Aserbaidschan, das Öl und die Holländische Krankheit

Blog17. Mai 2012, 17:48
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Baku boomt. An allen Ecken und Enden wird gebaut. Doch das Wirtschaftswachstum steht auf wackligen Füßen

Erst seit einer Stunde in Baku und schon sind Auffälligkeiten des Gastgeberlandes des Eurovision Song Contest 2012 erkennbar. So nahm mich dankenswerterweise der ORF-Moderator des Events, Andi Knoll, mit einem Delegationsauto mit, um mich bei meiner Unterkunft abzusetzen. Wir mussten uns aber ein wenig gedulden, denn die Straße wurde abgesperrt. Grund: Der Präsident, der anscheinend ebenfalls am nach seinem Vater benannten Flughafen landete, wollte eben mal durch die nach seinem Vater benannten Straße durchrasen. Da hat einfach alles andere zu stoppen.

Und was bei der ersten Fahrt vom Flughafen in die Stadt ebenfalls auffällt: An jeder Ecke wird gebaut, gebaut und nochmals gebaut.

Das griechisches Feuer

Das Motto des diesjährigen ESC ist "Light your fire", passend zu Aserbaidschan, das sich als Land des Feuers sieht und sich damit touristisch zu verkaufen versucht. Denn bereits im Mittelalter wurde Petroleum händisch ausgegraben und exportiert. Die Byzantiner setzten damit ihre Gegner in Angst und Schrecken, und ihre Petroleum-Attacken gingen als "Griechisches Feuer" in die Geschichte ein. Für die damalige zoroastrische Religion spielte das Feuer auch eine wichtige Rolle, und es finden sich noch zahlreiche Kultstätten im Land. Marco Polo berichtete ebenfalls von Öltransporten auf Kamelen entlang der Seidenstraße.

Öl und Gas ist auch in der jüngeren Geschichte der Exportschlager des Landes und ist seit jeher heiß begehrt. 1844 fand südlich von Baku die erste Ölbohrung der Welt statt. Dann ging es Schlag auf Schlag und Baku wurde das Öl-Dorado der Jahrhundertwende, was sich im vielen Jugendstil auch heute in der Stadt widerspiegelt. Aserbaidschan war um 1900 weltweit größer Erdöllieferant. Auch Alfred Nobel investierte hier - und ohne aserbaidschanisches Öl würde es vermutlich auch keinen Nobelpreis geben. Noch 1942 drehte die deutsche Armee einen Film, in dem Adolf Hitler eine Torte mit den Umrissen Aserbaidschans erhält. Er wollte unbedingt Zugang zum Öl, was ihm aber nicht gelang. Die Schlacht bei Stalingrad war eigentlich eine Schlacht um aserbaidschanisches Öl.

Inzwischen ist Aserbaidschan unter 1% der weltweiten Ölförderung abgerutscht. Trotzdem boomt das Geschäft. Für Aufsehen sorgte die Erschließung riesiger Ölfelder im Kaspischen Meer unter der Federführung von BP 1994. Wichtigster Auslöser des Booms in Baku: Am 30. Mai 2005 wurde die 1770 Kilometer lange und damit weltweit längste Pipeline eröffnet. Sie führt durch Georgien zum türkischen Schwarzmeer-Hafen Ceyhan und kann pro Tag eine Million Barrel transportieren.

Die Holländische Krankheit

Doch das Öl Aserbaidschans ist nicht nur ein Segen, sondern auch Fluch. Denn 90 % der Exporte aus Aserbaidschan sind Erdöl und Erdgas. Kaum andere Industriezweige können da mithalten. Der hohe Verkauf an Öl und Gas hat zur Folge, dass die aserbaidschanische Währung, der Manat, kontinuierlich teurer wird, die heimische Nachfrage im von Valuta überfluteten Land ständig zunimmt. Anderen Industriezweigen wird der Manat aber zu teuer und können kaum noch wettbewerbsfähig sein. Am Ende überlebt nur die Gas- und Öl-Industrie. Dieses Phänomen nennt man die "Holländische Krankheit", da nach Gasfunden und -exporten in den 1960-er Jahren genau das in den Niederlanden passierte.

In 20 Jahren wird Aserbaidschan wesentlich weniger Öl und Gas exportieren können, viele Ölfelder werden versiegen. Die Wirtschaft kann sich aber derzeit aufgrund der "Holländischen Krankheit" nur schwer diversifizieren. Dabei wäre das nachhaltig dringend notwendig. Der Bauboom dürfte also auch bald wieder vorüber gehen.

Dem Durchschnitts-Aserbaidschaner wird das aber womöglich egal sein, denn vom Ölexport profitieren nur wenige Eliten. Der Rest der Bevölkerung ist auch in Zeiten des Booms arm. (Marco Schreuder, derStandard.at, 16.5.2012)

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    Öl und Gas ist nach wie vor der Exportschlager Aserbaidschans.

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