Aktien und Edelmetalle kaufen

Interview16. Mai 2012, 14:02
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Wie man jetzt an der Börse keinen Euro verliert, warum Betongold die falsche Investition und Occupy gut und richtig ist, erklärt "Mister Dax"

Dirk Müller wurde international als "Mister Dax" bekannt, hatte er doch seinen Arbeitsplatz auf dem Parkett der Frankfurter Wertpapierbörse unter der DAX-Kurstafel. So wurde er 2008 quasi zum Gesicht der Krise, als die Börsen einen dramatischen Einbruch erlebten. Was Müller derzeit den Anlegern rät, wieso er Occupy richtig und gut findet und wieso den Börsen die Moral abhandengekommen ist, erzählt er im derStandard.at-Interview.

derStandard.at: Wann immer an den Börsen der Bulle mit dem Bären Tango tanzt, können Sie sich beim Tanken am Zeitschriftenständer selbst begrüßen, sagten Sie einmal. Jetzt ist es wieder einmal so weit. Wird es noch schlimmer?

Müller: Im Moment sieht es zumindest danach aus. Wir haben in den letzten Monaten leider kein einziges Problem gelöst, wir haben neue geschaffen und andere verschoben. Es kommt wohl noch einiges auf uns zu.

derStandard.at: Wir haben derzeit in der Eurozone ein paar Sorgenkinder. Das größte ist und bleibt aber Griechenland. Wäre Griechenland ohne den Euro besser dran oder vice versa die Eurozone ohne Griechenland?

Müller: Definitiv wäre Griechenland ohne den Euro besser dran. Griechenland wird den Euro verlassen. Soweit man sich an der Börse über etwas sicher sein kann, gehe ich davon aus, dass das noch heuer der Fall sein wird.

derStandard.at: Der Patient wird Ihrer Ansicht nach nicht mit den jetzigen Mitteln gesunden?

Müller: Griechenland lebt seit zehn Jahren mit einer Währung, die um 100 Prozent über seinem eigentlichen Leistungsniveau liegt. Das kann nicht funktionieren. Jedes Land braucht die Währung, die zu seiner Leistungsfähigkeit passt, sonst bricht der Export vollkommen zusammen. Griechenland hat keine Chance, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, solange es die falsche Währung hat.

derStandard.at: Nun ist man in der Eurozone geradezu fanatisch bemüht, Griechenland in der Währungsunion zu halten ...

Müller: Wenn wir dazu bereit sind, jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge nach Griechenland zu überweisen, dann können wir Griechenland im Euro behalten. Dann freuen sich die Griechen. Sie müssen weiterhin keine stärkere Leistung erbringen und bekommen trotzdem das Geld, so wie es in den letzten zehn Jahren war. Ich glaube aber, auch Deutschland wird dazu irgendwann nicht mehr in der Lage sein. Von daher bleibt am Ende nur der Schnitt und Griechenland muss den Euro verlassen. Das wird wahrscheinlich in der Zukunft auch für andere Staaten gelten.

derStandard.at: Das führt uns zu den anderen Sorgenkindern. Wir tragen seit geraumer Zeit Griechenland mit, Spanien hat große Probleme, Italien hat sich mittlerweile ein bisschen erfangen ...

Müller: Das sehe ich nicht. Ganz im Gegenteil. In Italien überlegt man, das Militär gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen, weil die Proteste gegen die Steuerbehörden derzeit dermaßen eskalieren und zu Gewaltexzessen führen.

derStandard.at: Es gibt nicht nur in Italien Sparpakete und jede Menge Proteste dagegen. Können Sie sich bitte ein bisschen als Orakel betätigen: Sind wir trotzdem am richtigen Weg?

