Knochenarbeit im Zelt

18. Mai 2012, 18:55
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Neun Jahre lang erprobte man die Frieze in London, um sie nun noch größer in New York zu platzieren

Man habe schon länger daran gedacht, die Frieze nach New York zu bringen. Gefehlt habe nur die Grünfläche, so Amanda Sharp, die 2003 mit Matthew Slotover die gehypte Londoner Messe initiierte, auf der sich das für die Messe übliche Zelt aufstellen ließ. Nun wurden sie mit Randall's Island auf der Höhe von Harlem an der East Side von Manhattan fündig.

Dass bis dato selbst New-York-Kundige die Insel nicht kannten, liegt wohl daran, dass man früher nur Häftlinge und Kranke dorthin verbannte. Mittlerweile finden hier Musik- und Sportevents statt und wurden die Brooklyner Architekten SO-IL dafür gelobt, dass ihre rekordverdächtige Konstruktion die "schäbige" Seite der Insel verdecke.

Obwohl der stets proklamierte demokratische Ansatz ("Where ,Just Looking' Is Just Fine", New York Times) von Sharp und Slotover den Londoner Messe-Erfolg wesentlich mitverantwortete, war in dem geräumigen Zelt (mehr 23.000 Quadratmeter) sofort klar: Hier geht es nicht mehr um die 99 Prozent, die am Mayday durch Manhattan marschierten, hier geht es um das eine Prozent.

In Bezug auf den Kunstmarkt ist das freilich nichts Neues, und doch fand in den Londoner Regent's Park immer ein durchmischteres Publikum seinen Weg als hier nach Randall's Island (4.-7. 5.), wo jetzt 182 der international etabliertesten Galerien zeitgenössische Kunst im Wert von 350 Millionen Dollar feilboten. In der Auswahl der Werke (vor allem Malerei und Skulptur) blieb man auf der sicheren Seite und wurde trotz erwartungsgemäß hochkarätiger Kunst bis auf wenige Ausnahmen erstaunlich wenig geklotzt: Die potente, mittlerweile in sämtlichen Metropolen der Welt ansässige Gagosian Gallery, ließ sich erstmals zu einem Messeauftritt bewegen und verkaufte die sechs Bilder von Rudolf Stingel (je 450.000 Dollar) bereits am Eröffnungsabend. Von ähnlichen Erfolgen berichteten auch andere New Yorker Galerien, die insgesamt ein Drittel ausmachten und den Heimvorteil offenbar zu nutzen verstanden.

Kannibalismus-Verdacht

Die Standkosten (bis zu 85.000 Dollar) wurden aber auch von der Londoner Lisson Gallery (Anish Kapoor, 809.100) und einigen anderen europäischen Vertretern der Zunft locker hereingespielt: Gisela Capitain (Köln) schaffte es etwa mit einem Gemälde von Martin Kippenberger (eine Million) in die Liste der Verkaufshighlights, und Sprüth Magers (Berlin/London) nahm man die bedingt kapitalismuskritische Arbeit Too big to fail von Barbara Kruger für 200.000 ab. Nur mittelmäßig erfreut wirkten dagegen die mittleren und kleinen Galerien, obwohl etwa auch Karin Handlbauer (Galerie Mezzanin, Wien) von guten Verkäufen berichtetet: Mit ihrem Konzept einer Einzelpräsentation von Mandla Reuter war sie von einer Jury für den in New York erstmals eingeführten Sektor "Focus" ausgewählt worden.

Dass die Messe nicht nur für Private, sondern auch für Vertreter wichtiger Kunstinstitutionen ein Pflichttermin ist, half etwa den Wiener Teilnehmern (Martin Janda, Meyer Kainer, Ursula Krinzinger). Vom New Yorker Frieze-Debüt insgesamt vollends begeistert, sprachen sie alle trotz hochwertiger Präsentationen von harter Knochenarbeit in Bezug auf den unter Kannibalismus-Verdacht stehenden amerikanischen Markt.

Ob das auf Gegenwartskunst fokussierte Frieze-Format dem traditionellen Klassiker Armory Show (20./21. Jahrhundert, zuletzt rund 230 Teilnehmer) tatsächlich den Todesstoß zu versetzten imstande ist, wird sich weisen. (Christa Benzer, Album, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

  • Krugers Konsumkritik fand Gefallen.
    foto: c. benzer

    Krugers Konsumkritik fand Gefallen.

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