Die Karawane zieht weiter

    19. Mai 2012, 19:12
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    Der Song Contest wird als TV-Großereignis oft belächelt, hat aber mehr Zuseher als ein Fußball-WM-Endspiel

    Unser Autor Tex Rubinowitz weiß auch schon, wer 2012 gewinnen wird.

    Nun, da die letzten Philister endlich auch mal erkannt haben müssten, dass es zu kurz greift, den Eurovision Song Contest pauschal als schnöde Schnulzensause zu verdammen, die zwar bekanntlich mehr Seher verfolgen als ein Fußball-WM-Endspiel, deren Connaisseure sich aber offenbar, so lautet das Vorurteil, nur aus unverbesserlichen Distinktionswirrköpfen rekrutieren, kann man vielleicht etwas entspannter eine neue Phase beleuchten, in die diese wunderbar anachronistische soziale Schlagerskulptur nun tritt.

    Denn einen Songcontest gibt es nicht. Er ist über die Jahrzehnte einem fortwährenden Wandel unterworfen, er bewegt sich wie ein Organismus oder Kremaster, der ständig in Bewegung gehalten wird, neue Länder kommen dazu, alte pausieren, andere kommen wieder zurück, Moden und Stile wechseln, dann und wann braucht es eine kleine oder größere Zäsur mit anschließender Neuordnung.

    Hartleibige Defätisten wollen all das aber dennoch nicht sehen, sie glauben, man könne ein vermeintlich starres Ungetüm nur mit künstlerischen Kriterien bewerten, das Ganze hätte keinen Stil, sei grotesk aufgeblasen, schiele nach Welteroberung, wobei es regelmäßig scheitere, und könne sowieso allenfalls nur ironisch gebrochen konsumiert werden.

    Nun wirft man einem Ameisenhaufen oder Myzelgeflecht auch nicht Mangel an Stil oder Hang zum Kitsch vor, es geht um das große Ganze, das für einen Abend Konstruierte, das so tut, als gäbe es ein einiges Europa, das zudem auch noch ein bisschen über den Teller hinausragt, etwa nach Aserbaidschan, so weit die Tentakel der Mitgliedsländer der EBU (European Broadcasting Union, ein Zusammenschluss von derzeit 74 Rundfunkanstalten in 56 Staaten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens) eben reichen.

    Im Laufe der Zeit haben sich immer wieder einzelne Länder gegen die Teilnahme am Eurovision Song Contest entschieden, teils aus Protest, teils aus Desinteresse oder wegen kurzfristiger Probleme. 1969 blieb Österreich dem Wettbewerb in Madrid aus Protest gegen die in Spanien herrschende Franco-Diktatur fern. Ein Jahr später nahmen Finnland, Norwegen, Portugal, Schweden und Österreich nicht teil, da sie mit den Abstimmungsmechanismen der letztjährigen Veranstaltung, bei der es vier Sieger gab, unzufrieden waren. Österreich schmollte noch einmal von 1973 bis 1975 in Absenz sowie von 2006 bis 2010, und gilt seitdem als launischste Nation der EBU.

    Mit Tunesien (1977) und dem Libanon (2005) standen zwei arabische Länder jeweils kurz vor der Teilnahme, zogen diese jedoch wieder zurück. In beiden Fällen war die gleichzeitige Teilnahme Israels ein Grund für die Absage. Das insgesamt fünfmal siegreiche Luxemburg nimmt seit 1994 aus mangelndem Interesse nicht mehr am Wettbewerb teil. Italien war dagegen nur 14 Jahre absent, um dann bei der Rückkehr vergangenes Jahr prompt Vizesieger zu werden. Andorra meldete sich gleich ganz aus der EBU ab, aus wirtschaftlichen Gründen, nicht auszudenken, wenn der Pyrenäenzwerg gewönne, er müsste sich auf Jahre hinaus verschulden, um die nächste Fête ausrichten zu können.

    Stil- und Modefragen

    Liechtenstein hingegen, mit reichlich geparktem Fremdkapital gepolstert, hat es aber heuer über die Vorausscheidung in der Schweiz versucht, mit einem auf Spanisch gesungenen Lied, ist aber gescheitert, vielleicht war diese Kuckuckseitaktik selbst den Schweizern nicht ganz geheuer.

    Man kann den EBU-Raum grob in drei Zonen einteilen, da ist zum einen das alte oder das erste Europa, nach dem Fall der eisernen Gardine kam der Balkan und der Osten dazu, zwei durch permeable Membrane symbiotisch miteinander verbundene Unterzonen, die sukzessive immer mehr wuchsen und ineinander zu einer Zone zusammenwucherten, wozu es zu neuen, interessanten Allianzen und ästhetischen Angeboten kam, und die dritte Kraft ist nun Eurasien, nicht mehr marginalisierbar infolge des Siegs Aserbaidschans im vergangenen Jahr.

    Zur eurasischen Gruppe werden natürlich die Türkei, aber auch Israel und Griechenland gezählt, denn Griechen sind Türken, die sich für Italiener halten. Durch die Ausdehnung des EBU-Raums nach Südosten und die Einschränkung der Macht der nationalen Jurys (die nur noch 50 Prozent der Punkte vergeben, die andere Hälfte kommt aus dem Volk) verlor das erste Europa seine Vormachtstellung und musste sich in musikalischen Stil- und Modefragen dem neuen Europa beugen, riesige Migrantengemeinden stillen nun qua Telefonabstimmung aus der westlichen Diaspora heraus ihr Heimweh, indem sie ihre patriotische Loyalität beweisen.