Müller: Definitiv nein. Die Eurozone hat das Kernproblem, dass hier über vollkommen unterschiedliche Wirtschaftssysteme eine Währung gestülpt wird. Das kann nicht funktionieren. Aber wir sind ja nun nicht bereit, beliebig große Transferzahlungen innerhalb dieser Staaten zu leisten, weil völlig unterschiedliche Steuergesetzgebungen, Pensionsregelungen und Gesundheitssysteme etc. gelten. Innerhalb Österreichs gibt es ja auch Transferzahlungen zwischen den starken und den schwachen Bereichen.

Würden in Österreich in den Regionen, wo es nicht so gut läuft, die Menschen früher in Pension gehen und mehr Pension bekommen, müssten sie weniger arbeiten und Steuern zahlen, würden sich jene in den wohlhabenden Regionen beschweren, wenn sie da etwas abgeben müssten. So ist es eben in Europa auch. Entweder wir schaffen es, so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa zu bilden - auf demokratischer Grundlage aber bitte -, oder wir schaffen das nicht und arbeiten weiter in manchen Bereichen zusammen, während im Großen und Ganzen jeder sein eigenes Süppchen kocht. Dann braucht auch jeder seine eigene Währung. So einfach ist das.

derStandard.at: Das hieße aber auch, dass wir nun die Frage an die Politik weiterreichen würden, die den Europäern so etwas wie eine neue Identität schmackhaft machen müsste.

Müller: Ganz genau. Ich glaube, dass die Bürger in Europa zu größeren Teilen bereit wären zu sagen: Ich habe diesen Idealismus und bin bereit, dieses Experiment mitzutragen. Aber bringen Sie einmal unseren Politikern in Wien, Rom, Paris und Berlin bei, dass sie künftig vielleicht nur noch Regionalregierungen sind. Das wird ein verdammt dickes Brett zu bohren.

derStandard.at: Im Vergleich dazu klingt ja unser spezielles Thema Turbulenzen an den Börsen schon wieder sehr klein. Sie waren und sind an der Börse also im Herzen der Finanzwelt zugange. Mittlerweile haben die einst coolen Girls und Boys imagemäßig ganz schön Federn gelassen. Wie lebt es sich damit?

Müller: Na ja. Die Finanzwelt ist ja sehr heterogen. Jener Teil der Börse, für den ich 20 Jahre gearbeitet habe, hat als Dienstleister der Privatwirtschaft eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Wir bringen Leute mit tollen Ideen und ohne Geld mit solchen mit Geld, aber ohne Ideen zusammen. Unternehmen, die Geld aufnehmen wollen, um Maschinen einzukaufen oder Leute einzustellen, vermitteln wir an Leute, die sich daran beteiligen wollen.

derStandard.at: Dieses sehr ehrenwerte Feld ist allerdings nur ein Teil der Finanzwelt.

Müller: Die Exzesse, die wir seit mindestens zehn Jahren sehen, sind eine kranke Entwicklung. Das muss zurückgedreht werden. Hier wird die Finanzwelt zunehmend nicht mehr zum Dienstleister, sondern zum Herrn über die Wirtschaft und schwingt das große Szepter. Das zeitigt Auswüchse, die das ganze System gefährden.

derStandard.at: Sie sind berühmt geworden, weil Sie quasi aus dem Nähkästchen plauderten und als Mr. Dax die Finanzwelt kritisierten. Wie lebt es sich als Nestbeschmutzer?

Müller: Das ist natürlich nicht jedem recht. Aber ich bekomme sehr viel Zustimmung und so gut wie keinen offiziellen Gegenwind. Ganz viele sehen das genauso und sagen: Mich kotzt das an, was hier passiert. Wieso können wir nicht mehr so wie früher vernünftige Geschäfte machen. Die Börse hier war seit Jahrhunderten ein Platz mit hohen ethischen Anforderungen. Wir haben hier auf Zuruf Millionen gehandelt, ohne Notar, ohne Unterschrift. Es galt die hanseatische Kaufmannsehre. Man hat sich gegenseitig nicht über den Tisch gezogen. Man hat gute Geschäfte gemacht, so dass allen gedient ist.

