Wie bedeutend waren Europas Metropolen?

Andreas Huyssen
19. Mai 2012, 19:22

Charles Baudelaire, Gottfried Benn, Franz Kafka, Siegfried Kracauer und Rainer Maria Rilke: über die Stadtminiatur als literarisches Medium der Moderne. Von Andreas Huyssen

Die Stadtkulturen der europäischen und amerikanischen Moderne haben seit Carl E. Schorskes bahnbrechendem Buch Fin-de- Siècle Vienna: Politics and Culture (1980, dt. 1982) die Vorstellungskraft der Human- und Sozialwissenschaften beschäftigt. Vor allem aber hat dieses Buch die Bedeutung Wiens für die deutschsprachige Moderne ins Zentrum der Diskussion gerückt. Das Themenspektrum freilich hat sich erweitert. Fragestellungen zu Medienkultur, Theorien der Wahrnehmung, Visualität und Auralität im städtischen Leben, Mode und Kommerz lassen Malerei, Architektur und Literatur unter neuen Perspektiven erscheinen. An den Nachbildern prototypisch moderner Städte wie Paris und Wien, Berlin oder New York und deren kultureller Produktion lässt sich der Abstand ausmessen, der uns von jener früheren Periode der Globalisierung trennt.

Wie die Forschung der letzten 20 Jahre zeigt, hat die klassische und angeblich so obsolete Moderne in einem geografisch erweiterten, ja globalen Raum wieder Konjunktur als Zitat, Material und Zukunft im Vergangenen. So wie die Städte, die die klassische Moderne geprägt haben, keineswegs nur Museen sind, ist auch deren Ausstrahlungskraft weiterhin lebendig als Motor neuer künstlerischer Experimente und wissenschaftlichen Nachdenkens.

Mein Interesse richtet sich auf eine vernachlässigte Form moderner Stadtliteratur vor und nach 1900, die ich als affirmative Sa botage nichtliterarischer Medien lese. Es handelt sich um eine kleine Literatur, gekennzeichnet durch Verknappung und Komprimierung raum-zeitlicher Koordinaten von Stadterfahrung. Hier wurden Schreibweisen entwickelt, die einen neuartigen Zugang zur medial vermittelten städtischen Realität produzierten und dabei städtische Erfahrung, subjektive und objektive Wahrnehmungen in die Struktur von Sprache, Text und Medium selbst hin einnahmen.

Von Charles Baudelaires Spleen de Paris über Franz Kafkas Betrachtung, Benns Rönne-Novellen, Kracauers Straßenfeuilletons bis zu Musils Nachlass zu Lebzeiten und Benjamins Einbahnstraße und Berliner Kindheit um 1900 entwickelte sich die literarische Miniatur als Experimentierfeld von intensivierter Stadtwahrnehmung europäischer Metropolen: Paris, Wien, Berlin. Meist zuerst in Feuilletons oder Zeitschriften einzeln oder gruppenweise veröffentlicht, sind diese Texte geprägt durch ihre subversiven Beziehungen zu alten und neuen visuellen Medien wie barockem Emblem und flüchtigem Sketch, Fotografie und Stummfilm sowie leibhafter visueller, taktiler und auraler Erfahrung und Wahrnehmung ganz generell.

Verständliche Ängste

Ich lese diese Texte als paradigmatisches Medium der europäischen Moderne in einer Phase rapider Stadttransformation, politischer Krisen und demografischen Wachstums. Die Metropolen - und das ist entscheidend - waren damals noch Inseln der Modernisierung in einer vorwiegend provinziellen bzw. agrarischen und dörflichen nationalen Umwelt. Industrialisierung und Migration veränderten das Antlitz der Großstadt und städtischer Erfahrung grundlegender als je seither.

