Ein nagelneues Spital ohne Geburtshaus

  • Für den Wiener Krankenanstaltenverbund ist die Idee eines hebammengeführten Kreißsaales offenbar vom Tisch.
    foto: apa/helmut fohringer

    Für den Wiener Krankenanstaltenverbund ist die Idee eines hebammengeführten Kreißsaales offenbar vom Tisch.

  • Moderne Kreißsäle sind heute mit Geburtsbadewanne ausgestattet.
    foto: derstandard.at/marietta türk

    Moderne Kreißsäle sind heute mit Geburtsbadewanne ausgestattet.

Das neue Krankenhaus Nord soll ein innovatives Spital werden - Nicht jeder ist mit den Plänen zur Geburtshilfe zufrieden

Noch sind an der Brünner Straße 68 nur Bagger und Lastwagen am Werken. Doch schon am 1. Juli 2016 soll dort laut Plan eines der modernsten Krankenhäuser Europas eröffnet werden. Teil des neuen Krankenhauses Nord in Floridsdorf wird auch das Traditionshaus der Wiener Geburtshilfe - die Semmelweisklinik. Daraus soll eine neue geburtshilfliche Station für circa 1600 Geburten jährlich mit 33 Betten und sieben Kreißsälen werden.

Das geht nicht ohne Reibereien, wie auch das Projektteam eingesteht, schon gar nicht, wo bei jedem Planungsschritt „Nutzer und Nutzerinnen" des künftigen Spitals eingebunden werden. Das wird auch gelobt. Dennoch melden sich nun einzelne kritische Stimmen zu Wort, die mit der Geburtshilfe im neuen Krankenhaus nicht zufrieden sind. Dies ist Ausdruck einer sich zuspitzenden Diskussion in der Geburtshilfe allgemein: Wer hat mehr Gewicht - Hebammen oder die Ärzteschaft, Technik oder die natürliche Geburt, und was wollen und brauchen die Mütter und ihr Kinder?

Erfolgreiche Umsetzung in Deutschland und England

Zunächst stand die Zeit günstig für neue Ideen: Ein Geburtshaus im neuen Spital, ein sogenannter Hebammen-Kreißsaal, sei im Jahr 2008 ernsthaft im Gespräch gewesen, weiß die Hebamme Uschi Eckhardt. Diese autonom von Hebammen geführten Kreißsäle stehen Frauen mit normalem Schwangerschaftsverlauf zur Verfügung. „Hier wird die Idee eines Geburtshauses mit der Sicherheit eines Krankenhauses verbunden", zeigt sich Eckhardt auch heute noch von diesem Modell überzeugt, das in Deutschland oder England bereits erfolgreich umgesetzt wurde.

Sommer 2008: Nach einer Podiumsdiskussion zur steigenden Kaiserschnittrate hatte Eckhardt den Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), Wilhelm Marhold, kurzerhand angesprochen, um ihm das Modell Hebammen-Kreißsaal näherzubringen. Marhold, selbst Gynäkologe, hatte bei erwähnter Diskussion die steigende Kaiserschnittrate kritisiert. Die Hebamme erinnert sich: „Der Generaldirektor hat die Idee sehr positiv aufgenommen. Es kam zu einem Gespräch in seinem Büro, wo Marhold betonte, dass das etwas Innovatives und eine tolle Sache wäre." Eckhardt wurde mit der Planung des Projekts beauftragt. „Marhold konnte sich vorstellen, dass zusätzlich zur normalen Geburtshilfe ein Hebammen-Kreißsaal für circa 800 Geburten eingerichtet wird", erinnert sich Eckhardt, die heute leitende Hebamme im Krankenhaus Hollabrunn ist. Daraufhin begann sie intensiv an dem Projekt zu arbeiten. Die Raumgestaltung wurde, so Eckhardt, bereits mit einem Architekten besprochen.

Keine finanziellen Mittel

Dann im Herbst 2008 wurde sie zu einer Sitzung in die Generaldirektion bestellt: Das Projekt wurde eingestellt. Die Begründung damals laut Eckhardt: Es gebe keine finanziellen Mittel. Vorgesehen war nämlich, dass Frauen in diesen Kreißsälen genauso im Rahmen der Krankenversicherung, also ohne zusätzliche Kosten, gebären hätten können, wie im normalen Arzt-geleiteten Kreißsaal. Es seien wohl die höheren Personalkosten ausschlaggebend gewesen. Dabei zeigten Ergebnisse bisheriger Hebammen-Kreißsäle hohe Zufriedenheit und Sicherheit sowie niedrige Kaiserschnittraten, was wieder Kosten sparen würde, betont Eckhardt.

