Schön bei Regen, schön bei Sonne

  • Michel Heurtault beim Finissieren mit Nadel und Faden.
    foto: www.parasolerieheurtault.com

    Michel Heurtault beim Finissieren mit Nadel und Faden.

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Michel Heurtault wollte Schirme machen, so lange er denken kann - Über den Umweg der Mode und der Korsetterie hat er ein Handwerk neu erfunden

"Vermutlich gab es zuerst den Sonnenschirm, bevor jemand auf die Idee kam einen tragbaren Regenschutz zu erfinden," meint Michel Heurtault, Macher von Regen- und Sonnenschirmen in Paris. Das sagt er nicht einfach so aus dem Bauch heraus. Hertault hat die Geschichte der Regen- und Sonnenschirme studiert wie wohl kaum ein anderer. Um die 2000 Schirme aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert finden sich in den Regalen und Schubladen von Werkstatt und Lagerraum und sogar im kleinen straßenseitigen Verkaufsraum der Parasolerie Heurtault in der Pariser Avenue Daumesnil. Die historischen Schirme, die er nicht selbst besitzt, hat er wahrscheinlich schon einmal in der Hand gehabt oder zumindest von ihnen gehört. Denn Heurtault bekommt viel Post. Oft ist ein Schirm drin, ein Fundstück aus Keller oder Dachboden, von dem sein Besitzer nicht weiß, ob das Stück von Wert ist, bzw. es wert ist restauriert zu werden. Manchmal ist es historisches Dokument verbunden mit dem Begehr, dass der Schirmmacher zu Paris doch ein solches Modell nachbauen möge.

Verlorenes Knowhow

Das können nicht viele. Vielleicht ist Heurtault überhaupt der einzige. So gab es auch niemanden, bei dem der kleine Mann aus dem Süden Frankreichs das Schirmmacher-Handwerk hätte lernen können. Denn das Knowhow in seiner Gesamtheit war eigentlich schon verloren. Mitte der 1920er-Jahre warf der letzte Schirmmacher Frankreichs das Handtuch. Der Schirm wurde ein industrielles Produkt aus asiatischer Fabrikation. Aber irgendwas an den Schirmen faszinierte den Buben Michel. Während seine Freunde Fußball spielten, reparierte er Schirme. Das kam den Eltern wohl ein wenig seltsam vor, aber gut, man hatte ja auch was davon.

Später, während seine Geschwister dabei waren bürgerliche Berufe zu ergreifen, ging er den Weg Richtung Mode und Kostüm. Insbesondere die Korsetterie hatte es ihm angetan. Und zwar auf ganz hohem Niveau. Sechs Jahre lang baute er Korsetts und Korsagen für Christian Dior, tauchte dafür in die Geschichte der Mode ein und studierte insbesondere die technischen Aspekte eines Gegenstands, der den weiblichen Körper in eleganter Linie, makelloser Ausführung und größtmöglicher Bequemlichkeit und Bewegungstoleranz (bei einem Korsett stets relativ) von außen formt. Der Schirm formt niemanden außer sich selbst, muss aber - um seiner Aufgabe des Abschirmens nach außen ordentlich nachkommen zu können - die gleichen Eigenschaften haben.

Korsetts und Korsagen

Er muss sich perfekt und tadellos spannen lassen, die Spannung muss gleichmäßig verteilt sein und halten, abrupte Bewegungen sollten toleriert werden, d.h. kein Umklappen bei Windstoß etc.. Und das kann Michel Heurtault aus dem Effeff. Wie die Rippen beschaffen sein müssen, aus welchem Material in welcher Stärke, um die Taille perfekt zu formen und die Körperpartien drunter und drüber allerliebst zu betonen, hat er in den Fingerspitzen. Auch die Liste der Materialien, die in der Parasolerie zum Einsatz kommen ("niemals Plastik"), deckt sich in vielem mit der Korsetterie: Seide aus Lyon, Leinen, Baumwolle, Stäbe aus Metall, edle Hözer für den Schaft. Auch die Arbeitsschritte ähneln einander: Tausende von Hand gesetzte Nadelstiche um die Rippen, das Bedampfen des Stoffs um in die gewünschte Form zu bringen. Die perfekte Umsetzung des technischen Knowhows genügt Michel Heurtault nicht. Da wird bestickt und appliziert, was das Zeugt hält, mit Spitze, Perlen und Pailletten.

Wenn Michel Heurtault einen Schirm aus Champagner-farbener Seide mit aufgenähter schwarzer Spitze spannt, überprüft er nicht nur, ob die Stiche eine perfekte Naht ergeben, sondern auch wie es sich anhört, wenn der Spannmechanismus den Schaft hochgleitet, ob der letzte Klick, der den Schirm in der Spannung fixiert, ein haptisches Erlebnis ist, ob die Gewichtsverteilung zwischen Griff, Schaft und Schirm balanciert ist.

Gespannte Balance

Die Kombination aus Knowhow, Handarbeit und edlem Wareneinsatz kostet. Um die 800 Euro liegt der Einstiegspreis. Klarerweise nichts für Leute, die bloß einen Regenschutz brauchen oder ein wenig Schatten wollen. Klar ist auch, dass ökonomisches Überleben in der Nische aus Schirm-Connaisseurs keine gemähte Wiese ist. Vor drei Jahren hat sich Heurtault mit der Parasolerie verselbständigt mit Unterstützung durch das Institut National des Métier d'Art. Die besteht unter anderem darin, dass in Heurtaults Atelier ein Lehrling arbeitet, der vom Institut finanziert wird. Mit dem Ziel, dass das Knowhow, welches schon einmal verloren ging, weitergegeben wird und wirtschaftlich tragfähig wird. Und noch heuer soll Michel Heurtaul höchstoffiziell zum Maitre erklärt werden, wodurch das Handwerk des Schirmmachers offiziell nach fast hundert Jahren offiziell wieder existiert.

Die Heurtault-Schirme werden dennoch ein Nischenprodukt bleiben. Industriell oder auch nur halbindustriell zu fertigen, ist für Heurtault nicht denkbar. Außerdem hat sich die Nische unerwartet vergrößert. Heurtaults geschichtliches Wissen und sein üppiges Archiv lassen immer mehr Ausstatter historischer Filme bei ihm anklopfen. (Bettina Stimeder, Rondo, DER STANDARD, 18.05.2012)

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2 Postings
Kirchtag!!

Schauts mal zum Kirchtag in Salzburg, da werden Schirme auch noch handgemacht!!

€800 fürs irgendwo liegenlassn - das kann ich mir nicht leisten.

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