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Wo gibt es heute noch wahre Liebe und Treue?
Freunde sammeln ist ein Volkssport. Einmal auf einem Fest mit jemandem fünf Worte gewechselt oder einen Kommentar in einem Onlineforum gepostet, schon wird man per E-Mail zum digitalen Freundschaftsbeitritt gedrängt. Womit das große Wort Freundschaft, wenn schon nicht pervertiert, zumindest aber mit schnöder Bekanntschaft verwechselt wird. So wird aus einer Person, die man bestenfalls vom Wegschauen kennt, flugs ein Freund. Zwischen "gefällt mir" und "gefällt nicht" gibt es kaum Spielraum.
Treue hingegen ist keine Kategorie (mehr). Dieses ebenfalls große Wort, dem insbesondere in schlechten Zeiten tiefe Bedeutung zukommt, gilt als hoffnungslos altmodisch. Ein Billett mit Glückwünschen oder eine kitschige Postkarte aus dem Urlaub? Wie ewiggestrig! Nur unsere liebe Post liebt Papierkuverts, sofern sie maschinell beschriftet (der gemeine handgeschriebene Brief ist in der Sortierung beschwerlich) oder marketingtechnisch verwertbar sind. Etwa, wenn von altmodischen Aktionären für die Hauptversammlung ein Blankoscheck pro Dividende und Boni eingefordert wird.
Richtig treu, so scheint es, sind nur mehr PR-Agenturen. Einmal im Verteiler, entkommt man ihren Aussendungen nicht. Ab und an schicken sie auch Päckchen. Wie gestern, da wurde Kollege stock anlässlich der Benefizmotorradtour Toy-Run für Kinder in Sozialeinrichtungen bedacht. M-Tabak schickte unserem Säulenheiligen des redaktionellen Nichtraucherschutzes zwei Päckchen O'Nyle. Wir danken für die originelle Idee und bringen ein Rauchopfer dar. (Luise Ungerböck, Automobil, DER STANDARD, 18.5.2012)
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