Die Stadtimagination jener Jahrzehnte war, wie wir wissen, bestimmt von Fortschritts- und Planungseuphorie einerseits und antimodernem, antistädtischem Ressentiment mit durchaus verständlichen Ängsten andererseits. Heiner Müller sagte einmal prägnant: "Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken." Das Erschrecken im Stadtraum ist ein zentrales Motiv der städtischen Miniatur von Baudelaire über Rainer Maria Rilke und Franz Kafka bis zu Siegfried Kracauer und Ernst Jünger.

So unterschiedlich auch die Schreibweisen der Autoren sind, haben sie jene verdichtete Form von Kurzprosa gemein, die wir kennen als Denkbild, Raumbild, Wortbild oder Betrachtung. Das Schreiben der Bilder erweist sich als verbindendes Moment dieser so unterschiedlichen Texte. All diese Bilder erscheinen im Medium Schrift. Der Rekurs der Autoren auf Schriftbilder ist leicht zu erklären. Nicht nur an die zunehmende Bedeutung von Fotografie und Film ist hier zu denken.

Die Straßen der Städte selbst waren voller Bildlichkeit: bebilderte Geschäftsschilder, elektrische Reklame, Theater und Kinos mit ihren Plakaten, Litfaßsäulen, der Sandwichman, die Schaufenster etc. Diese Bildlichkeit der Me tropolen, selbst meist mit Schrift verknüpft, reproduzierte sich in den massenhaft verbreiteten Druckmedien ebenso wie in Stummfilm, Fotografie und illus trierten Zeitungen. Die Flut visueller Eindrücke wurde zur Her ausforderung literarischer Imagination, wie es mit anderen Akzenten erst wieder im Zeitalter der digitalen Medien und des Internets aktuell geworden ist.

Fotografische und filmische Bilder sind zweidimensional im Format und perspektivisch organisiert. Es war jedoch gerade kon-trolliert perspektivisches Sehen, das durch die Erfahrung modernen Stadtlebens verstört und umkodiert wurde. Immer wieder handeln Texte von Hofmannsthal, Schnitzler, Kafka, Kracauer, Musil, Jünger und Benn von dieser Krise perspektivischen Sehens sowie vom Chaos städtischen Lärms, von bedrohlicher Verstörung der Wahrnehmung. Diese als Bilder bezeichneten metropolitanen Miniaturen sind in der Lage, Medien wie Film und Fotografie zwar zu reflektieren, aber gleichzeitig deren mimetischen Mangel zu erkennen und sprachlich literarisch zu transzendieren. Die Skepsis gegenüber neuen visuellen Medien kennen wir nicht nur aus Baudelaires Aversion gegen die bloß mimetische Dimension der Fotografie, sondern auch aus den paradigmatischen Medientexten der 1920er-Jahre von Kracauer und Moholy-Nagy bis zu Brecht und Benjamin.

Die literarische Miniatur, so meine Hypothese, trägt dieser Skepsis Rechnung. Der Fokus auf Bildlichkeit bietet den Schriftstellern den Vorteil, die Ausdehnung von Zeit und Raum, die im realistischen Stadtroman weitläufig ausgebreitet wird, zu einem überdeterminierten synchronen Bild zu verdichten. Insofern unterscheidet sich die Stadtminiatur deutlich von lockerer Beschreibung, dem Nacheinander des Erzählens und dem rein empirischen städtischen Sketch, wie wir ihn von anderen Formen der Stadtliteratur seit Mercier her kennen. Verdichtung von Zeit und Raum im Bild, Bild aber als Schrift: prägnant, überraschend, provokativ, plötzlich.

Die städtische Miniatur ist so zentral für die Literatur der Moderne, weil sie anders und radikaler als der städtische Roman die Metropole als ein Raum-Zeit -Dis-kontinuum in der Form von Assemblage selber darstellt. Eine scheinbar organisierte und natürliche städtische Landschaft erweist sich in diesen Texten als schwer lesbares Palimpsest von Räumen und Zeiten, Erinnerungsbildern und künstlichen Para diesen, Traumbildern, Montagen und imaginären Konstruktionen. Stadtraum und Stadtzeit werden in den multiplen Miniaturen weder als Totalität noch auch als kohärentes Nacheinander begriffen, sondern - paradigmatisch seit Baudelaire - als eine Sammlung getrennter Stücke, die auch andere Verbindungen eingehen könnten.

