Snoopy antwortet nicht mehr

Glosse17. Mai 2012, 21:46
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Rotscher, rotscher – Owa end aut! Fluglotsen sind die Götter am Radar! Innenansicht einer unsichtbaren Berufsgruppe

Ein Fluglotse zu sein fühlt sich gut an. Der Flirtfaktor, beispielsweise, ist immens, sobald man erst klarstellt, man sei nicht der Mann, der die Flieger mit Ping-Pong Schlägern zum Parkplatz winkt. Sondern der Mann, der im Halbdunkel vor einem Radarschirm sitzt und hochoffiziell, mit fester, sonorer Stimme Worte wie "roger", "over" und "out" per Funk in den Äther singt. Wie im Film.

Die Männer im grünen Licht

Heute ist vieles anders. Seit meiner Ausbildung sind Frauen akzeptierter Teil der verschworensten und exklusivsten Berufsgruppe der zivilen Luftfahrt. Als ich, Mitte der 80-er Jahre ausgebildet werde, dienen Satelliten hauptsächlich zum Fernsehen, Telefonieren, und Spionieren. Das Internet gibt es noch gar nicht. Ich gehöre der letzten Generation meiner vormaligen Zunft an, die ausschließlich mit elektromagnetischer Navigation und diesen film-ikonischen, grün strahlenden Radarschirmen arbeitet. Mann drillt uns sogar in Koppelnavigation mit Kompass, Aviatikschieber und Karte. Der Sextant wird uns immerhin erklärt, kommt aber nie als Prüfungsfrage. Die Welt der Fluglotsen ist damals ein Männer-Fetisch, gemacht aus modernster Com-Technik, alter Navigatoren-Tradition und dem uralten Traum vom fliegenden Menschen. Deine Stimme donnert mit der Gewalt hunderter Kilowatt durch den Äther und zwingt Metallvögeln deinen Willen auf. Dies und das allsehende Radarauge machen aus dir einen Gott.

Ich werde von Männern ausgebildet, die schon Ende der 50-er Jahre, ohne Radar, nur per Funk und Landkarte, die moderne österreichische Fluglotserei erschaffen. Meinen Lieblinginstruktor nenne ich "Dottore Beppo Dente, il navigatore elettromagnetico". Er bringt mir bei, Christopher Columbus zu verachten, weil er selbst für seine Zeit ein lausiger Navigator ist und bloß unverdientes Glück hat. Ein anderer Instruktor unterweist uns fast zwei Monate lang im Strafrecht. Mit besonderem Augenmerk auf Katastrophen im Luftverkehr, die Menschenleben kosten. Das ist beunruhigend. Der Kurs über Flugtechnik, Avionik und Physik lenkt mich aber ab. Ganz besonders das Kapitel über Unfallforschung in der Luftfahrt. Wer weiß schon, dass ein Flugzeug auch abstürzen kann, weil Menschen nicht nach Vorschrift handeln, sondern ihrer Menschlichkeit folgen? So wie der Pilot der "Snoopy".

Snoopy antwortet nicht mehr

Vielleicht ist es nur eine Zote, die man jungen Fluglotsen erzählt. Doch die meisten alten Lotsen nicken wissend und sagen: "Jo, jo, so woar des... und ned anderst... "

Ein Lear-Jet der Firma Snoopy, ein kleiner Buiseness-Jet, auch Maß und Wahrzeichen für kapitalistischen Erfolg, fliegt an diesem Tag mit zwei Piloten an Bord von Wien zurück nach London. Eine Positionsmeldung in fast 10 000 Metern Höhe, nahe Bayern, ist das Letzte, was man von Snoopy hört. Aber das Radarauge sieht, dass Snoopy noch immer Kurs und Höhe hält. Die Piloten deutscher, französischer und britischer Abfangjäger entlang der Route berichten übereinstimend Unheimliches: Der Jet ist unbeschädigt, niemand sitzt im Cockpit. Der Autopilot hält Snoopy stur auf dem letzten einegegebenen Kurs, der weit über den Atlantik führt, bis sie mit trockenen Tanks in die Wellen schlägt.

