"Mein Migrationshintergrund interessiert mich nicht"

Interview17. Mai 2012, 21:14
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Der deutsche Schauspieler Elyas M'Barek findet den "Migrations-Stempel", der ihm von der Öffentlichkeit verpasst wird, in seinem privaten Leben nicht wieder

In diesem Jahr ist er in drei Kinofilmen in Hauptrollen zu sehen, eine davon in "Offroad", zu dessen Premiere der deutsche Schauspieler letzte Woche Wien einen Kurzbesuch abstattete. Immer wieder spielt der gebürtige Münchner, dessen Wurzeln in Österreich und Tunesien liegen, junge Deutsche mit türkischem Background und wird aufgrund dessen auch häufig auf seinen eigenen Migrationshintergrund angesprochen. daStandard.at bat Elyas M'Barek zum Interview und erfuhr, dass ihn die Herkunfts-Thematik langweilt und er kein Sprachrohr für Menschen sein kann, die aufgrund ihrer Herkunft in Deutschland mit Vorurteilen zu kämpfen haben.

daStandard.at: Ihr Vater kommt aus Tunesien und Ihre Mutter aus Österreich, Sie selbst sind in München geboren und aufgewachsen. Sind Sie zweisprachig erzogen worden?

M'Barek: Nein, bin ich nicht. Mein Vater hielt es nicht für nötig, er hat ganz klar gesagt, dass es besser ist, wenn ich mit Deutsch aufwachse, als mit Arabisch. Und da gebe ich ihm auch recht. Natürlich wäre es nicht schlecht, wenn ich jetzt auch Arabisch könnte, aber ganz ehrlich: Bisher hat es mir noch nicht gefehlt. Höchstens im Urlaub in Tunesien, aber ansonsten gibt es keinen Grund, warum ich Arabisch sprechen sollte.

daStandard.at: Haben Sie einmal darüber nachgedacht, die Sprache zu lernen?

M'Barek: Nein, also wenn überhaupt, dann würde ich Französisch lernen, weil das in Tunesien ja auch gesprochen wird.

daStandard.at: Sind Sie oft in Tunesien zu Besuch bei Ihren Verwandten gewesen und wie hat die Kommunikation mit Ihrer arabischen Familie dort geklappt?

M'Barek: Früher als Kind war ich oft mit meiner Familie dort. Die Kommunikation war natürlich ein Problem, richtige Unterhaltungen gab es dann nicht wirklich.

daStandard.at: Fühlen Sie sich dort auch ein bisschen zu Hause?

M'Barek: Das sind vor allem Kindheitserinnerungen, ich kenne es ja nur aus dem Urlaub. Ich habe zwar meine Wurzeln da, aber deswegen ist es nicht mein zu Hause. Es sind schöne Gefühle, aber ich glaube, die würden bei mir auch aufkommen, wenn ich nach Mallorca fahren würde und da meine Kindheit immer verbracht hätte. Dann würde ich wahrscheinlich auch wehmütig daran zurückdenken. Wobei das jetzt ein bisschen härter klingt als es ist: Es sind zwar keine Heimatgefühle, aber ich mag es schon, in Tunesien zu sein. Ich war nur seit zehn Jahren nicht mehr dort.

daStandard.at: Sie werden immer wieder für Rollen als Deutsch-Türke oder junger Deutscher mit Migrationshintergrund gecastet, auch im aktuellen Film "Offroad" spielen Sie einen Mann aus einer türkischen Familie in Deutschland. Stört Sie diese Schubladisierung?

M'Barek: Nein, überhaupt nicht. Ausserdem ist es mittlerweile so, dass ich hauptsächlich Rollen angeboten bekomme, in der die Herkunft der Figur keine Rolle spielt.

daStandard.at: Ist es in der Branche auch ein Vorteil, nicht wie der "typische Deutsche" auszusehen?

M'Barek: Nein, es gibt genauso viel Konkurrenz, obwohl ich das gar nicht als Konkurrenz empfinde. Ich glaube, ich habe momentan einen ziemlich privilegierten Status, weil ich in letzter Zeit viele Filme gedreht habe und viele davon auch sehr erfolgreich waren. Und deshalb werde ich auch besetzt. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich jetzt der einzige Schauspieler mit schwarzen Haaren in Deutschland wäre.

daStandard.at: Aber das Zuwanderer-Thema kommt in den meisten Ihrer Rollen vor.

M'Barek: Das sehe ich nicht so, in "Offroad" wird es überhaupt nicht thematisiert. Da könnte man auch behaupten, meine Kollegin Nora Tschirner spielt immer nur deutsche Mädchen. Klar werden Klischees bedient, aber das Thema Herkunft wird überhaupt nicht behandelt - das sehen die Leute immer nur so, und darüber bin ich ehrlich gesagt immer erstaunt, weil ich das überhaupt nicht so empfinde.

daStandard.at: Haben Sie privat einmal aufgrund Ihres Namens das Gefühl gehabt, benachteiligt zu werden?