„Ich finde es sehr schade für die Frauen. Die Idee ist damit für Jahre gestorben", zeigt sie sich noch heute enttäuscht. Sie ist davon überzeugt, dass eine große Gruppe von Frauen so ein Modell gewünscht hätte.

Integrierte Lösung

Generaldirektor Marhold selbst wollte nun dazu nicht Stellung nehmen. Er ließ über die Pressestelle verlauten: „Am Anfang eines jeden Projektes stehen viele neue Ideen. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle in die Tat umgesetzt werden können. Wir haben uns für die beste Lösung für die werdenden Mütter entschieden, nämlich für die Integration der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe in das Krankenhaus Nord. Der Vorteil: kürzere Wege, weniger Zeitverlust - wie etwa bei einer Sectio - und daher mehr Sicherheit für die Frauen im Akutfall. Für die Umsetzung eines Hebammen-Kreißsaales konnten dem KAV keine schlüssigen Konzepte vorgelegt werden." Darüber hinaus seien „Expertinnen und Experten des KAV" davon überzeugt, dass Ärztinnen, Ärzte und Hebammen gemeinsam im Kreißsaal tätig sein sollten, heißt es. Eine leitende Ärztin sagte den Interviewtermin kurzfristig ab, ein weiterer Experte durfte nicht Stellung nehmen.

Eckhardt kann diese Erklärung nicht nachvollziehen: Sie habe ein ausgereiftes Modell vorgelegt, zudem sei es ja gerade die Idee, einen Hebammen-Kreißsaal in einem Krankenhaus zu implementieren, so dass man im Notfall kurze Wege habe.

Hebamme oder Krankenschwester

Für den KAV ist diese Idee wohl vom Tisch. Offen ist aber noch eine weitere Frage: Wer soll in Zukunft die neue geburtshilfliche Station betreuen: Hebammen oder Pflegepersonal? Die KAV-Führung gibt hierzu noch keine Entscheidung bekannt. Das schürt auch Ängste. Dany Herzlinger, leitende Hebamme in der Semmelweisklinik, hofft, dass auf der neuen Station ein „innovatives kontinuierliches Betreuungskonzept" umgesetzt wird. Es geht darum, dass Hebammen Frauen vor der Geburt, während des Gebärens und im Wochenbett durchgehend betreuen. Laut Hebammengesetz sei dies auch so vorgesehen, betont Herzlinger. Generaldirektor Marhold habe ihr dies vor zwei Jahren auch zugesichert.

Zurzeit ist die Betreuung der Frauen aufgeteilt: Schwangere mit drohender Frühgeburt, Totgeburt oder Frauen mit medizinisch induziertem Abort würden ebenso von Hebammen betreut wie Gebärende. Für die Wöchnerinnen sind aber Krankenschwestern zuständig. Eine Tradition in vielen Krankenhäusern, so Herzlinger. Sie wolle zwar die Arbeit der Schwestern nicht schlecht machen, dennoch sei sie der Meinung, dass Hebammen die Frauen auch nach der Geburt besser betreuten. Es könne auch die Geburt mit der jeweiligen Hebamme besser aufgearbeitet werden.
Astrid Veprek, Oberschwester der Semmelweisklinik, setzt sich erwartungsgemäß für ihre Berufsgruppe ein. In den meisten KAV-Spitälern hätten Krankenschwestern immer schon die Wöchnerinnen betreut, nennt sie als Grund. Es habe traditionell eher zu wenige Hebammen gegeben.

Die Projektleitung ist überzeugt, eine moderne geburtshilfliche Station entwickelt zu haben: So haben etwa die Kreißsäle eine Geburtswanne, es gibt Zusatzbetten für Vertrauenspersonen in den Zimmern, bei jedem Bett gibt es Zugang zu Internet und TV. Das künftige Spital habe auch eine neonatologische Abteilung, erklärt das Projektteam anhand detailreicher Pläne und Musterräume im Infocenter gegenüber der Baustelle. 98 Prozent des Baus seien fertig geplant - unumstößlich. Auch wenn auf dem riesigen Erdloch noch Bagger graben. (Regine Bogensberger, derStandard.at, 21.5.2012)

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Hausgeburten u. geburtshäuser sind günstiger als krankenhaus.

in vielen ländern längst belegt.
Das mehr an hebammen betreuung wird leicht gedeckt dur die geringeren kosten durch nicht statfindenden krankenhaus aufenthalten. was viele nicht wissen. viele frauen können das Krankenhaus nach einer normalen geburt am nächsten tag wieder verlassen. aber wer will sich schon das wochengeld selbst kürzen.

