Eine Menschenschlachtbank mit Schnitzel und Salat

18. Mai 2012, 17:57
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Kluge Dekonstruktion: Camus' "Caligula" im Kasino

Wien - Die Banketttafel, die Regisseur und Ausstatter Jan Lauwers in das Kasino des Burgtheaters gestellt hat, harrt lange ihrer sachgemäßen Benützung. Der Tisch ist üppig eingedeckt mit Tellern, Gläsern und Besteck. Alles bruchfest, weil eine elektronisch gestützte Klanginstallation mit 45 Schlagzeugbecken ein beunruhigendes Vibrieren und Scheppern erzeugt. Um diese profane Opfertafel herum drängeln sich verlegen die kaisertreuen Römer, die ihrem Imperator (Cornelius Obonya) dessen wildeste Exzesse nachsehen.

Das Drama Caligula von Albert Camus, geschrieben vor dem Zweiten Weltkrieg, enthält eine bezwingend klare Totalitarismusdeutung. Camus erkannte in dem Scheusal auf dem Herrscherthron nicht den pathologischen Blutsäufer, sondern den vom Trübsinn geplagten Philosophen.

Denn Obonyas Caligula peinigt und drangsaliert seine Untertanen nicht aus Eigennutz. Der junge Kaiser, dem soeben die Schwester und Geliebte weggestorben ist, empört sich wider die unumstößliche Ordnung der Welt: Die Menschen müssen sterben, und sie sind unglücklich. Caligula sinnt auf Abhilfe. Er beginnt, wie man heute sagen würde, die Moral zu dekonstruieren. Indem er durch nichts gerechtfertigte Gräuel über sein Staatsvolk verhängt, reißt er das Gesetz des Zufalls in einer paradoxen Geste an sich.

Im Weinglas Blut

So steht der Arbeitsplatz des Kaisers denn auch abgesetzt von der restlichen Tafel: ein Vorlesetischchen auf einem Podium, im Weinglas schwappt das Blut. Hinter den Tisch zwängt sich der Gesalbte, um das Gemunkel und Gemauschel seiner Höflinge abzustellen. Caligula steckt in einem sonnenhellen Anzug. Er möchte den Mond "haben". Auf dem Hemdkragen und am Jackenaufschlag trägt er vier Sterne. Dieser gewiss nicht durch Charme oder Schönheit betörende Kaiser schluchzt sich in eine tiefe Melancholie hinüber. Seine Konkubine Caesonia (Maria Happel) leiht ihm viel mütterliche Zuwendung im Schlangenmusterkostüm.

Lauwers' Inszenierung bewegt sich ebenso elegant wie lapidar durch das zerklüftete Feld eines spielerischen Exzesses. Wie ein Morphinist muss Caligula zur Aufrechterhaltung seiner Herrschaft die Gewaltdosierung erhöhen. Paradoxerweise achten die leidtragenden Höflinge ihren Kaiser als Pausenclown. Patriziergestalten wie der lyrische Dichter Scipio (Hans Petter Dahl) oder der eisgraue Haushofmeister Lepidus (Falk Rockstroh), die ihre wachsende Faszination für das Monster kaum verbergen können.

Vor allem aber scheint die römische Gesellschaft unfähig zu handeln. Die von Lauwers erfundene Figur der schweigsamen Octavia (Anneke Bonnema) ist vor allem damit beschäftigt, die Textilverwerfungen ihres Partykleides abzufilmen. In einem entlegenen Bezirk der Bühne liegt der ausgestopfte Kadaver eines Pferdes. Auch dessen Fell wird mit der Live-Kamera genauestens gescannt - als müsste alles Organische erst vor der technischen Apparatur sein Geheimnis preisgeben. Es ist einer der brachialeren Witze in einer vorzüglichen Produktion, dass Caligula die Dame ausgerechnet mit dem Penis des toten Tieres penetriert.

Den Schluss aber bildet die Einlösung des Bankettversprechens. Anstatt Caligula als unmögliche Person vom Antlitz der Erde zu tilgen, tut sich das Römervolk an Schnitzeln und Salatblättern gütlich. Der Kaiser sitzt unter ihnen: als Primus inter Pares. Bald ist er ganz allein. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

19., 21., 22., 24. 5.

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    Kaiser, ganz klein: Cornelius Obonya, Maria Happel.

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