Ich stehe seit vielen Jahre am Börsenparkett. Wenn Orders reinkamen, sieht man ja, ob das ein Kleinkunde ist oder die Großorder eines Industrieunternehmens. Auch die Kleinorders wurden immer bestmöglich ausgeführt. Da habe ich selbst sogar Geld draufgelegt, um diesen Kunden einen Gefallen zu tun. Ich dachte, das ist jetzt ein kleiner Ansparer, gibst du ihm das um ein paar Cent billiger, dann tut mir das nicht weh, wenn es der Markt hergibt. So haben aber auch viele andere gedacht.

derStandard.at: Computer haben aber kein Gewissen.

Müller: Tatsächlich wurden die Menschen hier zunehmend entsorgt und ersetzt durch Computer. Und die werden - ohne Übertreibung - von Pokerspielern programmiert. Da werden Physiker eingestellt, die sehr gut Strategien entwickeln, und die programmieren die Computer, um sich gegenseitig zu betrügen. Da hat sich die Finanzwelt komplett gedreht, vom ehrenwerten Bankier und angesehenen Finanzdienstleister für die Gesellschaft zu einer Zockerbude, die sich gegenseitig über den Tisch zieht. Und wehe dem Kunden und armen Bürger, der ohne Vorkenntnisse in dieses System gerät.

derStandard.at: Aber wir können ja nicht gut zurück zur Steinzeit.

Müller: Es geht gar nicht darum, dass man die Maschinen wieder gegen die Menschen austauschen muss. Es geht darum, dass wir uns darüber im Klaren sind, was wir hier eigentlich machen. Und es geht darum, dass wir wieder diese Moralvorstellungen an den Börsen etablieren und dass wir diese Exzesse in der Gesellschaft ächten. Das passiert gerade. Deswegen haben wir Occupy und Blockupy und die Piraten.

Es findet eine gesellschaftliche Ächtung dessen statt, was man noch vor fünf Jahren als schick empfunden hat. Das ist eine gute Entwicklung. Damit einher muss die Entwicklung der Gesetzgeber gehen. Wo die moralische Ächtung nicht reicht, muss man eben die gesetzliche Ächtung einbauen. Die Gesetzgeber hinken allerdings aufgrund der Dynamik heute immer um Jahre hinterher.

derStandard.at: Unser Finanzsystem wird derzeit ohnedies umgekrempelt: Wir sind am Weg zu strengeren Kapitalregeln für die Banken, eine Finanzabgabe wird zumindest diskutiert. Der Finanzsektor soll geschrumpft werden. Reichen die Bemühungen?

Müller: Nein. Es sind die ersten kleinen Schritte, und die sind richtig. Aber es muss noch viel, viel mehr passieren. Die Banken müssen wieder auf das Niveau geschrumpft werden, wo sie hingehören: nämlich als Dienstleister. Wenn sie zocken wollen, sollen sie es tun. Aber dann bitte mit eigenem Geld. Wir brauchen ein Trennbankensystem, in dem die Banken, die wirklich den Zahlungsverkehr aufrechterhalten, die die Kundengelder verwalten, getrennt sind von jenen, die wilde Zockereien machen. Und die, die wilde Zockereien machen, sollen das gefälligst nicht auf Kredit machen und damit das System gefährden. Und wenn sie nicht genug eigenes Geld haben, können sie eben nicht so ein großes Rad drehen.

