Ist die Xbox 360 noch die Konsole der Gamer?

Analyse17. Mai 2012, 12:07
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Microsoft hat mit Hardcore-Games die Xbox stark gemacht - Heute stehen Kinect und Apps im Mittelpunkt

Als Microsoft die Xbox 360 2005 vorstellte, feuerte der Softwaregigant nach den sehr kostspieligen Jahren der ersten Xbox aus allen Rohren auf die etablierten Rivalen Sony und Nintendo. Als erstes mit der neuen Konsolengeneration am Markt, nutzte man den einjährigen Vorsprung auf PlayStation 3 (PS3) und Wii, um wichtige Allianzen in der Videospielbranche einzugehen. "Wenn du ein Start-up startest, brauchst du gute Freunde.", blickte Ex-Xbox-Chef Robbie Bach kürzlich im Rahmen einer Konferenz auf die Anfänge zurück. Dabei gelang es, die Industrie davon zu überzeugen, dass eine weitere Alternative gut für den Markt ist. "Es ist uns gelungen, Händler und Herausgeber wie Activision und Electronic Arts davon zu überzeugen, dass Microsofts Erfolg auch zu ihrem Vorteil ist. Denn sonst hätte man das Spielfeld allein Sony überlassen."

Hardcore to the core

Gleichzeitig setzte man alles daran, den Konsumenten klar zu machen, dass die Xbox 360 künftig die Plattform Nummer eins für die Kernspielerschaft sei. Sony, noch auf der Erfolgswelle der PS2 schwimmend, steckte einerseits in der Entwicklung der PS3 fest und bespielte andererseits mit "EyeToy" und "SingStar" die breite Masse. Als die hochgezüchtete PS3 mit Multimediafunktionen und Blu-ray-Laufwerk schließlich hochpreisig auf den Markt kam und Nintendo sich mit der Wii entschieden hatte, die Nicht- und Gelegenheitsspieler anzuvisieren, stieß Microsoft mit aller Kraft in die lukrative Nische der Core-Gamer. Flaggschiffwerke wie "Halo" oder "Gears of War" prangten wie gigantische, blutüberströmte Reklametafeln in den Regalen der Spiele-Shops.

Das Konzept ging auf. Obgleich die Wii zügig in Metabereiche des Gaming-Marktes hinwegsegelte, gelang es Microsoft Sony viele treue Seelen aus der Kernkundschaft wegzuschnappen. Dafür fuhr man schlagende Argumente wie ein gut funktionierendes Online-Netzwerk (Xbox Live) auf und unterstrich seine Position mit einprägsamen Medien-Coups. 2006 demonstrierte der mit "Grand Theft Auto" (fake-)tätowierte Oberarm des einstigen Xbox-Spiele-Managers Peter Moore vor dem Blitzlichtgewitter der Fachpresse, dass die Tage der Sony-Alleinherrschaft gezählt waren. Diese wie auch andere einst zumindest teilexklusive PlayStation-Brands öffneten sich einer nach dem anderen auch für Xbox 360. "Von jemandem abhängig zu sein, war schlecht für sie und so haben sie uns mehr unterstützt, als sie es vermutlich aus mathematischer Sicht hätten tun sollen", so Bach.

Viel erreicht

2012 hat Microsoft das 2005 noch Undenkbare geschafft. Insbesondere durch ein starkes Geschäft in den USA und England hält man heute bei 67,2 Millionen verkauften Xbox 360-Konsolen, Sony bei 63,9 Millionen PS3s. Es sind zwar nur Zahlen, die von der Ferne betrachtet Microsofts zeitlichen Vorsprung oder Nintendos 95 Millionen Wiis nicht berücksichtigen, doch aus dem Nichts kommend, hat Microsoft in relativ kurzer Zeit tatsächlich viel auf die Beine gestellt.

Doch verkörpert die Xbox 360 noch immer das, was sie einst mit Peter Moores Muskelkraft und "Gears of Wars" heulenden Kettensägenmaschinengewehren versprach?

Ziele ändern sich

Denn einerseits hat sich die Xbox 360 gewiss bei Schlüssel-Franchises wie "Call of Duty" als System erster Wahl profiliert, doch andererseits hat Microsoft seinen internen Fokus in der jüngeren Geschichte auf gänzlich andere Zielgruppen ausgerichtet. Nicht "Halo" oder "Forza Motorsports" dominierten die vergangenen zwei Jahre die Medienevents, Bewegungsspiele für "Kinect" und Multimedia-Apps für TV- und Musik-Genuss über die Konsole standen im Mittelpunkt. "Halo 4" glimmt als einziger wirklich großer exklusiver Blockbuster am Radar für 2012, auf der wichtigen Branchenmesse E3 Anfang Juni erwarten Analysten und Marktbeobachter jedoch vor allem ein Multimedia-Feuerwerk. "Sie bemühen sich sehr, die Xbox als Media-Hub zu präsentieren. Bei den vergangenen zwei (E3-)Pressekonferenzen waren zwar Spiele dabei, aber mehr im Hintergrund", kommentiert der ehemalige "G4TV"-Moderator Adam Sessler Microsofts Wandel in der Sendung Bonus Round auf "Gametrailers". "Halo 4 und ein neuer Forza-Teil sind meines Wissens die einzig großen angekündigten Werke."

