Geburtshaus: Ein Zuhause für Gebärende

22. Mai 2012, 16:55
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Seit zweieinhalb Jahren gibt es wieder ein Geburtshaus in Wien - Wer bekommt dort Kinder und warum?

"Ich war nicht krank, ich brauchte kein Krankenhaus", sagt Kathleen Rechta, als sie von der Geburt ihres ersten Kindes vor fast einem Jahr erzählt. Es ist ein warmer Frühlingstag, ihr Sohn Ole spielt im Sand. Für seine Geburt hatte die 29-jährige Sozialpädagogin schon vor der Schwangerschaft eine konkrete Vorstellung: Ole sollte in einem Geburtshaus zur Welt kommen - in einem Haus, in dem Babys unter der Führung von Hebammen geboren werden.

Doch die Umsetzung ihres Wunsches begann mit einer Enttäuschung: Die junge Frau aus Sachsen übersiedelte vor einigen Jahren der Arbeit wegen mit ihrem Partner nach Wien. Hier gab es zu diesem Zeitpunkt kein Geburtshaus. Jenes legendäre in Nussdorf wurde 2002 aus Finanzierungsgründen geschlossen. Für Kathleen Rechta kam es also wie gerufen, als Ende 2009 vier Hebammen das Geburtshaus "Von Anfang an" in Hietzing eröffneten.

Unterschiedliche Auslastung

Nicht nur Rechta habe darauf gewartet, wie Rotraud Zeilinger, Hebamme in Hietzing, bei einem Gespräch in der Teeküche des Geburtshauses betont: "Es war eine Nische, die endlich gefüllt worden ist." Es gebe eine Gruppe von Frauen, die etwas zwischen Klinik-Kreißsaal und Hausgeburt gesucht hätten. "Manche Frauen haben ihre eigene Hebamme mit ins Spital genommen, damit diese sie vor den Abläufen dort bewahrt: sprich, es sollten möglichst keine Eingriffe vorgenommen werden, keiner sollte den Raum betreten. Das geht aber nicht", sagt Zeilinger, die auch als Wahlhebamme arbeitet und Hausgeburten betreut. Zu Hause zu gebären sei für manche Frauen keine Option, da diese unter anderem nicht wollen, dass Nachbarn die Geburt mithören. 

"Schön langsam sind wir in Wien bekannt, wir werden angenommen", blickt Zeilinger auf die ersten zweieinhalb Jahre zurück. Über 150 Kinder sind in einem der dunkelrot gehaltenen Gebärzimmer zur Welt gekommen. "Wir brauchen sechs bis sieben Geburten pro Monat, damit es sich finanziell ausgeht", sagt sie. Die Auslastung ist unterschiedlich. Waren laut Zeilinger im April vier Geburten angemeldet, stehen im Mai und Juni bis zu zwölf auf dem Plan. 15 Geburten pro Monat sind machbar.

Keine Schmerzmittel

Es sind durchwegs höher gebildete und der Schulmedizin gegenüber vielfach kritische Frauen, die ins Haus an der Hietzinger Hauptstraße 50 kommen. In den Ablauf einer Geburt wird so wenig wie möglich eingegriffen, die Betreuung der Schwangeren erfolgt engmaschig, die Herztöne des Kindes werden regelmäßig überwacht. "Wir verlassen selten das Geburtszimmer und verabreichen keine schulmedizinischen Arzneimittel, die wehenverstärkend oder schmerzlindernd wirken. Das ist ein wichtiger Faktor, warum es in Spitälern zu Komplikationen kommt", behauptet Zeilinger.

Frauen, bei denen ein erhöhtes Risiko für Komplikationen bei der Geburt vorliegt, werden nicht aufgenommen und eine Geburt wird abgebrochen, sobald sich Komplikationen abzeichnen. Laut hausinterner Statistik mussten bisher acht Prozent der Frauen während oder nach der Geburt in ein nahe gelegenes Krankenhaus überstellt werden. Neugeborenes wurde bis dato noch keines als Akutfall verlegt. Fünf Prozent der Frauen hatten letztendlich ihre Kinder per Kaiserschnitt in einem Spital geboren. In Österreich endeten 2011 laut Statistik Austria 29 Prozent aller Geburten mit einer Sectio.

Kosten übernehmen die Frauen

Für diese Betreuung durch eine persönliche Hebamme nehmen die Frauen hohe Kosten in Kauf: 1.400 Euro für die Geburt, 320 Euro zahlt die Krankenkasse zurück. Dazu kommen noch 80 Euro pro Einheit für die Betreuung während der Schwangerschaft und im Wochenbett. Hiervon zahlt die Kasse die Hälfte. "Mir war es das wert, obwohl ich darüber vorerst schockiert war. Meine Schwägerin in Deutschland hat ihre Geburten im Geburtshaus von der Krankenkasse bezahlt bekommen", sagt Kathleen Rechta. 

Das müsste auch hierzulande möglich sein, fordern Hebammenverbände. Das Wiener Hebammengremium verhandelt derzeit mit den Sozialversicherungen über eine höhere Kostenabdeckung. Michael Adam kommt das bekannt vor: Der Wiener Gynäkologe hat über diese Frage jahrelang mit dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und der Wiener Gebietskrankenkasse verhandelt - erfolglos.

Auf Augenhöhe

Adam war 1986 Mitbegründer des ersten Geburtshauses in Österreich, jenes in Nussdorf. "Dort waren Ärzte und Hebammen auf gleicher Augenhöhe tätig", erklärt Adam den Unterschied zum neuen Geburtshaus, das rein von Hebammen geleitet wird. Über 3.000 Kinder wurden in Nussdorf geboren. "Wir haben immer geglaubt, uns mit der Qualität, die wir bieten, durchzusetzen. Als wir gemerkt haben, das geht nicht, haben wir versucht, uns an die Politik zu wenden. Dann ist uns aber finanziell die Luft ausgegangen", erinnert sich Adam.

Solange Gebären im Geburtshaus aus der eigenen Tasche bezahlt werden muss, ist Adam skeptisch, dass weitere Geburtshäuser gegründet werden. Ein von Hebammen geführtes Haus ist zwar kostengünstiger als jenes in Nussdorf, aber es sind vor allem die Investitionen in die Errichtung, die die Gründung zusätzlich erschweren. Die Hietzinger Hebammen erhielten beim Bau finanzielle Unterstützung von privater Seite. Adam fühlt Genugtuung: Die Idee sei doch nicht ganz umzubringen.

Kathleen Rechta würde auch weitere Kinder im Geburtshaus "Von Anfang an" gebären - vorausgesetzt, die Schwangerschaft verläuft normal. "Es war alles ruhig und gelassen, meine Hebamme war immer für mich da", erinnert sie sich an die Geburt ihres Sohnes Anfang Juni 2011. Er wurde in sieben Stunden ohne Komplikationen geboren. "So eine häusliche und harmonische Stimmung kann man in keinem Krankenhaus bekommen." (Regine Bogensberger, derStandard.at, 22.5.2012)

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