Kandidaten setzen auf Öffnung und jüdische Traditionen

17. Mai 2012, 18:35
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Werben um Stimmen vor Wahl für Nachfolger Muzikants

Wien - In der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) ist das Wort "Öffnung" en vogue - und zwar mit unterschiedlichem Fokus, je nachdem, wer gerade öffnen will. Etwa der neue, interimistische Präsident der IKG, Oskar Deutsch, der im November mit seiner Partei Atid (Zukunft) die Nachfolge des scheidenden IKG-Präsidenten Ariel Muzikant antreten will: Unter seiner Führung veranstaltet die IKG kommenden Sonntag unter dem Titel "Jüdisches Wien erleben" einen Tag der offenen Tür. Mit Führungen durch den über 150 Jahre alten Stadttempel mit dem Gemeinderabbiner, Veranstaltungen zum Thema "Jüdische Feiertage" und koscheres Essen, einem Kantorenkonzert mit Oberkantor Schmuel Barzilai und Oberrabbiner Chaim Eisenberg sowie eigenem Kinderprogramm.

Zwar konnten Interessierte schon bisher etwa im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen an Veranstaltungen teilnehmen - über eine Öffnung der Tempelpforten getraute sich die IKG allerdings nicht drüber. Zu groß waren die Sicherheitsbedenken. Deutsch steht zum Entschluss, es ab jetzt anders zu machen: "Mein Themenschwerpunkt ist die Öffnung der Gemeinde in Richtung nicht-jüdische Bevölkerung, ein Tag der offenen Tür ist dazu eine gute Gelegenheit." Er wolle zeigen, "dass wir ganz normale Leute sind. Wir haben unsere religiösen Eigenheiten, aber das haben andere auch", sagt Deutsch zum Standard . Ganz ohne Security geht es dabei aber nicht: Besucher werden ausdrücklich gebeten, einen amtlichen Lichtbildausweis mitzuführen.

Dass die Öffnungsbereitschaft etwas mit den IKG-Wahlen zu tun habe, dementiert Deutsch: "Diese Veranstaltung macht die IKG, das hat nichts mit meiner Partei zu tun." "So Gott will" werde er Tage der offenen Tür auch in den nächsten Jahren veranstalten.

Essen als Verbindung

"Öffnung" war ursprünglich auch das Schlagwort der Konkurrenz. Die Vereinigung "Chaj - jüdisches Leben" mit Martin Engelberg an der Spitze hat sich aber nun primär zur Aufgabe gemacht, allen Gläubigen (und auch interessierten Nichtgläubigen) am Sabbat ein offenes Haus zu bieten. Jeden Freitagabend, nach dem traditionellen Gottesdienst in der Synagoge, laden sie zum gemeinsamen Schabbestisch ins koschere Restaurant Alef-Alef in der Wiener Innenstadt. Engelberg: "Jüdische Traditionen und Lebensgewohnheiten gehen immer mehr verloren. Wir wollen zeigen, wer wir sind und wofür wir stehen."

Rund 30 bis 40 Menschen nehmen regelmäßig an den Schabbestischen von Chaj teil, die meisten Gäste kennen einander. Man begrüßt sich mit "Gut Schabbes", sitzt am festlich gedeckten Tisch, plaudert und vollzieht feierlich den jahrtausendealten Ritus des jüdischen Freitagabends. Als verspätet fünf Studierende der Lauder-Business-School auftauchen, rückt man ein wenig zusammen, sucht im vollbesetzten Restaurant freie Stühle und lädt die in der Stadt Fremden ein. Noch einmal wird für die Neuankömmlinge der Sabbat begrüßt, werden Wein und das Brot gesegnet, dann wird gegessen, geplaudert und gesungen.

Die Gäste am Tisch sprechen Deutsch, Englisch, Hebräisch, Jiddisch, Serbokroatisch und Russisch - aber niemand scheint sich fremd zu fühlen. Die Gesänge, die Gebete und die gelehrten Geschichten, welche die alten Herren der Gemeinde erzählen, der uralte Ritus binden alle ein. Die Szenerie mutet familiär an. Für Engelberg ist wichtig, "dass keiner weggeschickt wird".

Misstöne zum Freitagabend

Doch es wäre nicht Wien, und es wäre nicht Wahlkampf, gäbe es nicht abseits der friedlichen Szenerie auch ein paar Misstöne. Engelberg habe die Idee von einem Unternehmer gestohlen, der gar nichts mit Chaj zu tun haben wolle, behauptete etwa ein jüdischer Blogger. "Das ist nicht wahr" , kontert Engelberg, "die Idee haben mehrere Leute gemeinsam entwickelt, und wir haben gemeinsam vereinbart, dass Chaj diese Freitagabende künftig organisiert." Brandneu sei die Sache ohnehin nicht, sagt er, "in vielen europäischen Städten gibt es das, auch in den USA". Engelberg: " Es geht darum, dass keiner alleine ist."

Marco, 20, einer der Lauder-Business-Studenten, ist sichtlich froh über die Einrichtung des Schabbestischs: "Ich bin noch nicht lange hier und kenne außerhalb der Uni kaum jemanden." Er stamme ursprünglich aus Bosnien, seine Familie lebe in Israel, erzählt er. Vom Wahlkampf in der Kultusgemeinde weiß er nichts, aber: "Es ist auf jeden Fall gut, wenn sich etwas bewegt." (Petra Stuiber, DER STANDARD, 18.5.2012)

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