Zuflucht auf der Vintage-Insel

17. Mai 2012, 18:41
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Wes Anderson beschert Cannes mit "Moonrise Kingdom" einen gelungenen Start

Als Auftakt für das Festival von Cannes war Wes Andersons Moonrise Kingdom eine unkonventionelle Wahl. Eröffnungsfilme wollen es allen recht machen, die Arbeiten des Texaners sind jedoch am liebsten mit sich selbst beschäftigt. Sie schaffen ein Paralleluniversum, das von Figuren mit Stilbewusstsein und moralischen Vorstellungen bevölkert wird. Selbst Stars wie Bruce Willis, Edward Norton, Bill Murray oder Tilda Swinton wirken in diesem Reich wie Einheimische und verweisen weniger auf sich selbst.

Moonrise Kingdom betont solche Unabhängigkeit vom Rest der (Film-)Welt schon durch seinen Schauplatz, eine Insel in New England, auf der sich im Jahr 1965 nur hübsche Feriendomizile und ein Pfadfinderlager befinden. Vor diesem pittoresken Hintergrund erzählt Anderson eine Abenteuergeschichte um ein romantisches Paar "on the run" - es handelt es sich dabei allerdings um zwei Zwölfjährige, die mit dem für den US-Regisseur charakteristischen Ernst und der anrührend-komischen Reife ihr Projekt verfolgen.

Es sind jedoch gar nicht so sehr die beiden Ausreißer als die im melancholischen Tonfall und mit kunstfertigem Gestaltungsaufwand um sie herum drapierten Manöver einer skurrilen Figurenwelt, die in Moonrise Kingdom das größte Vergnügen bereiten. Edward Norton ist großartig als leicht depressiver Pfadfinderhirte, genauso wie Bruce Willis als verloren wirkender Sheriff oder Tilda Swinton als Beamtin, die einfach Social Services heißt. Die Details siegen in diesem Film vielleicht ein wenig über das Ganze. Oder es verhält sich umgekehrt: Erst diese aus Vintage-Moden und -Farben zusammengesetzte Welt, die bis in die Musikstücke von Benjamin Britten oder Françoise Hardy liebevoll ausgewählt ist, stattet die Figuren mit einem Gefühl von Sicherheit, Aufgehobensein aus.

Fast wie ein Antipode zu Andersons Kino der Eigentümlichkeiten erscheint jenes des Franzosen Jacques Audiard, der mit kraftvollen, expressiven Gesten arbeitet. Drei Jahre nach dem Gefängnisdrama Un prophète ist er nun mit De rouille et d'os / Rust and Bone zurück in Cannes, einem unruhigen, von Schicksalswendungen beherrschten Drama um zwei Menschen, die eine ungewöhnliche Freundschaft, bald Liebe verbindet. Der erste Donnerschlag kommt mit einem Arbeitsunfall, bei dem die von Marion Cotillard gespielte Wal-Trainerin Stephanie beide Beine verliert.

Mithilfe des Gelegenheitsboxers Ali (Matthias Schoenaerts) gewinnt sie ihr Selbstwertgefühl zurück. Die Stärke dieses Films liegt in der unsentimentalen, oft sehr körperlichen Umsetzung dieses Stoffs, der sich an unterschiedliche Genres anlehnt, um doch nah an seinen Figuren zu verharren. Doch die Überspanntheit des Geschehens schimmert hier immer wieder hinter den großen Gefühlen durch. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 18.5.2012)

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    "Moonrise Kingdom"-Regisseur Wes Anderson und seine Darsteller Bruce Willis, Edward Norton und Bill Murray in Cannes.

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