Für vier von fünf taugt die Rettungsgasse in der Praxis nichts

18. Mai 2012, 10:01
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Dennoch sehen sich 77 Prozent der Österreicher als Unterstützer und Befürworter - Autofahrer fühlen sich vor Strafen sicher

Wien - Mehr als vier Monate nach Einführung der Rettungsgasse sind 83 Prozent der Österreicher der Meinung, dass die Regelung derzeit schlecht funktioniert. 93,4 Prozent glauben, dass sie ohne rigorose Bestrafung missachtet wird. In falscher Sicherheit wiegt sich dennoch die große Mehrheit von 71,3 Prozent: Sie meinen, dass es noch eine Schonfrist vor Bestrafung durch die Polizei gibt. Das Meinungsforschungsinstitut Oekonsult hat aktuell 1.313 Österreicher zwischen 17 und 72 Jahren befragt.

Trotz aller Kritik stehen 74,4 Prozent der Österreicher der Idee der Rettungsgasse positiv gegenüber. Noch mehr (77 Prozent) sagen, dass sie grundsätzlich Unterstützer und Befürworter sind und auf Besserung hoffen. Nahezu allen Befragten (96,3 Prozent) ist der Begriff grundsätzlich geläufig und drei von vier Probanden waren überzeugt, einem Unkundigen erklären zu können, wie das Prinzip zu verstehen ist. Als die Befragten den Wahrheitsbeweis antreten mussten, zeigte sich aber, dass jeder fünfte von ihnen die Sachkenntnisse lediglich vorgegeben hatte. Immerhin jeder Zweite war ausreichend gut informiert.

Keine bundesweite Anordnung

Für das "Nichtbilden" der seit 1. Jänner geltenden Bestimmung droht eine saftige Strafe von bis zu 726 Euro, wer Einsatzfahrzeuge behindert, muss mit bis zu 2.180 Euro rechnen. Dennoch fühlen sich Österreichs Autofahrer davor sicher: Fast ein Drittel (31,76 Prozent) der Befragten meinte, dass bis nach Pfingsten eine Schonfrist vor Bestrafung gilt. Rund 26 Prozent glauben, dass dies noch bis zum Beginn der Sommerferien der Fall ist und fast 14 Prozent denken, dass sie sogar bis Jahresende ungestraft davonkommen. Jeder achte Umfrageteilnehmer gab hingegen an, jemanden zu kennen, der bereits gestraft wurde, weil er die Regelung missachtet hat.

Eine bundesweite Anordnung, dass gestraft werden muss, gibt es aber nicht, wie Innenministeriums-Sprecher Karl-Heinz Grundböck betont. Die häufigsten Vergehen der Fahrzeuglenker: Keinen Platz machen und nachträglich in die gebildete Rettungsgasse einfahren. "Autofahrer können der Versuchung einer freien Fahrspur nur schwer widerstehen", meinte der Leiter der Landesverkehrsabteilung.

"Am Anfang ist Aufklärung im Vordergrund gestanden. Mittlerweile müsste die Intention angekommen sein", sagte Oberst Ferdinand Zuser, Leiter der Landesverkehrsabteilung Niederösterreich. "Jetzt muss mit Beanstandungen gerechnet werden." Vor allem in Ostösterreich habe es laut Zuser seit Jahresbeginn bereits einige Dutzend Anzeigen wegen Missachtung der Rettungsgasse gegeben.

Taxler und Buslenker werden für privilegiert gehalten

Falsch ist die Meinung von immerhin der Hälfte der Umfrageteilnehmer, dass Motorradfahrer von der Bildung einer Rettungsgasse ausgenommen sind. Irrtümlicherweise glauben sieben von zehn Autofahrern, dass der Pannenstreifen beim Bilden einer Rettungsgasse nicht befahren werden darf. Rund sieben Prozent meinen, dass Autobusse die freie Spur befahren dürfen. Immerhin 4,3 Prozent denken, dass auch für Taxis freie Fahrt gilt, und weitere sieben Prozent nehmen an, dass Dienstfahrzeuge (z.B. der Regierung) von der Bildung der Rettungsgasse ausgenommen sind.

92,3 Prozent der Befragten haben den Eindruck, dass ausländische Kfz-Lenker über das seit Anfang des Jahres geltende Gesetz nicht gut Bescheid wissen. Die Umfrageteilnehmer gaben dem "Projekt Rettungsgasse" für den bisherigen Verlauf die Schulnote 3,7. (APA/red, 18.5.2012)

Wissen

Seit Jahreswechsel ist die Bildung einer Rettungsgasse auf allen Autobahnen und Schnellstraßen in Österreich Pflicht. Sie soll Einsatzfahrzeugen bei Erliegen des Verkehrs die Durchfahrt zum Unfallort ermöglichen. Bei zweispurigen Fahrbahnen sind die Lenker verpflichtet, nach rechts oder links auszuweichen und in der Mitte eine Gasse zu bilden.

Bei mehrspurigen Straßenabschnitten müssen die Autofahrer zwischen dem ganz linken und den danebenliegenden rechten Fahrstreifen Platz machen. Dabei soll auch der Pannenstreifen benützt werden. Die Rettungsgasse muss vorausschauend immer bei Entstehung eines Staus (auch bei täglichen Überlastungsstaus) gebildet werden, verpflichtet sind alle Verkehrsteilnehmer.

Link
rettungsgasse.com

  • Einer von zwölf Österreichern ist der Meinung, dass neben Einsatzfahrzeugen auch Chauffeure von Regierungsfahrzeugen die Rettungsgasse benutzen dürfen.

    Einer von zwölf Österreichern ist der Meinung, dass neben Einsatzfahrzeugen auch Chauffeure von Regierungsfahrzeugen die Rettungsgasse benutzen dürfen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Einstellung zur Rettungsgasse stimmt, der Funktionsgrad laut Verkehrsteilnehmer nicht.

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