Eleganter Dandy mit Hang zum Pragmatismus

17. Mai 2012, 19:35
1 Posting

Pierre Moscovici, neuer Wirtschaftsminister der Franzosen

Der sozialistischen Partei anzugehören, das fand Pierre Moscovici (54), der neue französische Wirtschaftsminister, früher einmal "opportunistisch". Damals war er noch Mitglied der Revolutionären Kommunistischen Liga (LCR). Auch sein Vater, ein 1947 aus Rumänien eingewanderter Psychologe, und seine Mutter, eine Psychoanalytikerin, engagierten sich in der jüdischen Intelligenzija von Paris weit links außen.

Dabei lebte die Familie bürgerlich: Pierres Laufbahn führte über die üblichen Stationen Pariser Elitesprösslinge von der Universität Sciences Po bis in die Verwaltungsschule ENA. Dort brachte ihm ein gewisser Dominique Strauss-Kahn die Realwirtschaft näher. Unter dessen Einfluss trat Moscovici bald in den Parti socialiste ein.

Heute gilt er dort als technokratischer Sozialdemokrat. "Mosco-le-Techno" nannte ihn die linke Libération schon vor 15 Jahren, als er mit nicht einmal 40 Jahren Europaminister unter Premier Lionel Jospin wurde.

Seine Sporen musste sich Moscovici fern von Paris im Osten des Landes verdienen, wo er die rauen Arbeiter der großen Peugeot-Fabrik überzeugen musste, bevor er Bürgermeister der Provinzstadt Montbéliard wurde. Dabei haftete ihm schon damals der Ruf an, ein Dandy zu sein, ein eleganter Snob, ein pedantischer Single. "Da ich ledig bin, zirkulierte während eines Wahlkampfes das Gerücht, ich sei homosexuell oder ein Swinger", erzählte Moscovici, "doch ich erhielt eines meiner besten Wahlresultate. Die Leute sind eben intelligenter, als man glaubt."

Im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf lieferte er als François Hollandes Kampagnenchef Strategie und Argumente. Nach seiner erfolgreichen Wahlschlacht spekulierte er wohl auf den Posten des Premierministers, doch dafür gilt er - noch - als zu wenig abgeklärt.

Auch streitbar kann "Mosco" sein: Den Mitterrand-Nostalgikern in seiner Partei hält er dessen Nähe zu ehemaligen Nazi-Kollaborateuren vor, und im Jahr 2000 gehörte er als Europaminister zu den schärfsten Verfechtern der EU-Sanktionen gegen Österreich.

Als Wirtschafts- und Finanzminister wird es Moscovici nicht leicht haben: Er muss Hollandes Wahlversprechen finanzieren und die Budgetvorgaben der EU einhalten; er muss den Deutschen Zugeständnisse zur Konjunkturankurbelung entlocken und die Rezession abwenden. Eine Herkulesarbeit - fast so schwer, wie alle Tour-de-France-Sieger aufzuzählen, sein liebstes Hobby. (Stefan Brändle/DER STANDARD, 18.5.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.