Das unwahrscheinliche Endspiel

18. Mai 2012, 13:51
199 Postings

Mit Bayern München und Chelsea treffen am Samstag zwei Außenseiter aufeinander. Beide müssen im 20. Finale des Bewerbs Versäumnisse auf nationaler Ebene gut machen

München - Dass der FC Chelsea und die Bayern am Samstag in der Münchner Allianz-Arena (20:45 Uhr) das Endspiel der Champions League bestreiten könnten, damit hat keiner gerechnet - außer Peter Stöger natürlich. Und doch waren es eben diese Teams, die der Logik ein Schnippchen schlugen und das als unvermeidlich geglaubte Kräftemessen der spanischen Weltwunder Real Madrid und Barcelona zu verhindern wussten.

Für die Finalisten wird das Ringen um die prestigeträchtigsten Preis im europäischen Klubfußball natürlich zuallererst für das stehen was es eben ist - und doch werden beide eine Dringlichkeit nicht verleugnen können die darüber hinaus weist. Sowohl den Deutschen als auch den Engländern ist klar: nur mit einem Sieg kann eine im Grunde verpatzte Saison noch hingebogen werden.

Kaum einer, sei es ballesternd auf dem Platz oder beobachtend wo auch immer, wird jedenfalls so entspannt an die Sache herangehen können wie Michael Ballack. "Ich hatte bei beiden Klubs eine erfolgreiche Zeit und habe schöne Erinnerungen. Deshalb gönne ich sowohl dem FC Chelsea als auch dem FC Bayern den Sieg", sprach der ehemalige deutsche Teamkapitän.

National fast eine Tragödie

Chelsea fuhr die die Spielzeit in der Premier League ganz unzweifelhaft gegen die Wand. Platz sechs und 25 Punkte Rückstand auf die beiden Manchesters an der Spitze, das ist erstens unwürdig und zweitens zu wenig für die nächstjährige Teilnahme an der Bestenliga. Nur noch ein Triumph am Samstag könnte diese Schmach (und eine Zukunft namens Europa League) von den Blues hinwegnehmen.

Trotz des bestenfalls als Trostpflaster genügenden Gewinns des FA-Cups wäre eine solche Bilanz im Reich Abramowitsch für einen Manager nur für eines gut: den sofortigen Laufpass. Bei Roberto di Matteo liegt die Sache jedoch anders. Denn es ist der Italiener aus der Schweiz, dem es Chelsea zu verdanken hat, überhaupt noch hoffen zu dürfen. Erst Anfang März wurde an der Stamford Bridge ein Experiment ebenso beendet wie der Arbeitsvertrag von André Villas-Boas. Der portugiesische Wunderknabe hinterließ eine von vielem Hin und Her zermürbte Spielergruppe ohne Leben. Di Matteo, sein Assistent, sollte als eine Art Wundscher den angeschlagenen Mannschaftskörper verarzten und irgendwie über die Ziellinie schleppen.

Das Wissen um die eigene Beschränktheit

Er tat, offiziell bis heute interimistisch, viel mehr. An erster Stelle stand dabei die Rückbesinnung. Chelsea weiß wieder was es will und es tut das, was es kann. Deutlicher als in den beiden Halbfinals gegen Barcelona kann ein Bekenntnis zum Zweck der die Mittel heiligt nicht ausfallen. Das wird Di Matteos Lehrmeister Arrigo Sacchi vermutlich nicht gefallen haben, sei's drum. Die Mittel heißen jedenfalls Konzentration und flinke Ballverlagerung von hinten nach vorne. Dorthin, wo Didier Drogba ist.

Unter Villas-Boas beinahe schon aufs Altenteil abgeschoben, fand der ivorische Stürmer (34) mittlerweile sein Selbst wieder und ist das beste Beispiel für die neue Lebendigkeit von Chelseas Routiniers. Für sie alle geht es um die vermutlich letzte Gelegenheit zur Krönung ihrer Karrieren. Frank Lampard, selbst einer der Haudegen, die bereits beim verlorenen Finale von 2008 mit von der Partie war, formuliert das so: "Wir sprechen nicht von alten Männern. Wir sprechen von Spielern, die gewinnen wollen."

