"Zu viele Schotten saufen sich zu Tode"

17. Mai 2012, 17:59
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In Schottland wird Alkohol noch heuer empfindlich teurer, der Rest des Vereinten Königreichs soll folgen

Die Heimat des Malt Whisky macht mobil im Kampf gegen den Alkoholismus: Noch in diesem Jahr soll das schottische Regionalparlament einen Mindestpreis für alkoholische Getränke verabschieden. Dadurch wird die günstigste Flasche Wein statt bisher 3,75 Euro zukünftig 5,89 Euro kosten, auch der Preis von Billigwodka und Cider zieht kräftig an. Der weltweit berühmte Malt Whisky ist hingegen schon bisher so teuer, dass dessen Genießer von der neuen Regelung nichts spüren werden. Die schottische Gesundheitsministerin Nicola Sturgeon begründete die Maßnahme Anfang der Woche bei einem Besuch in der Krebsabteilung des Königlichen Krankenhauses von Glasgow: "Zu viele Schotten saufen sich zu Tode. Das Problem geht uns alle an."

Die von Nationalisten geführte Edinburgher Regionalregierung agiert als Pionier für eine Maßnahme, die sich die Londoner konservativ-liberale Koalition für 2014 vorgenommen hat. Während Premier David Cameron im März einen Preis von 40 Pence pro Einheit Alkohol ankündigte, legen die Schotten mit 50 Pence pro Einheit die Messlatte höher. Der Berufsverband der Pubbesitzer begrüßte den "mutigen Schritt", Gavin Partington von der Vereinigung der Wein- und Schnapshändler WSTA hingegen führte bittere Klage: "Da wird die Mehrheit verantwortungsvoller Konsumenten bestraft, das Problem aber nicht an der Wurzel gepackt." Man müsse der Minderheit von sogenannten Problemtrinkern beikommen, glaubt die WSTA: "Wir brauchen eine Aufklärungskampagne, die das haltlose Saufen gesellschaftlich ächtet."

Doppelt so viele Alkoholtote

Freilich haben immer neue Berichte über das Komasaufen in den vergangenen Jahren wenig Wirkung gezeigt. Während in England und Wales der Gesamt-Alkoholkonsum pro Kopf seit 2005 erstmals leicht rückläufig war, stagnierte er in Schottland auf hohem Niveau. Die Folgen der Dauerberauschung bleiben nicht aus. Zwischen 1991 und 2005 hat sich auf der Insel die Zahl der Alkoholtoten mehr als verdoppelt. Die Hälfte aller Strafgefangenen geben an, ihre Verbrechen unter Alkoholeinfluss begangen zu haben. Einer detaillierten Schätzung des nationalen Statistikamtes zufolge entstehen dem Gesundheitssystem NHS jährliche Kosten von rund 2,7 Milliarden Pfund (3,4 Milliarden Euro) für die Behandlung von Unfallverletzungen und Krankheiten, die auf übermäßigen Suff zurückzuführen sind. Auch junge Frauen und Jugendliche landen immer häufiger in den Ausnüchterungszellen der Polizei oder gleich im Krankenhaus. "Diese Bürde kann unser Gesundheitssystem nicht mehr lange aushalten", glaubt der Medizinprofessor Ian Gilmore.

Handeln gegen die Saufepidemie

Der Dachverband gegen Alkoholmissbrauch, dessen Präsident Professor Gilmore ist, fordert seit langem höhere Preise und stützt sich dabei auf Erfahrungen aus Skandinavien und Kanada. Eine Steuererhöhung um zehn Prozent könne die Zahl der Alkoholtoten um bis zu 30 Prozent senken, glauben die Mediziner. Ministerin Sturgeon stützt sich bei ihrer Initiative auf Wissenschafter von der Universität Sheffield. Deren Forschungsgruppe Alkohol zufolge sollte der Konsum insgesamt um 5,5 Prozent zurückgehen, die Komasäufer sollen sogar um zehn Prozent weniger werden. "Das wäre schon eine klare Veränderung der Trinkgewohnheiten", sagt der Sozialwissenschafter John Holmes.

Die Sheffielder Forscher sollen das schottische Experiment auch weiterhin begleiten. Auf Drängen der Opposition im Edinburgher Landtag enthält Sturgeons Gesetz nämlich ein Verfallsdatum: Wenn die Gesundheitssteuer binnen sechs Jahren keine nachweisbare Wirkung zeigt, wird der Mindestpreis wieder abgeschafft. Schließlich sind sich längst nicht alle Experten einig darüber, ob den Komasäufern über ihre Geldbeutel beizukommen ist. Hingegen sind sich alle Verantwortlichen einig: Wir müssen handeln gegen die Saufepidemie. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 18.5.2012)

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    Ein Mindestpreis für Billigalkohol soll die trinkfreudigen Schotten im Zaum halten. Teurer Whisky bleibt einfach teuer.

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