Vertrauen in den Euro bröckelt weiter

18. Mai 2012, 12:46
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EZB-Ex-Chef Trichet regt an, dass EU-Staaten im Extremfall ein Land für bankrott erklären und seine Haushaltspolitik übernehmen

Frankfurt - Die Furcht vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone hat die Stimmung am Renten- und Devisenmarkt zum Wochenausklang weiter getrübt. Der Euro fiel am Freitag bis auf 1,2643 Dollar; so günstig war er seit Mitte Jänner nicht mehr. Die Skepsis der Investoren wurde weiter angeheizt von der Herabstufung Griechenlands durch die Ratingagentur Fitch. Deren Analysten begründeten das neue Langfrist-Rating CCC (vorher: B-) mit der Gefahr, dass das Land die Eurozone verlassen könnte. Auch für die angeschlagenen spanischen Banken gab es neue Krisenschlagzeilen: die Ratingagentur Moody's stufte 16 Institute herunter.

Entwicklung in Griechenland weiter im Fokus

"Der Euro kann in dieser Gemengelage kaum einmal durchatmen", schrieb die Commerzbank in einem Kommentar. "Das schon deswegen nicht, weil noch immer eine generelle Strategie zur Bekämpfung der Krise fehlt." Die Europäische Zentralbank (EZB) halte zwar das Feigenblatt einer strengen, risikoorientierten Notenbank von Zeit zu Zeit hoch, wie das Ausschließen einiger griechischer Banken zeige. Tatsächlich sei das aber völlig unwirksam, weil auch diese Banken weiter mit Liquidität aus dem Europäischen System der Zentralbanken (ESZB) versorgt würden; nur inzwischen über den Umweg der Emergency Liquidity Assistance (ELA) der griechischen Notenbank.

"Die europäischen Märkte scheinen sich ihrem Schicksal zu ergeben und stellen sich auf die Folgen eines Euro-Austritt Griechenlands ein", sagte Hedge-Fonds-Manager Lex van Dam von Hampstead Capital. "Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die EZB eingreifen wird, bevor die Situation eskaliert." Andere hielten dagegen. Die Zentralbank könnte zwar eine neue Geldspritze überlegen oder wieder verstärkt Anleihen der schuldengeplagten Euro-Länder kaufen. "Aber wirklich gebracht hat das bisher ja auch nichts", sagte ein Händler.

Spekulation über Notfallszenarien

Für Athen wird die Lage immer bedrohlicher. Erstmals bestätigte ein Mitglied der EU-Kommission, dass es Notfallszenarien für den Fall eines Euro-Austritts des hoch verschuldeten Landes gibt.

Ein Sprecher der EU-Kommission verneinte anschließend prompt, dass an derartigen Ausstiegsszenarien gearbeitet werde. EU-Handelskommissar Karel de Gucht warnte indes in einem Interview der belgischen Zeitung "De Standaard" am Freitag: "Das Endspiel hat begonnen und ich weiß nicht, wie es ausgehen wird."

Die Gefahr der Ansteckung anderer Euroländer wie Spanien und Italien schätzt er als verkraftbar ein: "Vor eineinhalb Jahren mag die Gefahr eines Domino-Effekts bestanden haben." Er fügte hinzu: "Aber nun arbeiten Abteilungen in der Europäischen Zentralbank und in der Europäischen Kommission an Notfall-Szenarien für den Fall, dass es Griechenland nicht schafft." Einzelheiten wollte er nicht nennen.

Ein Sprecher der EU-Kommission wies die Aussagen in Brüssel zurück: "Die EU-Kommission bestreitet, dass sie an einem Austritts-Szenario für Griechenland arbeitet. Die EU-Kommission will, dass Griechenland im Euroraum bleibt."

Notfallplan von Jean-Claude Trichet

Ein Vorschlag von Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet zur Rettung des Euro ging in der Krisenstimmung fast unter. Er hat angeregt, dass die EU-Staaten im Extremfall ein Land für bankrott erklären und seine Haushaltspolitik übernehmen. Dazu sollte es dann kommen, wenn die Fiskalpolitik des Landes die Währungsunion als ganze gefährde. Trichet nannte es eine "Förderation in Ausnahmefällen".

Am Markt fand das zunächst kaum Beachtung. Hier wurden vielmehr Konsequenzen eines zunehmend realistisch gesehenen Szenarios durchgespielt, dass Griechenland den Euro als Währung aufgeben könnte. Und da wurde vor allem Spanien als besonders ansteckungsgefährdet empfunden. Die Renditen auf zehnjährige Anleihen aus Madrid lagen weiterhin deutlich über der kritischen Sechs-Prozent-Marke, die Risikoaufschläge zur vergleichbaren Bundesanleihe stiegen nach Daten von Tradeweb um neun auf 500 Basispunkte. Selbst zweijährige Anleihen rentieren inzwischen mit 4,3 Prozent.

Bundesanleihen profitieren

Im Schlepptau von Griechenland und Spanien stiegen auch die Zweifel gegenüber der italienischen Reformfähigkeit. Zehnjährige Anleihen aus Rom rentierten knapp unter sechs Prozent, der Risikoaufschlag zur Bundesanleihe lag bei 465 Basispunkten. Profiteure der unübersichtlichen Gemengelage waren wieder einmal die Bundesanleihen. Der richtungsweisende Bund-Future stieg erneut auf ein Rekordhoch von 144,06 Zählern. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe fiel auf ein Rekordtief von 1,396 Prozent. Auch die Rendite kurzlaufender und 30-jähriger Papiere fiel auf Rekordtiefs.

"Die Investoren sagen sich, Deutschland wird wohl seine Schulden zurückzahlen, und deshalb kaufen sie weiter die Anleihen. Rendite ist völlig egal, es geht nur noch um Sicherheit", erklärte ein Händler den Ansturm. (APA/Reuters, 18.5.2012)

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    Griechenland hält die Eurozone weiter in Schach.

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