Drogba, der beim Rückspiel im Camp Nou je nach Bedarf auch den Vorstopper oder den Außenverteidiger gab, steht auch stellvertretend für das Credo einer hochkonzentrierten Verteidigungsarbeit. Es wird nur dann durchbrochen, wenn es John Terry nach einem Spitz in den Allerwertesten eines Gegners gelüstet. Jener gegen Alexis Sanchez allerdings kostete den Kapitän die Teilnahme am Finale. Außer ihm fehlt in Branislav Ivanović ein weiterer Stützpfeiler im Abwehrkonstrukt und mit Raul Meireles der Wachhund im Mittelfeld. Ramires Santos do Nascimento wird weder Traumtore erkontern, noch Drogba assistieren: auch er kassierte ein Gelb zuviel.

Mia san schlechter

Den Bayern droht gar die vollkommene Titellosigkeit, sollte das Finale dahoam den Bach hinunter gehen. Die zweite Spielzeit hintereinander quasi nackt dazustehen, das würde dem Selbstverständnis des Mia san mia hart ankommen. Musste man doch erst letzte Woche nach dem 2:5 im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund realisieren: Mia san schlechter. Wie schwer es dem nationalen Platzhirschen fällt, vom BVB so unzweifelhaft auf Platz zwei verwiesen zu werden, das konnte man erahnen, als Toni Kroos und Philipp Lahm nach der Entzauberung stur meinten, ihr Team sei eigentlich das bessere gewesen. Jupp Heynckes, ein geeichter Veteran, sah das zwar etwas anders, doch auch das Diktum des bayrischen Übungsleiters, am Samstag werde es "ein anderes Spiel" geben, könnte sich als Trugschluss erweisen.

Denn die Spielanlage Dortmunds, gegen die die Bayern in nunmehr fünf direkten Duellen en suite keine Medizin fanden, ist von jener Chelseas nicht so weit entfernt. Zug auf Zug geht es da, während Münchner an diesem Berliner Abend in ihrer Vorliebe zur Breite erstarrten. Ihr Stil entwickelte ein Überraschungsmoment vergleichbar jenem des täglichen Murmeltiers. Dass im Mittelfeld Bastian Schweinsteiger noch nicht seine alte Präsenz wiedergefunden hat und das Innenverteidigerpaar aus Jérôme Boateng Anatoli Timoschtschuk neu formiert werden muss, sind weitere Quellen des Zweifels. Eine Dynamisierung der Vorwärtsbewegung wird unabdingbar sein, mehr Variabilität wünschenswert, gute Laune von Robbéry trotzdem nicht zu verachten. Die Londoner werden, so viel dürfte klar, auch diesmal kein offenes Visier anbieten.

Neben Holger Badstuber und Luiz Gustavo muss auch David Alaba am Samstag zuschauen, wie seine beiden Kollegen ist der Wiener nach einer Verwarnung beim Halbfinal-Rückspiel bei Real Madrid gesperrt. Dort gelang den Bayern die zweitgrößte Überraschung des Bewerbs, zudem bewies man nach dem schnellen 0:2 den Charaktertest mit Bravour. Dass das Weiße Ballett dabei durch allzu frühe Offensiv-Verweigerung bei gleichzeitiger Absenz der angeratenen Vehemenz bei der Verhinderung assistierte, also weder Fisch noch Fleisch war, steht auf einem anderen Blatt. Ob das zynische Coaching José Mourinhos dahintersteckte oder bloß die schweren Beine nach einem zeitnah zu verdauenden Clasico muss dahingestellt bleiben.