Dieses Projekt scheitert an lobbing von seiten der länder und spitäler den die brauchen belegte betten um geld zu machen und bei einer geburtshaus geburt sind die belegungen sehr kurz u. nicht genau planbar.
Würde diese sinnvolle idee umgesetzt. könnten auch von der KV kostenersatz für geburten in anderen geburtshäusern bzw für hausgeburten gefordert werden. nicht gut für die KH

Sollte da nicht die Semmelweisklinik hinsiedeln?

Ja, mehr oder weniger halt.

Der Standort in der Semmelweis wird geschlossen, und die fehlenden Kapazitäten wird dann das KH Nord übernehmen.

Jede Frau soll (unabhängig von ihrem finanziellem Background) gebären dürfen wie sie möchte.
Egal ob Hausgeburt oder Wunsch Sectio - jede Variante hat Vor- u Nachteile und die Frau soll ganz alleine entscheiden dürfen (solange keine medizin. Gründe dagegen sprechen).

so läuft es eben

Die Lobby der Gebärenden ist klein und schwach und darübver hinaus ist das ein Minderheitenproblem. Ich meine das nicht abwertend, sondern: Mainstream wird beachtet, Minderheit wird übergangen! Und es als letztendlich egal gesehen, ob die genauso wie alle anderen ihre Versicherungsbeiträge bezahlen. Ursprünglich war angedacht, im neuen Spital etwas anderes anzubeiten als in alle anderen ...... jetzt wird's halt genauso wie alle anderen. Eine vertane Chance.

aber Geld ist da

um jetzt schon Krankenhausleitungen zu bezahlen für ein Krankenhaus, das es gar nicht gibt.
Wahrscheinlich ist das Problem wieder ein Architektenvertrag. Dieser hat ein unantastbares Konzept entworfen und das, was nicht reinpasst, nicht rein gemacht. Änderungen dürfen nur druch seine Zustimmung (und Verrechnung der Zustimmung) geschehen.
In Wien gäbe es dazu einige Beispiele, die ins Absurde gehen. Schade, dass es keinen Recherchejournalismus gibt.

die kosten sind günstig für die krankenkasse

aber das ist nicht gut für eine klinik, viel aufwand wenig geld...

Modern ist bestenfalls die Technik

Modern oder vielmehr an den Bedürfnissen des Menschen orientiert wäre ein Geburtshaus im Krankenhaus mit Hebammenversorgung. Wie sehr hätte ich mir so etwas bei meinen Geburten gewünscht. Aber nein! Ein Fernseher und Internet im Zimmer lenken von den drängendsten Fragen zum Baby, zum Stillen, zu Schreiphasen etc. ausreichend ab. Wozu soll man sich im Krankenhaus mit menschlichen Bedürfnissen befassen? Einfach runterwürgen und mit moderner Technik beschallen! Ganzheitlich, an der Natur und am Menschen orientiert ist wohl auch tatsächlich nicht modern, außerdem kostets was und die Leute schlucken ja auch die Billigvarianten mit weniger qualifiziertem Personal und Hightech in Teilbereichen.

Dann such dir ein besseres, kleineres Spital aus.

Davon gibt es genug.
Man muss noch lange nicht in ein Geburtshaus voller Eso-Schwachsinn gehen, wenn einen der Massenbetrieb im AKH abstößt.

Gibts das? Bis jetzt waren ausschließlich alle Geburtsstationen in österreichischen Krankenhäusern, die ich besuchen durfte, voll mit Esowerbung und Co.
Jedes Einzelne.
Ich geb zu, das waren noch nicht so viele, aber wohin soll man denn gehen, wenn man nicht mal will, dass es dort Pflegepersonal, Ärzte und Hebammen einen irgendwelchen Esokram anbieten? Oder sogar ernsthaft dran glauben?