Also wo ist das Problem? Wir haben eine sehr, sehr starke Bankenlobby weltweit, die ständig erzählt, dass sie alles im Griff hat, und dagegen gilt es anzutreten. Die Politiker haben oft das Fachwissen nicht, um entsprechend Paroli zu bieten. Das macht die Sache unglaublich schwierig. Selbst wenn sie wollten, wissen sie oft nicht, was der richtige Schritt ist.

derStandard.at: Das führt mich wieder zurück zu den Börsen. Auch die Anleger wissen bei den derzeitigen Turbulenzen offenbar nicht immer, was der richtige Schritt ist, und setzen vielfach auf das gleiche Pferd. In Österreich steigen, so wie in den meisten Nachbarländern auch, die Immobilienpreise kräftig. In Wien kann sich ein Durchschnittsverdiener eine vernünftige Wohnung am freien Markt kaum mehr leisten. Wann wird sich die Lage so weit entspannen, dass man die Anleger in Betongold wieder woanders wird hinschicken können?

Müller: Ich würde den Bürgern überhaupt nicht raten, in Betongold zu investieren. Ich spreche nicht davon, dass wir in Österreich oder Deutschland eine Immobilienblase hätten, aber die Preise sind einfach viel zu hoch. Das steht in keinem Verhältnis mehr zu den Mietkosten, die sich wiederum daran orientieren, was die Bürger sich leisten können. Also ich habe niedrige Mieteinnahmen, aber hohe Immobilienkosten und die Risiken: Ich habe ja keine Ahnung, was demnächst an Dämmvorschriften oder steuerlichen Vorschriften oder Ähnlichem kommt.

Der Bürger, der sich nicht wirklich gut mit Immobilien auskennt, soll die Finger davon lassen und sich auf Dinge konzentrieren, die er versteht. Immobilien sind momentan ein Thema für richtige Experten. Meine Empfehlung ist seit geraumer Zeit, in reale Werte zu investieren, die man besser einschätzen kann. Das sind im Wesentlichen Aktien und Edelmetalle.

derStandard.at: Die können allerdings, wie man im Moment sieht, auch deutlich unter Druck kommen.

Müller: Meine Strategie ist es seit vielen, vielen Monaten - und ich sage das schon fast gebetsmühlenartig -, Aktien und Edelmetalle zu kaufen. Und zwar nachhaltige Aktien von guten Unternehmen mit hoher Dividende, die seit Jahrzehnten Gewinne und gute Geschäftsmodelle haben. Diese Aktien und die Edelmetalle gilt es in den Augenblicken, wo es an den Börsen etwas hektischer und ungemütlicher wird, gegen Kurseinbrüche abzusichern, so dass dem Anleger beim Hinabrauschen kein Schaden entsteht und er beim Aufstieg wieder voll dabei ist. Das ist keine Hexerei, das kann jeder Privatmann machen. Wir fahren mit dieser Strategie ausgesprochen gut und haben in den letzten Wochen keinen Euro verloren. Ganz im Gegenteil. (Regina Bruckner, derStandard.at, 16.5.2012)

Dirk Müller (geboren 1968 in Frankfurt/Main) ist selbstständiger Börsenmakler und Bankkaufmann. Sein Buch "Crashkurs" über die Weltfinanzkrise und die Hintergründe der Finanzwelt stand monatelang auf der "Spiegel"-Bestellerliste. Mehr zu aktuellen Themen findet sich auf seiner Homepage.

  • Ein Gesicht, das 2008 um die Welt ging ...
    foto: epa/rumpenhorst

    Ein Gesicht, das 2008 um die Welt ging ...

  • Damals sah es an den Börsen gar nicht gut aus.
    foto: reuter/grimm

    Damals sah es an den Börsen gar nicht gut aus.

  • Und jetzt? Auch nicht gerade rosig, findet Dirk Müller.
    foto: epa/rumpenhorst

    Und jetzt? Auch nicht gerade rosig, findet Dirk Müller.

  • Es gibt noch viel zu tun, lautet seine Einschätzung.
    foto: epa/may

    Es gibt noch viel zu tun, lautet seine Einschätzung.

  • Das Buch "Crashkurs" wurde mittlerweile neu aufgelegt.

    Das Buch "Crashkurs" wurde mittlerweile neu aufgelegt.

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