"Salamonische Plattform" für Erbschaftspflege

17. Mai 2012, 18:53
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Im Burgenland will man die Spuren der in Österreich einzigartigen jüdischen Geschichte endlich sichtbarer machen

Mattersburg - In der vergangenen Woche wurden zwei sehr empfehlenswerte Bücher präsentiert, die sich mit der speziellen jüdischen Geschichte des Burgenlandes befassen. Im Eisenstädter Funkhaus stand der Mattersburger Arzt Richard Berczeller im Mittelpunkt. 1938 vertrieben, etablierte er sich in den USA erneut als Mediziner und zählte in den 1960er-Jahren zu den Stammautoren des New Yorker. Sein Sohn Peter drängte auf eine deutsche Erstveröffentlichung dieser Kurzgeschichten, beim Czernin-Verlag fand er offene Türen. Und im vollbesetzten "Funksalon" des ORF Burgenland offene, um nicht zu sagen gespitzte Ohren.

Jüdischer Reiseführer

Fast scheint es, als wäre das Burgenland gerade dabei, seinen Umgang mit der eigenen jüdischen Geschichte neu auszurichten. Zwei Tage vor der Eisenstädter Buchpräsentation stellten im Mattersburger Rathaus die beiden Autoren Christoph Habres und Elisabeth Reis ihr neues Buch vor: " Jüdisches Burgenland, Entdeckungsreisen" heißt es, und eine Art Reiseführer ist es.

Bei der Buchpräsentation entwickelte sich bald eine lebhafte Debatte darüber, wie wenig sich Mattersburg um sein jüdisches Erbe kümmert und wie lieblos dieses Wenige abgespult wird, wie eine Pflichtübung. Ein Umstand, der seinen Niederschlag auch im vorgestellten Buch fand. Die anwesende Bürgermeisterin, SPÖ-Landtagsabgeordnete Ingrid Salamon, wurde diesbezüglich einigermaßen in die Pflicht genommen, unter anderem auch von ihrer Landtagsvorgängerin Gertrude Spieß, die als Tochter eines vertriebenen Eisenstädters genau weiß, worum es dabei ginge: "Nicht bloß darum, die Geschichte ,aufzuarbeiten', in der Schule zu lehren. Es geht darum, das jüdische Erbe sichtbar, präsent zu machen."

Die Buchpräsentation ging sehr ungewöhnlich zu Ende, fast wie eine gelungene Arbeitssitzung: Ingrid Salamon regte an, eine offene Plattform einzurichten, mit deren Hilfe Ideen gesammelt und Projekte überlegt werden, das jüdische Erbe in der Stadt unübersehbar zu machen. "Da stell ich das Rathaus gerne zur Verfügung."

Gertrude Spieß steht schon auf dieser Plattform. Johannes Reiss, der Direktor des Österreichischen jüdischen Museums in Eisenstadt, auch. Er ist nämlich gerade in Eisenstadt dabei, das Jüdische vom Museum in die Stadt zurückzutragen. Und wie es ausschaut, werden die beiden nicht lange allein sein.

Initiativen gibt es bereits. An einem zeitgeschichtlichen Heimatmuseum wird gearbeitet. Das Mattersburger Literaturhaus widmet den 20. Juni dem Thema. Die Historikerin Gertraud Tometich wird zu diesem Anlass durchs jüdische Mattersburg führen. Das einzige originalgetreu erhaltene Haus des jüdischen Viertels beheimatet heute das Café Savio, das, benannt nach einem katholischen Jugendheiligen, betrieben wird vom Jugend- und Sozialverein "2getthere", der ins Leben gerufen wurde vom Stadtpfarrer Günther Kroiss.

Pfarrer im Talmudverein

Pfarrer Kroiss nutzt die Speisekarte als Infoblatt zur Geschichte des Hauses. Aber dabei soll es nicht bleiben. "Die neue Karte wird ausführlicher eingehen auf die jüdische Geschichte. Und wir wollen auch Platz schaffen für Diskussionen." Wohl auch für religiöse. Immerhin gehörte dieses Haus einst dem Talmudverein.

"Es gilt", meint Gertrude Spieß, "all diese Initiativen zusammenzubringen, die sollen nicht nebeneinander werken, sondern miteinander." Dafür stünde eben die "salamonische Plattform" zur Verfügung, auf der dann wohl auch Platz wäre für jene Überlegung, den Brunnenplatz umzubenennen in Mattersdorfer Platz.

Immerhin stand dort einst die Schul', die Synagoge. Die benachbarte Thora-Hochschule, die be- und gerühmte Mattersdorfer Jeschiwa, steht heute in Jerusalem, im dortigen Kiryat Mattersdorf. Dieser orthodoxe Stadtteil war eine Gründung von Samuel Ehrenfeld, dem letzten Oberrabbiner von Mattersburg, Träger des Großen Goldenen Ehrenzeichens der Republik. Auch für diesen großen Sohn wird sich ein Plätzchen finden in der Stadt Mattersburg.

Fand sich ja auch eines für Hans Suchard, 1919 Mitbegründer der merkwürdigen Ein-Tages-Republik "Heinzenland", einen sozialdemokratischen Genossen von Richard Berczeller. Aber als der dann mit Ehrenfeld und all den anderen aus der Stadt hinausgeworfen wurde, drehte dieser Hans Suchard das Revers seiner Jacke um. Und siehe, an der Hinterseite steckte bereits das Hakenkreuz. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 18.5.2012)

Buchtipps

Richard Berczeller: Fahrt ins Blaue und andere Geschichten aus dem New Yorker - Czernin Verlag, 167 Seiten, Euro 19,80 

Christof Habres, Elisabeth Reis: Jüdisches Burgenland. Entdeckungsreisen - Metroverlag, 189 Seiten, Euro 19,90

  • Im Haus des Talmudvereins - einziges originalgetreu erhaltenes Haus des 
jüdischen Viertels - beherbergt heute das Café eines vom katholischen 
Stadtpfarrer gegründeten Vereins.
    foto: wei

    Im Haus des Talmudvereins - einziges originalgetreu erhaltenes Haus des jüdischen Viertels - beherbergt heute das Café eines vom katholischen Stadtpfarrer gegründeten Vereins.

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