Keine Angst vor Holland

Interview18. Mai 2012, 10:22
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Fußball-Deutschland-Kenner Christoph Biermann über seine Sympathie zum DFB-Team und warum sich Deutschland nicht vor den Nie­derländern fürchten muss

ballesterer: Deutschland ist gemeinsam mit Spanien Favorit bei dieser EM-Endrunde. Die Quoten für den Titel stehen derzeit bei rund 3,75. Wie viel Geld würden Sie auf einen deutschen Sieg setzten?

Christoph Biermann: Nicht viel! Ich bin der schlechteste Tipper, den man sich vorstellen kann. Nichtsdestotrotz sind Spanien, Deutschland und die Niederlande auch für mich die Favoriten. Mein Geheimtipp ist Italien, aber das ist natürlich auch nicht sehr originell.

Wie stark fiebern Sie als Journalist mit der deutschen Elf mit?

Biermann: Früher mochte ich sie lange nicht. Als Kind war ich von den Europameistern von 1972 und den Weltmeistern von 1974 begeistert, aber danach wurde es finster. Der Fußball war finster und das Drumherum auch. Das hat sich erst ab 2004 mit der Ära von Jürgen Klinsmann grundlegend geändert. Nicht nur die Spielweise, auch das Auftreten der Protagonisten finde ich insgesamt sehr sympathisch. Deshalb wird das deutsche Team wohl auch im Ausland nicht mehr als chauvinistisch wahrgenommen.

Welche taktische Ausrichtung der deutschen Mannschaft kann man bei der EM erwarten?

Biermann: Nach wie vor wird die DFB-Elf schnellen Kombinationsfußball mit kurzen Ballkontaktzeiten und Vertikalspiel im Sortiment haben. Die wahrscheinlich größte Veränderung zur WM vor zwei Jahren wird es im Umschaltverhalten von Offensive auf Defensive geben. Einerseits werden sie die Gegner höher und früher unter Druck setzen. Anderseits werden sie nach Ballverlusten durch sofortiges »Nachvorneverteidigen« versuchen, den Ball zurückzuerobern - wie es auch bei Dortmund und Barcelona zu beobachten ist.

Wird es taktische Überraschungen wie die Dreierkette geben, die gegen die Ukraine eher erfolglos ausprobiert wurde?

Biermann: Das kann ich mir nicht vorstellen. Unabhängig davon, dass das Experiment nicht funktioniert hat, scheint die Dreierkette auch kein Trainingsschwerpunkt von Jogi Löw zu werden.

Wo sind die Schwachstellen der deutschen Elf? Wie kann man sie am besten besiegen?

Biermann: Ein gutes Beispiel dafür war das Testspiel gegen Frankreich in Bremen, in dem die Franzosen ein sehr effektives Angriffspressing gespielt haben. Als gegnerischer Trainer würde ich mutig nach vorne spielen und Deutschland zeitig im Spielaufbau unter Druck setzen. Ein weiterer Schwachpunkt könnte die Innenverteidigung sein. Wenn Per Mertesacker nicht rechtzeitig fit wird, könnten Mats Hummels und Holger Badstuber beginnen. Beide sind zwar sehr spielstark, aber auch fehleranfällig und haben noch kein Weltklasseniveau.

In Ihrem Buch »Fußballmatrix« stellen Sie revolutionäre sportwissenschaftliche Erkenntnisse und technische Innovationen vor. Welche neuen Methoden fließen in die Trainingsarbeit und Teambetreuung des deutschen Teams ein? 

Biermann: Diese Prozesse nicht sehr transparent, da man solche Erkenntnisse ähnlich eines Betriebsgeheimnisse nicht lüften will. Bahnbrechende Erneuerungen erwarte ich nicht, eher die Optimierung von Details. Zum Beispiel ist die Spielanalyse, die seit 2006 in Kooperation mit der Sporthochschule Köln durchgeführt wird, um biomechanische Aspekte erweitert worden. Dabei werden die typischen Bewegungsmuster eines gegnerischen Spielers analysiert und der eigene Spieler mit Information versorgt, wann der günstigste Moment zur Balleroberung im Eins-gegen-Eins ist.

Wie groß ist die Angst vor dem Mitfavoriten Niederlande, auf den Deutschland bereits in der Vorrunde trifft?

Biermann: Nicht besonders groß, weil das deutsche Team erst kürzlich in einem Freundschaftsspiel sehr souverän gewonnen hat. Auch wenn den Holländern unter anderem Robin Van Persie gefehlt hat, hat eine deutsche Mannschaft bei den niederländischen Fußballästheten selten so einen bleibenden Eindruck hinterlassen wie diese.

