Die Welt - eine Fehlermeldung

18. Mai 2012, 19:41
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Daniel Wissers Niedriglebensenergie-Roman "Standby" ist ein Porträt zeitgenössischer digitaler Arbeitswelten

Literatur der Arbeitswelt. Dieser Begriff dürfte nicht einmal hochspezialisierten Germanisten der mittleren Generation heute noch etwas sagen. Dabei gab es einst, im deutschen Ruhrgebiet, als es sich dabei noch um eine schwerindustrielle Beschäftigungszone handelte, die Gruppe 61 um den Grubenlokführer und Autor Max von der Grün, den Gewerkschafter Walter Küpping und den Bibliotheksdirektor Fritz Hüser.

Wer aber kennt heute noch Bücher von der Grüns (außer seinem jüngst völlig unpolitisch zweitverfilmten Jugendbuch Die Vorstadtkrokodile?); und welcher Verlag beugt sich in seinem literarischen Programm über die greifbaren Probleme der Arbeitswelt aus der Sicht der Betroffenen, Beschädigten, Enteigneten hierzulande? Und welcher Wissenschafter mit gutbürgerlichem Hintergrund hat jemals die Bände Ein Baukran stürzt um, Ihr aber tragt das Risiko und Realistisch schreiben in die Hand genommen (und gelesen), die der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt ab 1970 edierte?

Vielleicht beruht das schöngeis tige und ideologische Desinteresse darauf, dass diese Rapporte ein analoges, immobiles, politisch größtenteils untergegangenes Atlantis schlicht-übersichtlicher An tagonismen schildern, und kaum mehr etwas zu tun haben mit den komplex fluiden, allumfassend erreichbaren digitalen neuen Lebenswelten, in denen die Arbeit zum Job mutiert ist, globale Geschehnisse in Echtzeit zu verfolgen sind, alles gleichzeitig "kommuniziert" wird, und Wissen, Sinnsuche und Erfüllung als Accessoires App-Gestalt angenommen haben.

Billigjob und Billigleben

Was sonst als wohl ein Callcenter ist der prototypische Billigjob- und Billiglebenort unserer Zeit: eine minderwertig bezahlte Tätigkeit auf Zeit, auf Akkord kalkuliert, als anonymer Servicedienstleister, der die Arbeit der Welt elemente erneuert und, bis zum nächsten Stillstand, zum geschmeidigen Funktionieren bringt. In ein Callcenter führt der ungewöhnliche, ambitionierte Roman Daniel Wissers. Der 1971 geborene, in Wien lebende Klagenfurter, der 2003 mit Dopplergasse acht einen "Roman in 45 Strophen" vorlegte und Mitgründer und Mitstreiter des Ersten Wiener Heimorgel orchesters ist, einer herz- und ohrerfrischenden Lo-Fi-Combo, hat mit Standby nicht Lo-Fi-Prosa geschrieben, sondern einen soziologische Forschung ersetzenden Roman jenseits der Soziologie. Darin ist all das zum apathischen Stillstand gekommen, was nicht mit bezahlter Lohnarbeit, mit neurotischer Übersichtlichkeit und Fremdvorgabeplanken zu tun hat.

Der namenlose, sich emotional abhandengekommene Protagonist hat nicht nur nichts Heldisches an sich, seine einzige "heroische" Tat besteht im Überstehen und vegetativen Verschlafen des quälend arbeitsfreien Wochenendes. Er hat keine Hobbys, keine Freunde, keine Freude, dafür Magen- und Kopfschmerzen sowie eine Frau, die von ihm nur als "die Frau" bezeichnet wird und die abends habituell vor dem laufenden TV- Gerät einschläft und dort für die Nacht liegen bleibt. Der soziale Umgang ist heruntergefahren, lästig und für den Protagonisten, literarisch an die antriebslosen Antihelden des Parisers Emma nuel Bove erinnernd, undurchdringlich, unerklärlich. Die Welt - eine Fehlermeldung.

Im Job hingegen, auch wenn er dem Außen so lächerlich erscheint wie die Stellung als Teamleiter einer Callcenter-Abteilung mit viel Fluktuation und wenig Qualifikationshürden, herrscht Ordnung. Hierarchische Vorschriften sind zu befolgen. Beschäftigung füllt die rätsellose Zeit. Etwaige geheime amouröse Anwandlungen infolge gemeinsam absolvierter Mittagessen erledigen sich - die Ehe ist ohnehin seit längerem gänzlich zuwendungsfrei. Es gibt kein emotionales Gefüge mehr innerhalb des abgestandenen Lebensflussmonologs des Namenlosen.

Ist es ein Zufall, dass Samuel Beckett 1953 The Unnamable, Der Namenlose, veröffentlichte, seinen dritten romanlosen Roman, in welchem die Hauptfigur monologisiert, mit verbalen Oszillationen ins Hysterische, mal ins Tiefsinnige? Doch die Reduktion, die Beckett bis zum Grund der Sprache führt, zum Schweigen und Verstummen, ist bei Wisser zur arbeitsmonomanen Endlosschleife geworden, im hochkünstlichen Passiv. Es gibt in diesem Buch kaum einen Satz, der nicht in dieser umständlichen objektdistanzierten und subjektdistanzierenden Aussageform gesagt wird.

Wie kommt aber der Wiener Essayist Franz Schuh, dessen wertschätzendes Lob auf dem Schutzumschlag abgedruckt ist, angesichts dieses kunstvoll kaltvergruselten Niedriglebensenergieromans auf modische Symptome wie Burnout? Müsste vor dem Ausgebranntsein Wissers Protagonist zuvor nicht entflammt gewesen sein, voller Leben, Gefühle, Sehnsüchte? So wie das Buch nach 200 Seiten logisch abbricht mit dem Ende des absolvierten Wochenendes, so könnten nahtlos weitere 200 Seiten folgen mit dem nächsten ereignisfreien Wochenende. Alltag: eine Endlosschleife. Ziellos. Leblos. Im Standby-Modus. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

Daniel Wisser, "Standby". Roman. Euro 19,90 / 200 Seiten. Klever-Verlag, Wien 2011

Hinweis: Daniel Wisser liest am 22. Mai um 20 Uhr im Literaturhaus Salzburg aus dem besprochenen Roman.

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    Der Alltag als Endlosschleife: Daniel Wissers Roman "Standby".

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