen?

Cortolezis-Schlager: Ich glaube, dass beide Seiten gefordert sind, mit hoher wissenschaftlicher und internationaler Expertise sich die Stärken des österreichischen Schulwesens anzuschauen und die Stärken aus- und die Schwächen abzubauen. Das letzte Jahr bis zur Wahl sollte für mich unter dem Motto stehen: Die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu rücken und gemeinsam an europäischen und international wettbewerbsfähigen Bildungseinrichtungen zu arbeiten. (Lisa Aigner, derStandard.at, 18.5.2012)

KATHARINA CORTOLEZIS-SCHLAGER (52) ist seit 2008 Nationalratsabgeordnete für die ÖVP und seit 2010 Wissenschaftssprecherin. Sie ist als Unternehmensberaterin tätig.

  • "Studierende sollten sich darauf einstellen, dass es insgesamt das Sozialste ist, wenn sie schnell und mit guter Betreuungssituation studieren können", meint die ÖVP-Wissenschaftssprecherin.
    foto: oevp/glaser

    "Studierende sollten sich darauf einstellen, dass es insgesamt das Sozialste ist, wenn sie schnell und mit guter Betreuungssituation studieren können", meint die ÖVP-Wissenschaftssprecherin.

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