Ägypten: Das "Reserverad" der Muslimbrüder ist die große Unbekannte

Analyse17. Mai 2012, 18:20
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Umfragen favorisieren Präsidentschaftskandidat Amr Moussa, aber er hat drei starke Mitbewerber

Kairo/Wien - Eine Woche vor den ersten freien ägyptischen Präsidentschaftswahlen am 23. und 24. Mai kann man einigermaßen gefahrlos nur darauf wetten, dass in der ersten Runde keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erreicht. Das heißt, Stichwahlen am 16. und 17. Juni sind wahrscheinlich, und am 21. Juni sollte, wenn alles glatt läuft, die seit dem Sturz Hosni Mubaraks regierende Militärjunta ihre Macht abgeben.

Zwölf Kandidaten sind im Rennen, ein dreizehnter gab am Mittwoch auf - und eine Wahlempfehlung für Amr Moussa ab, der nach den meisten Umfragen vorn liegt, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Werten (eine listete ihn sogar mit 40 Prozent, was jedoch kaum jemand glaubt). Auf Moussa, Mubaraks Außenminister und späteren Chef der Arabischen Liga, folgt meist mit größerem Abstand der Exmuslimbruder Abdel Monein Abul Futuh und Mubaraks letzter Premier, Ahmed Shafik, manchmal auch in umgekehrter Reihenfolge.

Der Liebling der Militärs

Eine von einem Regierungsinstitut in Auftrag gegebene Umfrage reihte zu Wochenbeginn Shafik als ersten, wenn auch nur mit zwölf Prozent, gefolgt von Moussa mit elf. Diese Umfrage löste wegen ihres selektiven Samples, in der höhere Mittelklasse und Upper Class mehr als die Hälfte der Befragten ausmachten, in Ägypten eine Debatte darüber aus, ob die Militärs den Kandidaten Shafik durchzusetzen beabsichtigen, weil er der beste Garant für ihre Sonderrolle in Ägyptens Politik und Wirtschaft wäre.

Shafik versucht auch die durch den Aufschwung der Islamisten verunsicherten Kopten anzusprechen: Am Dienstag sagte er bei einer Wahlveranstaltung in Alexandria, er würde eine christliche Frau zur Vizepräsidentin machen, wenn er eine geeignete fände.

Am schwersten einzuschätzen ist das "Reserverad" der Muslimbrüderschaft, Mohamed Mursi. In Umfragen abgeschlagen, halten ihn manche dennoch für einen potenziellen Sieger. Der Ingenieur und Chef der Muslimbrüder-Partei FJP (Freiheit und Gerechtigkeit) wurde erst aufgestellt, als sich abzeichnete, dass Kandidat Nummer eins, Khairat al-Shater, von der Wahlkommission aus formalen Gründen ausgeschlossen werden würde.

Spätentschlossene Brüder

Das Hin und Her hat den Muslimbrüdern Sympathie gekostet, hatten sie doch zuerst verkündet, überhaupt keinen Kandidaten ins Rennen um die Präsidentschaft schicken zu wollen. Dass sie das nun doch tun, obwohl sie bereits das Parlament dominieren, erzeugt Misstrauen bei jenen Ägyptern, die sie nicht wegen ihrer islamischen Agenda, sondern als "sauberste" Partei gewählt haben.

Aber Mursi hat eben den ganzen Muslimbrüderapparat hinter sich - inklusive Zeitung und TV-Kanal -, der mit den "Nahdawys (von "Nahda", Renaissance) eine effiziente Pressuregroup geschaffen hat. Und trotz der Empfehlung der größten Salafistenpartei, al-Nur (deren Kandidat ebenfalls ausgeschlossen wurde), zugunsten des Kandidaten Abul Futuh, wird Mursi auch viele salafistische Stimmen bekommen.

Den Rest des Feldes teilen sich gemäßigte Islamisten, Linke, ein Nasserist und Leute des alten Regimes. Die Kandidatur der Letzteren - und damit auch die von Shafik - kann noch immer für ungültig erklärt werden; das Parlament hat bereits ein entsprechendes Gesetz fertig. Gegen Shafik gibt es darüber hinaus auch noch Ermittlungen wegen Korruption. (Gudrun Harrer /DER STANDARD, 18.5.2012)

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    Mohamed Mursi, Reserverad

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