Ganz der Herr General

17. Mai 2012, 21:37
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Seit dieser Woche läuft der Kriegsverbrecherprozess gegen Ex-Kommandeur Mladic

Den Haag - Nach der Verlesung der Anklageschrift gegen Ratko Mladic am Mittwoch und Donnerstag kann die Beweisaufnahme im Prozess gegen den früheren bosnisch-serbischen General frühestens im Herbst beginnen. Mladics Verteidiger Branko Lukic hatte moniert, dass er und sein Mandant wichtige Unterlagen von der Anklage nicht erhalten hätten. Eigentlich war der Beginn der Beweisaufnahme für den 29. Mai angesetzt. Doch vollständige Dossiers hatten Mladics Anwälte trotz Einspruchs erst Ende April erhalten.

Mladic-Verteidiger Lukic hatte für das Studium der Unterlagen eine Frist von 90 Tagen verlangt. Folgt das Gericht dem Antrag, kann die Einvernahme der Zeugen frühestens im August beginnen. Die Anklage hat 410 Zeugen nominiert, von denen 158 persönlich im Gerichtssaal aussagen sollen.

Ankläger Dermot Groome zeigte bereits am Mittwoch zum Prozessauftakt ein verwackeltes kleines Filmchen, das ein Fan des Generals gedreht hat, als er sein Idol einmal im Feld besuchen durfte. "Jedes Mal, wenn ich nach Sarajevo komme", prahlt da Mladic, "bringe ich jemanden um", und dazu lacht er so gemein, wie man es von dem Mörder aus purem Vergnügen erwartet, für den die ganze Welt ihn hält.

Kein Zweifel an Kriegszielen

Geht man nach den Fakten, hat die Anklage es leicht. Der US-Amerikaner Groome und sein Landsmann und Kollege Peter McCloskey konnten ihre 143-seitige Anklageschrift einfach nach den Kriegszielen gliedern, wie sie der damalige bosnische Serbenpräsident Radovan Karad~ic in aller Öffentlichkeit vertrat. Dass Mladic die Ziele teilte, kann niemand bezweifeln. Es geht nicht nur aus seinen Taten, sondern auch aus seinen persönlichen Notizen hervor, die Groome immer wieder für alle sichtbar an die Wand warf: "Das Problem", schreibt der General da mit flüssigem, energischem Strich in sein Tagebuch, "sind die vielen Muslime in der Gegend."

Die Zivilbevölkerung, schließt der Ankläger, erlitt nicht Kollateralschäden, sondern war vielmehr das eigentliche Ziel des Krieges zwischen 1992 und 1995. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung wurde vertrieben, aber die Armeen gerieten so gut wie nie aneinander. Zu Beginn des letzten großen Haager Prozesses erlebten die Richter in Den Haag einen schweigenden Angeklagten. Aber einen beredt schweigenden: Wenn es um Militärisches ging, saß da wieder ganz der General, herausfordernd, mit gerecktem Kinn. Ging es um die Politik, das war die meiste Zeit, changierten seine Züge zwischen Langeweile und ironischem Lächeln. Kam schließlich, wie in dem Film, der Mensch Mladic ins Bild, so entgleisten sie.

An die zwei Jahre lang haben die Ankläger Gelegenheit, dem 70-jährigen früheren Oberkommandierenden der bosnischen Serben mehr zu entlocken, als dieser preisgeben möchte. Die Chancen stehen gut dafür. Mladic ist sichtbar auf Wirkung bedacht und bemüht, Anzeichen beginnender Senilität herunterzuspielen. Ein Angeklagter, der das Prozessgeschehen ignoriert, sieht anders aus.

Mit dem Urteil im Mladic-Prozess soll das Tribunal 2014 seine Pforten schließen. Das Verfahren soll die Verantwortung des früheren jugoslawischen Generals für die schlimmsten Verbrechen im bosnischen Krieg festhalten. Grauenhafter Endpunkt des Krieges war das Massaker von Srebrenica vom Juli 1995, bei dem bosnisch-serbische Truppen unter dem Befehl von Mladic mehr als 7000 Männer und männliche Jugendliche töteten. (Norbert Mappes-Niediek aus Den Haag /DER STANDARD, 18.5.2012)

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