Die Unfallkommission kommt schnell zu einer überaus banalen Erklärung. Bei Erreichen der Reiseflughöhe gibt eine Türdichtung nach, Luft entweicht und verursacht ein Geräusch in der Kabine. Das veranlasst den Co-Piloten in die Kabine zu gehen, wo er wegen Suerstoffmangels in Ohnmacht fällt. Dasselbe widerfährt dem Piloten, als er versucht seinem Kollegen zu helfen. Zuvor jedoch schaltet er den Auto-Piloten ein, der treu-dumm, wie Maschinen so sind, Snoopy bis zum Aufschlag führt.

Statt Menschlichkeit nachzugeben, muß ein Pilot die Sauerstoffmaske aufsetzen, das Steuer nach vorne drücken und beim Sturzflug auf 3000 Meter, die drei Zauberworte zum Gott am Radar herunterbeten: "Mayday! Mayday! Mayday!" Dann zaubert ihm der Fluglotse alle fliegenden Hindernisse aus dem Weg, niemand muß sterben. Der Pilot der Snoopy hat eine elementare Regel der Luftfahrt (und der Tote-Teenager-Filme) mißachtet. Sie lautet: "Wenn hinten etwas zischt, geh nicht nachsehen! Du kommst nicht zurück!" Was von Snoopy und ihren Piloten übrig ist, ruht bis heute 4000 Meter unter den Wellen des Atlantik.

Nur die Sonne ist Zeuge

Der Ursprung sowohl der modernen zivilen Luftfahrt als auch ihrer kontrollierten Abwicklung beginnt - nota bene! - in der griechischen Antike. Als Ikarus, der erste fliegende Mensch, in jugendlichem Übermut seine vorgeschriebene Reiseflughöhe mißachtet, ruft ihm sein Vater noch zu, nicht so nah an der Sonne zu fliegen. Der erste Flugunfall ist also die Folge eines Pilotenfehlers und der erste Fluglotse ist also Daedalus.

Die Verantwortung auf den Schultern des Lotsen wird in hunderten von Menschenleben gemessen. Das ist es, was der Lotse tagtäglich und buchstäblich in Händen hält: Zerbrechliche Lebewesen in Kolossen aus Aluminium und Plastik, die mit aberwitziger Geschwindigkeit nahe der Stratosphäre über die Himmel rasen. Als ich selbst ein alter Hase bin, fragt mich ein junger Lotse, wie ich diesen Druck verarbeite. Es ist einfach: Die Passagiere denke ich mir als eine Ladung Schafe und die Crew als eine Bande ungehobelter Schafhirten, die ihre Herde zur Tränke fliegen. Bei manchen Fluggesellschaften ist das sogar fast Realität.

Als Fluglotse hast du nicht nur hohes soziales Prestige und ein passables Gehalt, sondern auch die Aussicht auf eine der höchsten Scheidungsraten aller Berufsgruppen. So erzählt uns oft unser Betriebsrat. Seine Scheidung ist lautlos wie der Flug eines Seglers. Als er von einem Kurzurlaub zurückkehrt, ist an der Wohnungstüre ein neues Schloß, sein Kollege von der Anflugkontrolle ist im Bett seiner Frau zwischengelandet.

Am Ende noch dies: Fliegen ist damals wie heute die sicherste Art zu reisen, weil gewissenhaft ausgebildete Frauen und Männer Tag und Nacht darüber wachen, das Dir und mir nichts passiert, da wo die Luft so dünn ist, dass die Lunge platzen würde, wenn die zwei, drei Millimeter Alluminium der Flugzeughaut nicht wären. (Bogumil Balkansky, 18. Mai 2012, daStandard.at)

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    Der Flirtfaktor ist immens; wenn man erklärt, dass man der Mann ist, der im Halbdunkel vor einem Radarschirm sitzt und hochoffiziell, mit fester, sonorer Stimme, Worte wie "roger", "over" und "out" per Funk in den Äther singt.

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