    Alexander Rybak, der 2010 für Norwegen gewann, ist ein exilierter Weißrusse, die Gewinnerin des Folgejahrs, Lena Meyer-Landrut, ist Enkelin des deutschen Diplomaten Andreas Meyer-Landrut, der viele Jahre deutscher Botschafter in Moskau war und eine Schlüsselstellung bei der Annäherung zwischen dem Westen und der sowjetischen Führung unter Michail Gorbatschow während der Perestroika einnahm. Sein Buch Mit Gott und langen Unterhosen. Erlebnisse eines Diplomaten in der Zeit des Kalten Krieges ist im gesamten Ostblock Schullektüre.

    Die finnischen Monsterrocker Lordi siegten fünf Jahre vor Lena, weil der über viele Jahrzehnte die Ästhetikwünsche einer großteils schwulen Klientel bedienende Wettbewerb sich nun plötzlich durch die Ostöffnung mit einer ganz neuen Semiotik konfrontiert sah, hier war eben das inzwischen ausgeleierte Glamourrepertoire, das im alten Europa aus paillettenbestickten Trickkleidern, dem fliederfarbenen Laméanzug (Thomas Forstner) und der Federboa bestand, jetzt die Gruselmaske und das Kunstblut, eine schrille Zäsur, im Osten galt und gilt eben diese Ästhetik als der flamboyante Inbegriff dessen, was wir "camp" nennen, eine stilistisch überpointierte Art der Wahrnehmung kultureller Produkte, die am Künstlichen und der Übertreibung orientiert ist, auch so wurde unmissverständlich die Neuordnung Europas eingeläutet.

    Und das alte rezessionsgebeugte Europa ist gar nicht mal so unfroh, dass das teure Song-Contest-Vehikel weiterwandert, es bleibt ihm ja erhalten, indem es für die neuen Länder die Songs liefert, das Lied der Aserbaidschaner schrieb ein Schwede, jenes für Lena ein Däne, eine Art subkutaner Kolonialismus also. Man braucht sich nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen, um jetzt schon prognostizieren zu können, dass nächste Woche, am 26. Mai, in Baku die Türkei gewinnen wird, ein Land im Herzen Eurasiens, ein sogenannter Tigerstaat, eine wirtschaftlich prosperierende, hungrige Nation, bewundert von der Region, mit treuen Migrantenverbänden im Ausland. Ihr Kandidat: Can Bonomo, dessen Familie sephardischen Juden entstammt, die vor der spanischen Inquisition im Osmanischen Reich Zuflucht fanden, also auch hier taucht das alte Europa als Zitat wieder auf.

    Und im nächsten Jahr wird die EBU um eine vierte Zone erweitert, zunächst um Turkmenistan, Kasachstan und Iran (es kommt, dank Lena Meyer-Landruts diplomatischer Vermittlung, zur Aussöhnung mit Israel, Mahmud Ahmadi-Nejad selbst - Chefsache - sitzt in der TV-Jury für "Unser Star für Alma Ata").

    Brachliegende Ressourcen

    In der nächsten Phase zieht der Tross dann weiter nach China. China-Pop ist von jeher eine markerschütternd grelle Version von dem, was wir unter volkstümlicher Musik verstehen, nach Art der Kastelruther Spatzen, alles aber auch immer wieder mit Hard rockelementen à la Scorpions unterfüttert (Mash-up-Verfahren), das alte Europa spielt jetzt außer musikalischen Zitaten überhaupt keine Rolle mehr, die Songs schreiben in erster Linie Syrer. Nach dem Sturz Assads kristallisiert sich eine ehrgeizige Songschreibernation heraus, die weltweit ihresgleichen sucht.

    Und als letzte Phase biegt der Songcontest nach Süden ab, nimmt kurz Vietnam, Malaysia, Singapur, die alten Tigerstaaten, überspringt nach diesem Intermezzo Papua Neuguinea, um am Ende, wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt, in Australien und Neuseeland zu landen und dortzubleiben. Jetzt ist das alte Europa im neuen alten Europa angekommen, der Kreis schließt sich, Länder, die schon immer ganz verrückt nach Abba waren und es nach wie vor sind, sind es bekanntlich auch nach dem Songcontest, den sie aber bisher immer nur zeitversetzt zu sehen bekamen.

    Rund 92 Prozent der australischen Bevölkerung sind europäischer Abstammung, brachliegende Schlagerressourcen. Insbesondere große Einwanderergruppen aus Italien, Deutschland, Griechenland, Polen und Exjugoslawien, die sich wiederum vor allem aus Kroaten, Serben und Mazedonier zusammensetzen. Nun haben sie ihn endlich vor der eigenen Tür, und sie geben dem E im ESC die Bedeutung und Identität zurück, die auf dem langen Weg hierher irgendwo verlorenging, weil die vielen Auswanderergemeinden (allein 357.703 Griechen), teilweise noch in der zweiten und dritten Generation, ausschließlich ihre alten Sprachen sprechen oder zumindest pflegen wie ihre Bräuche, zu denen jetzt auch der Songcontest gehört.

    Und so ist der Wettbewerb im 60. Jahr seines Bestehens (2016) nach langer Odyssee endlich wieder zu Hause. (Tex Rubinowitz, Album, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

    Der 57. Eurovision Song Contest findet am 22., 24. und 26. Mai 2012 in Aserbaidschans Hauptstadt Baku statt.

    Tex Rubinowitz, geb. 1961 in Hannover, lebt seit 1984 als Schriftsteller, Musiker und Zeichner in Wien. Gerade erscheint bei Rohwolt "Rumgurken. Reisen ohne Plan, aber mit Ziel" (2012).

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      Manuel Hoffelner alias 'Manix' und Lukas Plöchel, Vertreter Österreichs beim heurigen Song Contest, in Baku.

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