"Austritt Griechenlands ist bereits eingepreist"

Interview17. Mai 2012, 17:43
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Für Investoren ist Griechenland kein großes Thema mehr, sagt Georg Schuh und erklärt, wann Anleger dem Euro wieder vertrauen

Standard: Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone wird offen diskutiert. Wird das passieren?

Schuh: Ein Austritt Griechenlands ist an den Märkten bereits eingepreist. Griechenland macht mich als Assetmanager daher nicht nervös. Das Wissen um die Probleme dort ist weit fortgeschritten, die Investoren haben ihre Entscheidung längst getroffen. Der Quasi-Default der griechischen Anleihen hat auch kein Chaos an den Märkten mehr ausgelöst.

Standard: Aber meist poppt doch dort ein Folgeproblem hoch, wo man es nicht vermutet ...

Schuh: Die Marktreaktionen heuer, insbesondere die Nichtreaktion Portugals auf den griechischen Schuldenschnitt zeigen mir, dass die Märkte schon ganz gut die Unterschiede erkennen. Vor einem Jahr haben wir gesagt, dass wenn Griechenland mehr als 70 Prozent Haircut hinlegt, die Ansteckung an Portugal weitergeht. Die portugiesischen Zinsen sind nach dem Auslösen der CDS auf griechische Staatsanleihen aber gesunken. Portugal ist seit Jahresbeginn der beste rentierende Staatsanleihenmarkt in der Eurozone. Die Anleger sind schon ein paar Schritte weiter.

Standard: Wo sind sie denn?

Schuh: Große Anleger wie Staatsfonds und Zentralbanken suchen eine Alternative zum Dollar. Sie würden den Euro als Reservewährung wieder bevorzugen, wenn sie sehen, dass die Eurozone adaptiv ist. Wenn man Fehler der Vergangenheit bereinigt und neuen Fundamentalien anpasst. Wir müssen das Vertrauen der Anleger zurückbekommen. Wir können zur Stabilisierung des Euro nicht ewig nur auf die EZB setzen.

Standard: Wenn Griechenland die Eurozone verlässt, bleiben noch Spanien mit dem Milliardenloch im Bankensystem und Italien.

Schuh: Spanien ist eine Ausnahme, die Probleme sind im Vergleich zu Griechenland geringer. Die Notwendigkeit einer spanischen Bankenrekapitalisierung scheint bereits breiter Konsens zu sein. Der Goodwill, den Spanien und Portugal genießen, ist hoch, weil die Länder ihre Hausaufgaben machen und kooperativ sind. Wird der ESM (EU-Rettungsschirm; Anm.) vor dem Sommer ratifiziert, der ja auch vorsieht, dass Kapital für Banken zur Verfügung gestellt werden kann, kann man diesen Joker auch ziehen.

Standard: Wäre der ESM schon ein Signal, das Anleger beruhigt?

Schuh: Ja. Wir haben in der Eurokrise viel Auf und Ab. Jetzt haben wir eine Welle nach unten. Man kann momentan nur auf Sicht fahren. Der ESM würde viel helfen. Im besten Falle könnte Spanien mit der Kapitalisierung der Banken auch im Rating ein Upgrade bekommen.

Standard: In Italien ist das Gegenteil passiert, 26 Banken wurden herabgestuft. Die Börsen schockierte das kaum. Auch ein Lerneffekt?

Schuh: Ja, bzw. es hat ein gewisser Gewöhnungsprozess stattgefunden. Die große Ratingwelle war 2011 bei Banken- und Staatsanleihen. Die Märkte haben jetzt seit Wochen eine Verschlechterung antizipiert, jetzt kam die Bestätigung.

Standard: Wie beurteilen Sie die Rolle der EZB?

Schuh: Die Zentralbank hat letzten Endes in finanzpolitischen Krisen immer die wichtigste Funktion. Sie ist die einzige Institution, die das System immer wieder stützen kann, und das hat die EZB auch getan. Sie trägt die mit Abstand die größte europapolitische Verantwortung. Erkannt wurde, dass es eine Bankenunion brauchte.

Standard: Das sagt man auch über die Fiskalunion. Ein wirklicher Fortschritt ist nicht wahrnehmbar.

Schuh: Die Fortschritte auf Ebene der Fiskalunion gehen sehr langsam. Der Fiskalpakt hat zudem einige weiche Formulierungen, die ihn nicht wasserfest machen.

Standard: Auf der Suche nach Sicherheit flüchten Investoren in deutsche Staatsanleihen - auch zu Negativzinsen. Ist das eine Blase?

Schuh: Im Staatsanleihenbereich hoher Bonität sind wir sicher in einer Blase. Das gilt für US-Anleihen und auch für deutsche Bundesanleihen. Ich denke aber, dass wir nicht nahe dran sind, dass die Blase platzt. Ein Luftballon kann auch lange stabil bleiben.

Standard: Im Moment wird nur von den Schulden in Europa gesprochen. Warum interessiert sich niemand mehr für das US-Budget?

Schuh: Ich glaube, dass die USA nach dem Sommer wieder auf den Radarschirm kommen. Zum Jahresende laufen Steuererleichterungen aus und das Fiskalprogramm 2009 - das macht zusammen 600 Milliarden Dollar aus. Da wird es eine Lösung geben, geräuschlos wird das nicht ablaufen. Auch die Schuldengrenzen wird angehoben werden müssen.

Standard: Wie hat die Krise die Welt für Assetmanager verändert?

Schuh: Es ist teurer geworden, weil regulatorische Auflagen mehr Risikomessung und Reporting erfordern. Bei Derivaten haben wir noch nicht viel gesehen. Richtig hingelangt wurde durch die Erhöhung der Kapitalerfordernisse. Die Politik ist in der Analyse wichtiger geworden, weil sie die Volatilität fördert. (Bettina Pfluger, DER STANDARD; 18.5.2012)

Georg Schuh (46) ist Chief Investment Officer bei DB Advisors, der Vermögensverwaltung für institutionelle Kunden der Deutschen Bank. Der Bereich verwaltet weltweit 174 Mrd. Euro.

  • Georg Schuh: "Die EZB trägt die mit Abstand größte europapolitische Verantwortung."
    foto: standard/urban

    Georg Schuh: "Die EZB trägt die mit Abstand größte europapolitische Verantwortung."

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