Döblin und Joyce scheinen gelegentlich ähnlich zu verfahren, aber in Berlin Alexanderplatz und Ulysses bleibt das Nebeneinander in eine zeitliche Abfolge mit Protagonisten eingebunden. Beides fehlt in den Miniaturen Baudelaires und bei den Autoren der Zwischenkriegszeit. Anstatt nun aber die Miniatur als Sekundärproduktion abzuwerten, ließe sich sagen, dass diese avanciertesten Romanciers die Struktur der Miniatur selbst in die ältere Romanform einbauen und dadurch deren postrealistischen Realismus begründen. Es geht nicht an, die Miniatur lediglich als Abhub ambitiöserer Romanprojekte zu lesen oder gar nur als Einkommensquelle des freien Schriftstellers zu verorten. Ähnlich wie Kracauer einmal die Fotografie als Abfall von Gemälde oder Erinnerungsbild bezeichnete und damit auf ihren marginalen Status verwies, den es zu verändern gelte, hat die Stadtminiatur Anspruch auf Anerkennung gegenüber den privilegierten großen Genres der modernen Literatur.

Was der Literaturwissenschafter Franco Moretti für das im Vergleich zum Roman ebenfalls vernachlässigte "modern epic" als enzyklopädische Form erarbeitet hat, möchte ich hier, auf der anderen Seite des Romans sozusagen, ansatzweise für die Miniatur als innovatives Medium der Moderne vorschlagen. (Andreas Huyssen, Album, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

 

 

 

 

Andreas Huyssen, geb. 1942 in Deutschland, ist Villard Professor of German and Comparative Literature an der Columbia University in New York. Von ihm erschien "Other Cities, Other Worlds: Urban Imaginaries in a Globalizing World" (2008). Huyssen hält am 23. 5. (18 Uhr) im Rahmen der IFK Carl E. Schorske Lecture (www.ifk.ac.at) einen Vortrag über literarische Stadtreflexionen von Baudelaire bis Benjamin. (Österreichisches Staatsarchiv, Dachfoyer, Minoritenplatz 1, 1010 Wien).

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7 Postings

danke für den artikel! sehr interessant....auch wenn man sich die veränderten rahmenbedingungen anschaut im vergleich 1910 zu 2012.. wie würde benjamin heute über den flaneur schreiben wenn man bedenkt wie sich die choregraphie der stadt (verkehr, gebaute umgebung, medien) verändert hat?

Wenn es um Großstadtminiaturen geht: Franz Hessel, Joseph Roth, Alfred Kerr, Alfred Polgar und

übrigens auch Billy Wilder (in seiner Berliner Reporter-Zeit) stehen sicherlich gleichberechtigt neben Siegfried Kracauer und Walter Benjamin.

Und was lernen wir daraus?

Nichts.

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Ist das hier nicht der Fussball Championsleague Artikel, oh ich glaub ich bin hier falsch. ;-) Sehr interessanter Artikel über diese sogenannte Stadtminiaturisierung. Leider bin ich kein Literaturwissenschaftler, aber mich interessiert das Thema sehr, da ich gerne anspruchsvolle Texte lese. Sie denken bestimmt, sehr viele Leute interessieren sich nur noch für Fussball und keiner für Literatur. Jedenfalls nicht annähernd so viele Leute wie es Fussball-Fans gibt. Nicht jedem liegt es nahe zu lesen, schon gar nicht so anspruchsvolle Texte, bei den n es noch darum geht, seine Phantasie zu benutzen und zu denken. In Zeiten von Full HD und Facebook ist es einfacher auf einen Bildschirm zu starren und das Gehirn grösstenteils abzuschalten. Leider.

etwa zu lesen nur weils ein "anspruchsvoller text" ist, geht doch am sinn vorbei oder?

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