M'Barek: Ja klar, früher bei der Wohnungssuche zum Beispiel. Und wenn ich einen normalen Job gewählt hätte, hätte ich es bestimmt auch nicht so leicht. Jeder, der einen ausländischen Namen hat, wird irgendwann feststellen, dass er es irgendwo nicht so einfach hat wie jemand, der Müller heißt. Aber niemand ist vorurteilsfrei, ich würde mich da auch nicht ausschließen. Und manche Leute haben eben Vorurteile gegenüber Menschen, die ausländische Namen haben, allein deswegen, weil es fremd klingt. Das müssen sie nicht mal böse meinen.

daStandard.at: Werden Sie oft angesprochen, zum Beispiel, um bei Kampagnen für Anti-Rassismus-Arbeit mitzumachen?

M'Barek: Ja, aber ich bin sehr unpolitisch, was meine öffentliche Arbeit angeht. Und das mache ich auch bewusst so, denn ich bin Schauspieler. Meine politische Meinung ist privat. Die diskutiere ich mit meinen Freunden, aber nicht in der Öffentlichkeit.

daStandard.at: Vor ein paar Jahren gab es aber ein Plakat, auf dem man Sie mit heraus gestreckter, mit den deutschen Flaggenfarben bemalten Zunge gesehen hat.

M'Barek: Das war vor drei Jahren, diese Aktion fand ich interessant, weil ich tatsächlich der Meinung bin, dass man Deutsch lernen sollte, wenn man hier wohnt - weil Sprache ein Schlüssel zu vielem ist. Man muss richtig Deutsch können, damit man die selben Chancen hat, oder zumindest bessere Chancen auf ein gutes Leben hier in Deutschland. Deshalb fand ich die Aktion gut, aber das ist auch die einzige, zu der ich mich politisch geäußert habe.

daStandard.at: Das heißt, in Ihrem Leben spielt das ganze Zuwanderungsthema gar keine Rolle?

M'Barek: Dieser Migrations-Stempel wird mir von den Leuten so verpasst, und ich finde es auch fast anmaßend, weil ich für mich diesen Migrationshintergrund gar nicht entdeckt habe. Ich sehe vielleicht anders aus, aber selbst das ist mir nicht wirklich bewusst. In Deutschland ist es mittlerweile relativ normal, dass die Leute nicht alle aussehen wie Fritz aus dem Allgäu. Und insofern nein, es spielt in meinem Leben überhaupt keine Rolle. Es gibt Leute, die Ressentiments ausgesetzt sind, und das tut mir sehr leid, aber ich kann kein Sprachrohr für sie sein, weil ich das einfach nicht erlebe. Das muss jemand anderer machen.

daStandard.at: Weil es da keine Berührungspunkte zu Ihrem Leben gibt?

M'Barek: Genau, ehrlich gesagt interessiert mich das Thema überhaupt nicht. Man will zwar immer mit mir darüber reden, aber ich kann dazu überhaupt nichts sagen. Ich bin in München aufgewachsen, sozusagen in einem deutschen Haushalt, in dem nur Deutsch gesprochen wurde, und es gab für mich nie einen Grund, mich irgendwie anders zu fühlen. (Jasmin Al-Kattib, 18. Mai 2012, daStandard.at)

Der Film "Offroad" mit Nora Tschirner und Elyas M'Barek in den Hauptrollen startet am 18. Mai 2012 in den österreichischen Kinos.

  • Die Fragen nach Herkunft und Migrationshintergrund langweilen den deutschen Schauspieler Elyas M'Barek mittlerweile sehr.
    foto: jasmin al-kattib

    Die Fragen nach Herkunft und Migrationshintergrund langweilen den deutschen Schauspieler Elyas M'Barek mittlerweile sehr.

  • "Es gibt Leute, die Ressentiments ausgesetzt sind, und das tut mir sehr leid, aber ich kann kein Sprachrohr für sie sein, weil ich das einfach nicht erlebe", sagt M'Barek. "Das muss jemand anderer machen."
    foto: jasmin al-kattib

    "Es gibt Leute, die Ressentiments ausgesetzt sind, und das tut mir sehr leid, aber ich kann kein Sprachrohr für sie sein, weil ich das einfach nicht erlebe", sagt M'Barek. "Das muss jemand anderer machen."

  • Für sich selbst hat Elyas M'Barek den so genannten "Migrationshintergrund" gar nicht entdeckt. "In Deutschland ist es mittlerweile relativ normal, dass die Leute nicht alle aussehen wie Fritz aus dem Allgäu", so der Münchner.
    foto: jasmin al-kattib

    Für sich selbst hat Elyas M'Barek den so genannten "Migrationshintergrund" gar nicht entdeckt. "In Deutschland ist es mittlerweile relativ normal, dass die Leute nicht alle aussehen wie Fritz aus dem Allgäu", so der Münchner.

  • Mit Kollegin Nora Tschirner ist Elyas M'Barek im neuen Film "Offroad" zu sehen.
    foto: thinfilm

    Mit Kollegin Nora Tschirner ist Elyas M'Barek im neuen Film "Offroad" zu sehen.

  • "Offroad" startet ab 18. Mai 2012 in den österreichischen Kinos.
    foto: thimfilm

    "Offroad" startet ab 18. Mai 2012 in den österreichischen Kinos.

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