Opel baut Astra nicht mehr in Deutschland

17. Mai 2012, 16:41
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General Motors macht ernst mit der Umstrukturierung, der Astra wird künftig in Polen und Großbritannien erzeugt

Frankfurt - Der US-Autokonzern GM macht mit der Sanierung der verlustreichen Tochter Opel ernst: Das wichtigste Modell Astra wird ab 2015 aus Kostengründen nicht mehr in Deutschland gebaut. Den Zuschlag für die Produktion des Kompaktwagens bekamen die polnische Fabrik Gleiwitz (Gliwice) und das britische Werk Ellesmere Port, nachdem die Belegschaft in Großbritannien Lohneinbußen akzeptiert hatten. Für die Opelaner im Stammwerk Rüsselsheim ist das eine bittere Pille: Bisher läuft der VW-Golf-Rivale Astra auch dort vom Band. "Opel geht davon aus, dass über die Werke in Ellesmere Port und Gliwice hinaus keine weiteren Produktionskapazitäten für Kompaktfahrzeuge benötigt werden. Dementsprechend wird die Produktion des Astra in Rüsselsheim nach dem Auslauf des jetzigen Modells nicht fortgesetzt werden", teilte das Unternehmen am Donnerstag mit.

Neuer Tarifvertrag macht es möglich

"Die Entscheidung für Ellesmere Port wurde durch einen neuen Tarifvertrag ermöglicht, dem die Belegschaft dort gestern zugestimmt hat. Der Tarifvertrag ist für die gesamte Lebensdauer der nächsten Astra-Generation gültig", erklärte Opel. Ellesmere Port und Gleiwitz sollen dann im Dreischichtbetrieb voll ausgelastet sein und profitabel arbeiten. Opel will 300 Mio. Euro in die Werke investieren, um sie auf den neuesten technischen Stand zu bringen. In Ellesmere Port sollen dadurch rund 700 neue Stellen entstehen.

Voraussetzung für den Bau des Astra in Ellesmere Port war, dass die dortigen 2.100 Arbeitnehmer Lohnkürzungen, mehr Zeitarbeitern und weiteren Auslagerungen zustimmen. Ein Gewerkschaftsvertreter sagte Reuters, "das Management hat gesagt, akzeptiert diese Forderungen oder das Werk wird geschlossen". 94 Prozent hätten dem Sparpaket dann zugestimmt.

Zur Zukunft von Rüsselsheim, das die Astra-Fertigung verliert, will Opel bald Gespräche mit den Arbeitnehmern aufnehmen. Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke bekannte sich aber zum Stammsitz: "Ein wettbewerbsfähiges Werk Rüsselsheim spielt eine wichtige Rolle in unserer Wachstumsstrategie." Der Vorstand habe den Betriebsrat informiert, dass Rüsselsheim auch nach Auslauf der aktuellen Insignia- und Astra-Modelle voll ausgelastet werden solle. Rüsselsheim ist derzeit das modernste GM-Werk in Europa.

Opel-Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug sieht keine Gefahr für den Standort Rüsselsheim. "Wichtig ist, dass das Management einen Plan vorlegt, wie die Vollauslastung von Rüsselsheim sichergestellt werden soll", sagte er Reuters. Das Werk sei modern und das Management werde für die Auslastung sorgen.

Lange Spekulationen über Bochum

Angesichts der Überkapazitäten wirft eine Vollauslastung der drei Werke die Frage auf, wie es mit der Fabrik in Bochum weitergeht, über deren Aus seit langem spekuliert wird. Dazu äußerte sich Opel nicht. Der Astra-Zuschlag für Großbritannien könnte bedeuten, dass Rüsselsheim als Ausgleich die Produktion des Kompakt-Vans Zafira übernimmt - der derzeit in der 50 Jahre alten Produktionsstätte im Ruhrgebiet mit mehr als 3.000 Beschäftigten gefertigt wird. Schäfer-Klug widerspricht: "Die Spekulationen über den Zafira entsprechen nicht der Realität."

Am kommenden Montag könnte es bei einer Betriebsversammlung Klarheit zur Zukunft von Bochum geben - an der Versammlung nimmt auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft teil. Bei einer Belegschaftsversammlung in Rüsselsheim in der laufenden Woche hatten Krafts Kollegen aus Rheinland-Pfalz und Hessen, Kurt Beck und Volker Bouffier, den Beschäftigten bereits ihre Solidarität versichert.

Nägel mit Köpfen

Nach verlustreichen Jahren macht die Opel-Mutter General Motors (GM) bei ihrer Europa-Tochter nun offenbar Nägel mit Köpfen: Die Kosten sollen kräftig sinken, um Opel bis 2016 in die schwarzen Zahlen zu bringen. Als Hersteller von Autos für den Massenmarkt leidet die Marke mit dem Blitz unter dem massiven Absatzrückgang in Südeuropa und kann ihre Werke kaum auslasten. Das Management fordert daher einen Verzicht auf Lohnbestandteile und längere Arbeitszeiten. Dadurch will Opel die bereits in der zurückliegenden Sanierung bis 2014 vereinbarten Einsparungen von jährlich 265 Mio. Euro auch weiterhin aufbringen. Zudem soll der Anteil der Leiharbeiter erhöht werden. Bei den Tariferhöhungen, über die die IG Metall derzeit mit den Arbeitgebern bundesweit in der Metall- und Elektroindustrie verhandelt, sollen die Opelaner leer ausgehen. Bis 2014 läuft der Standortsicherungsvertrag bei Opel - schon vor drei Jahren hatten sich die Beschäftigten mit Lohneinbußen den Verzicht auf Werksschließungen und betriebliche Kündigungen erkauft.

Daneben setzt GM auf Bündnisse mit anderen Autobauern, um die Kosten zu senken. Von der Partnerschaft mit dem französischen Autokonzern PSA Peugeot Citroen könnte für Rüsselsheim die Produktion der Citroen-Mittelklasse-Limousine C5 abfallen, wie in Medien zuletzt gemutmaßt wurde. (APA, 17.5.2012)

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