Daheim

Ein keinesfalls zu Unterschätzender Faktor stellt selbstverständlich das End- als Heimspiel dar. In der bis 1955 zurückreichenden Historie des Landesmeisterpokals ist das erst dreimal vorgekommen. Allein der AS Roma gelang als Gastgeber bisher eine Niederlage. Dem diesmaligen Gast kann auch hier seine Erfahrung zupass kommen. Jene Chelsea-Elf die voraussichtlich beginnen wird, bringt es insgesamt auf 547 Einsätze in der Champions League, die der Bayern auf 394.

Während die Spieler der Londoner insgesamt ein Plus an gewonnen Titeln vorweisen können, ist der deutsche Rekordmeister der mit Abstand erfolgreichere Klub. Acht internationale Titel hat der FC Bayern schon gewonnen, darunter vier mal jenen im Bewerb der Meister. Chelsea bringt es gerade einmal auf drei (darunter kein Mal jenen im Bewerb der Meister). 22 Meisterschaften stehen auf der Visitenkarte der Münchner (Chelsea: vier). Vielleicht wagt es Präsident Uli Hoeneß auch deshalb, trotz Pedro Proença die Chancen seiner Angestellten auf 55:45 zu taxieren. Der 41-jährige Portugiese ist der Schiedsrichter des Endspiels. Er leitete bislang 15 Spiele in der Champions League, darunter waren zwei Heimspiele der Münchner - beide gingen verloren. (Michael Robausch, derStandard.at - 18.5. 2012)

Technische Daten und mögliche Aufstellungen:

FC Bayern München - Chelsea (München, Allianz Arena, 20.45 Uhr/live ORF eins, SR Pedro Proenca/POR)

Bayern: Neuer - Lahm, Tymoschtschuk, Boateng, Contento - Kroos, Schweinsteiger - Robben, Müller, Ribery - Gomez

Ersatz: Butt - Rafinha, Pranjic, Olic, Petersen

Es fehlen: Alaba, Badstuber, Luiz Gustavo (alle gesperrt)

Chelsea: Cech - Bosingwa, Cahill, Luiz, Cole - Kalou, Mikel, Lampard, Essien, Mata - Drogba

Ersatz: Turnbull - Paulo Ferreira, Hutchinson, Romeu, Sturridge, Torres

Es fehlen: Terry, Raul Meireles, Ramires, Ivanovic (alle gesperrt)

Der Weg ins Finale:

Bayern

Gruppenphase: Villarreal 3:1 (h), 2:0 (a);
ManCity 2:0 (h), 0:2 (a); Napoli 3:2 (h), 1:1 (a)

Achtelfinale: Basel 0:1 (a), 7:0 (h)

Viertelfinale: Olympique Marseille 2:0 (a), 2:0 (h)

Semifinale: Real Madrid 2:1 (h), 1:2, 3:1 i.E. (a)

Chelsea

Gruppenphase: Leverkusen 2:0 (h), 1:2 (a);
Valencia 3:0 (h), 1:1 (a); Genk 5:0 (h), 1:1 (a)

Achtelfinale: Napoli 1:3 (a), 4:1 n.V. (h)

Viertelfinale: Benfica 1:0 (a), 2:1 (h)

Semifinale: Barcelona 1:0 (h), 2:2 (a)

  • Bild nicht mehr verfügbar
  • So scort Chelsea: Didier Drogba schließt einen Überfall über drei Stationen zum 1:0 gegen Barcelona ab.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Vorige Woche wurden die Bayern in Deutschland schon zum zweiten Mal Zweite, der DFB-Pokal ging an Bastian Schweinsteiger ebenso vorbei wie dieser an ihm. Nun soll der Pott mit den Ohren her: "Das hat ein Stück weit mehr Bedeutung."

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Beim letzten internationalen Titel Chelseas, dem Pokal der Pokalsieger 1998, stand Roberto di Matteo noch selbst auf dem Platz Diesmal versucht er - gelassen wie immer - die Londoner zum ersten Triumph bei Europas Meistern zu coachen.

Share if you care.