Das Wohnzimmer im Visier

Betrachtet man Microsoft gesamt, leuchtet die Strategie ein: Der Windows-Hersteller möchte von den Schreibtischen ins Zentrum des Wohnzimmers rücken. Games bleiben wichtig, doch sollen sie eines von vielen Puzzlestücken des umfassenden Angebotes der Xbox 360 und ihrer Nachfolger werden. Nicht von ungefähr gab der Konzern Ende März bekannt, dass zumindest in den USA Xbox Live-Dienste wie "Netflix" schon mehr Zeit in Anspruch nehmen, als Games selbst. Die Spielkonsole wird zum Media-Hub. "Auch mit der nächsten Konsole wollen sie die Wohnzimmer für sich behaupten und nicht nur mit Gaming, sondern mit allem", meint WedbushMorgan Securities-Analyst Michael Pachter.

Neue Konkurrenz

Microsoft strebt damit nach einer Position, die Sony mit der PS3 genauso für sich beansprucht wie Player aus anderen Bereichen. Apple kommt mit Apple TV ebenso schnell in den Sinn, wie TV-Hersteller selbst, die aktuell "Smart TV" und damit Internet und Apps für den großen Bildschirm bewerben.

Die Xbox 360 als "trojanisches Pferd" einzuschleusen, ist insbesondere im Zusammenspiel mit Microsofts anderen Plattformen wie Windows 8 und Windows Phone attraktiv. Ziel ist es, das gesamte Leben mit Microsoft-Diensten zu verknüpfen. "Zum ersten Mal ist Microsoft in der Lage, die Führungsrolle auszukosten. Mehr als zuvor werden sie Kraft darauf verwenden, die Multimediafunktionen (der Xbox) zu vermarkten", sagt "L.A. Times"-Branchenreporter Ben Fritz. "Sie haben die Chance erkannt, diesen Bereich erobern zu können, gerade jetzt wo die Leute beginnen, ihre Fernseher zu vernetzen. Und das ist ihnen vermutlich wichtiger, als die Spieler." 

Nur wenige interne Produktionen

Fragt man sich nun, was das für "die Xbox" als Spielplattform bedeutet, dann läuft Microsoft durchaus Gefahr, die Early-Adobter, also die treuen Hardcore-Zocker, die die Xbox groß gemacht haben, zu vergraulen. Während Sony - bei all seinen internen Management- und Finanzproblemen - weiterhin zahlreiche exklusive Werke und Franchises für die PS3 produziert, hat sich Microsoft bis zum Schluss nur "Halo" und "Forza Motorsports" als wirkliche Zugpferde behalten. Einstige Vorzeigestudios wie Bungie Entertainment oder Ensemble haben sich in den vergangenen Jahren von den Redmondern losgelöst. In den (kostspieligen) Aufbau interner Entwicklerstudios wird kaum investiert.

Herausforderung

Für 2012 steht "Halo 4" am Programm, aber sonst? Ein großer Teil der Ressourcen wird der Konzernlinie getreu auf Kinect-Projekte aufgewendet und Partnerschaften für zeitlich exklusive Zusatzinhalte für Spiele wie "Call of Duty". Man geht eine Wette ein, die Plattformuniversalität vor -Exklusivität stellt. Und orientiert sich damit mehr an neuen Mitspielern wie Apple, als am direkten Rivalen Sony, der auf die Produktion hauseigener Franchises setzt. "Ich denke, das wird eine Herausforderung für Microsoft. Sieh dir an, was Nintendo mit der Wii passiert ist. Sie haben zwar viele Konsolen verkauft, gleichzeitig aber die Kernspielerschaft vertrieben.", sagt Sessler. "Microsoft wird zum Start der nächsten Konsole die Core-Gamer brauchen und ich denke, dieser Wandel könnte die falschen Signale senden."

Spätestens mit dem Start der nächsten Konsolengeneration wird sich zeigen, ob Redmond richtig spekuliert hat. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 17.5.2012)

  • Kinect-Werbung stellt Familienerlebnis in den Mittelpunkt.
    foto: microsoft

    Kinect-Werbung stellt Familienerlebnis in den Mittelpunkt.

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    Ex-Xbox-Manager Peter Moore auf der E3 2006.

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    Don A. Mattrick, Interactive Entertainment Business-Präsident, auf der E3 2011.

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