"98 Prozent des Baus seien fertig geplant - unumstößlich."

naiv oder deppert ?
verbesserungen müssen implementierbar sein - technologien erweitern und ändern sich oder kommen gar neu hinzu während der bauphase aber auch noch während eines laufenden betriebs -
sonst ist die planung pfusch

Nicht aufregen

Bitte nicht aufregen wenn Geld fehlt. Die Parteienfinanzierung, die Schmiergelder und das teurer Lotterleben der Politiker ist wichtiger als ein solches Projekt.
WIR ALLE haben und diese Politiker gewählt - also nicht aufregen wenn die das Geld für sich selber verwenden!

Warum sagt man eigentlich so umständlich "Frauenarzt" und nicht einfach "Ärztin"?

Häh? Mein männlicher Frauenarzt aka Gyn tät sich schön bedanken, wenn sie ihn Ärztin nennen würden.

Rettet das Otto Wagner Spital!!!!!!!!!!!!!!

im Otto-Wagner-Spital gibts keine Geburtenabteilung

Großer

Nicht? Arg! :-)
Ich dachte, Häupl wäre da geboren.

Der Häupl wurde nicht geboren ...

... der wurde destilliert!

;-)

und gegen atomkraft sind wir auch

ist aber hier nicht das thema

Wow, das Spital ist "moderner" Geburtshilfe zugetan, weil es dort Fernseher in den Kreißzimmern gibt. Aber hallo, das ist genau das zentrale Bedürfnis gebärender Frauen!

Den Status auf Facebook immer aktualisieren können, damit alle Welt sofort erfährt, wenn man rasch zur Sectio um die Ecke befördert wird, weil man halt mit dem Fernseher allein und fehlender durchgehender 1:1-Betreuung doch nicht so super durch die Wehen kommt....

Bei der Werbung mit den Badewannen ist es ja dann immer interessant, wie hoch die Wassergeburtsrate der Station wirklich ist. Meines Wissens liegt die nach den Erhebungen in Deutschland in den Krankenhäusern so bei durchschnittlich 5% ...

Wo Leute am Werk sind, die glauben, dass eine schöne Hotelzimmer-Atmosphäre, W-Lan und der "sichere" OP um die Ecke die nötigen Standard von Geburtshilfe sind, kann man eigentlich nur die Flucht ergreifen ...

ja, die Frauen dürfen zwar in die Wanne,

aber zur eigentlichen Geburt sollen sie dann bitte schon raus aus dem Wasser und sich auf den rücken legen (schon öfter von bekannten gehört, dass sie mal zum entspannen ins wasser durften, aber dann vor der geburt aus fadenscheinigen gründen wieder raus mussten).

Also Kreissaal und OP örtlich eng vernetzt macht Sinn und sollte "State of Art" sein - der Rest ist ziemlich überflüssig.

Wozu die Gebärende im Kreissaal W-Lan brauchen sollte, geht mir nicht ein, und auch die Wassergeburt ist wohl eher esoterischer Schwachsinn - immerhin nimmt man dabei eine längere Hypoxie des Kindes in Kauf, als es bei der "normalen Geburt" der Fall wäre.
Aber ja, klasse, wunderbar, dass man eine Möglichkeit gefunden hat, Geld sinnlos rauszuwerfen - der Staat hat eh zuviel davon!

nicht unbedingt

wenn manche esoterische kreise auf wassergeburten abfahren, bedeutet es nicht, dass sie positvie effekte haben kann (ich hab aus dem wasser müssen, weil mein kreislauf schlapp gemacht hat) aber wasser ist entspannend, die position macht die geburt leichter (die liegelage ist eine *erfindung* der ärzte und geht auf dei arbeit in armenhäusern zurück) , alle naturvölker entbinden in der hocke, was sinn macht, weil frau mit der gravitation arbeitet)

Wieso ist die Wassergeburt "esoterisch"?

Sie ist eine Geburtsmöglichkeit wie viele andere. Die eine Frau will knien, die andere auf den Gebärhocker, die dritte ins Wasser. Es geht nur um das subjektive Gefühl der Mutter, um nichts mehr.
Wieso haben Sie es nötig, eine Badewanne voll Wasser gleich als Esoterik zu verurteilen?

Wenn Sie über Esotik in der Geburtshilfe reden wollen, reden wir doch drüber, wieso man heut auch schon in jeder Klinik mit Globuli und Aromaölen genervt wird, und Kurse über Homöopathie von Gynäkologen auf der Meduni abgehalten werden.

könnt das sein, dass Sie das posting gemeint haben, auf das ich selbst geantwortet habe?

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