Wie würde es im Falle eines Scheiterns in der Vorrunde weitergehen?
Biermann: Man müsste sich anschauen, wie es dazu gekommen ist. Es kann immer passieren, dass sich wichtige Spieler in der Vorbereitung verletzen. Manuel Neuer, Philipp Lahm oder Mesut Özil sind auch für diese Mannschaft nur schwer zu ersetzen. Ebenso Miroslav Klose, der für das Angriffsspiel sehr wichtig ist. Auch wenn Deutschland Opfer irrsinniger Schiedsrichterentscheidungen wird, könnte man das als »dumm gelaufen« abhaken. Falls etwas Grundlegendes falsch läuft, müsste man das analysieren. Aber ich denke, dass Löw und sein Team sich einen sehr großen Kredit erarbeitet haben und auch in diesem Fall nicht sofort ihr Rauswurf gefordert wird.

Sie haben Klose positiv erwähnt. Würden Sie ihm den Vorzug gegenüber Mario Gomez geben?

Biermann: Falls er fit ist, auf jeden Fall. Klose wird von Löw als sehr spielstarker Stürmer unheimlich geschätzt. Gar nicht einmal so als Tormaschine, sondern weil er so flexibel einsetzbar ist, fleißig arbeitet und viele Räume aufreißt.

Könnten Sie Ihre deutsche Wunschelf verraten? 

Biermann: Manuel Neuer im Tor. Badstuber und Hummels in der Innenverteidigung, Lahm auf der linken Seite - und nicht rechts wie beim FC Bayern. Dort würde ich Jerome Boateng spielen lassen, auch wenn er sich selbst als Innenverteidiger sieht. Im defensiven Mittelfeld Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger, je nach Spiel vielleicht Sami Khedira. Zentral offensiv eindeutig Özil, davor in der Spitze Klose. Rechts Thomas Müller und links würde ich gerne Andre Schürrle sehen, auch wenn er keine besonders gute Saison gespielt hat. Gerade im Mittelfeld hat Löw jedoch viele Optionen.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Löw vertraute Spieler wie Cacau und Simon Rolfes mitnimmt und dafür Kevin Großkreutz, der über die ganze Saison eine gute Leistung gebracht hat, zu Hause lässt?

Biermann: Es gehört zur Freiheit eines Auswahltrainers, Spieler zu nominieren, die nicht unbedingt die objektiv bessere Leistung gebracht haben, aber ins System passen. Bestes Beispiel hierfür war David Odonkor bei der WM 2006, den man aufgrund seiner Schnelligkeit in bestimmten Situationen sehr gut auf der rechten Außenbahn gebrauchen konnte. Bei Cacau würde mich eine Nominierung nicht wundern. Der Bundestrainer hat eine Vorliebe für taktisch kluge Spieler und nicht unbedingt für dynamische Renner wie Großkreutz.

Wie werden Sie die EM erleben?

Biermann: Vor dem Fernseher und in der 11FREUNDE-Redaktion, da wir unsere wichtigste Ausgabe, das Bundesliga-Sonderheft, fertigmachen müssen. Ich bin bei Großereignissen zwar gerne vor Ort dabei, angesichts der großen Distanzen zwischen den Spielorten und der nicht unbedingt perfekt ausgebauten Verkehrsverbindungen ist es mir aber nicht sonderlich schwergefallen, anderen den Vortritt zu lassen. (Vinzenz Jager & Stefan Velickovic)

Christoph Biermann (51) ist im Ruhrgebiet als krisenresistenter Fan des VfL Bochum aufgewachsen. Als Journalist schrieb er für zahlreiche Magazine und Tageszeitungen wie den »Spiegel« und die »Süddeutsche Zeitung«, ehe er 2010 in die Chefredaktion von »11Freunde« wechselte. Sein Buch »Der Ball ist rund, damit das Spiel seine Richtung ändern kann« avancierte zum Klassiker der Spielanalyse, in seinem jüngsten Werk »Die Fußballmatrix« widmet sich Biermann der zunehmenden Verwissenschaftlichung des Fußballs.

  • Inhalte der ballesterer-EM-Ausgabe (Juni 2012) - Ab 18.11. im Zeitschriftenhandel!
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Weiters in der ballesterer-EM-Ausgabe:
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REZENSIONENWodka, Wissen, Wegweiser 
EURO-UMFRAGEEuropameister der Herzen und des Schreckens
DR. PENNWIESERDas Wodkatrinken
    foto: cover/ballesterer

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    DR. PENNWIESER
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  • Biermann: "Es gehört zur Freiheit eines Auswahltrainers, Spieler zu nominieren, die
 nicht unbedingt die objektiv bessere Leistung gebracht haben, aber ins 
System passen."
    foto: verlag kiepenheuer @ witsch, b. fürst-fastré

    Biermann: "Es gehört zur Freiheit eines Auswahltrainers, Spieler zu nominieren, die nicht unbedingt die objektiv bessere Leistung gebracht haben, aber ins System passen."

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    Niederländisches (Nigel de Jong, li und John Heitinga) Miroslav Klose-Sandwich.

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