Das macht den It-Faktor aus

Blog16. Mai 2012, 13:37
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Statt zur Wahl des "It-Girls 2012" zu gehen, habe ich im Geschichtsbuch der Partywelt geblättert

Manchmal liegen meine - angeblich - VIP-World-skeptischen Freunde voll daneben. Etwa neulich, als sie sich über die bei mir am Tisch liegenden Einladung einer Wiener Innenstadtdiskothek hermachten - und höhnend und spottend die Frage in den Raum warfen, was denn das für eine neu- oder mittelmodische Torheit sei. Geladen war zur Wahl des "It-Girls 2012" - und Sujet und Bebilderung legten nahe, dass es dabei eher nicht darum ging, Frauen für einen typischen Männerberuf zu begeistern.

Freilich: Mit der These, dass es sich beim Prädikat "It-Girl" um einen Neologismus handelt, der das so abgedroschene wie übel klingende Vokabel "Partyluder" ersetzen solle, lagen sie falsch. Das erkannten meine - angeblich - total Yellowpress-abstinenten Freunde selbst. Und zwar als jemand "Paris Hilton" in die Runde warf - und glaubte, damit die Debatte beendet zu haben.

Bloß: Das funktioniert nicht. Nie. Denn gerade jene Leute, die am vehementesten und lautesten sagen, nie einen Blick in Hilton-affine TV- oder Printtitel zu werfen, animiert dieser Name dazu, laut und ausführlich zu beteuern, was sie alles nicht und nie über Frau Hilton - als Gattung oder Spezies - wissen, lesen und hören wollen. In der Regel sind sie auf dem neuesten Stand. (Wehe dem, der ihnen das zu sagen wagt..)

Verdichtet und ohne Hintergrund

Dennoch liegen sie in einem Punkt falsch: Frau Hilton war nicht die erste. Sie hat nichts erfunden: Weder den schlecht ausgeleuchteten Privat-Porno, noch die umsatzfördernde Empörung über die Veröffentlichung derartiger Privatbilder. Auch nicht das Vermarkten der eigenen Anwesenheit oder das Generieren von Aufmerksamkeit durch schlechtes Benehmen - und schon gar nicht den Begriff "It-Girl".

Hilton hat als die "Anforderungen" lediglich aufgegriffen, vereinnahmt, verdichtet - und professionalisiert. Vor allem, indem sie Muster und Verhaltensformen auf ein in eineinhalb Medien-Sekunden und einem Foto vermittelbares Maß verknappte. Für Hintergrund, Kontext und Historie war - und ist - da kein Platz. Das interessiert keinen. Wirklich nicht.

Nicht das Erbe von Brett Easton Ellis

Dabei ist und wäre gerade die Geschichte des It-Girls spannend. Etwa wenn man das, was sich heute der Wahl eines It-Girls stellt, mit dem vergleicht, was Bret Easton Ellis 1985 in seinem ersten - und für mich spannendsten - Roman "Less Than Zero" als "It-Boys" und "It-Girls" beschrieb. Allein der Umstand, auf Partys und in Clubs abzuhängen und sich über die eigene Versorgung mit Geld, Gästelistenplätzen, Sexualpartner und Drogen keine Gedanken machen zu müssen, beschreibt Ellis, wäre da zuwenig: Was das Präfix "It" ausmacht, ist bei ihm jenes gewisse Etwas, das irgendwo zwischen Charme, Schmäh, Charisma und Durchgeknalltheit positioniert ist.

Dennoch hat Ellis den seit "Less Than Zero" omnipräsenten und zuletzt auch in Dokumentarfilmen - etwa über die NY-Fashionweek - besungenen Begriff nicht erfunden. Der ist älter - und wurde schon für die Musen eines Andy Warhol verwendet. Oder Stars wie Marilyn Monroe oder Robert Mitchum umgehängt.

Kipling & Hollywood

Und auch wenn der Begriff vom "gewissen Etwas" vermutlich um 1904 von Rudyard Kipling definiert worden sein dürfte, hat das Etikett "It"-Girl auch ein echtes Geburtsjahr: 1927 spielte Clara Bow im Film "It" eine junge Frau, die im Kampf um ihre große Liebe gegen Klassen- und Konventionsgrenzen antritt.

Bow, damals ein großer Hollywoodstar, galt seitdem als "It"-Girl. Und die 1965 verstorbene Paramount-Diva dürfte sich auf ihrer Wolke wohl sehr wundern, wenn sie sich ansieht, wer und was heute mit dem Etikett "It" beworfen wird. Aber egal: Die Wahl zum It-Girl ließ ich aus - nachdem ich mir die Kandidatinnen auf der Homepage der Disco angesehen hatte.

 

SUBSTORY: Aus dem Nähkästchen einer It-Jurorin

Im Gegensatz zu mir war Janina Lebiszczak sehr wohl bei der It-Girl-Wahl im Take Five: Die News-Society-Redakteurin war dort Jurorin - und gab mir danach ein kurzes Interview.

derStandard.at: Frau Lebiszczak, Sie waren kürzlich Jurorin bei der Wahl des It-Girls 2012. Wie kam es dazu?

Lebiszczak: Ich bin mit Jacques Beran, dem "Take 5"-Boss befreundet. Wir waren sogar schon zusammen auf Urlaub. Außerdem stand mir der Sinn nach leichter Unterhaltung.

derStandard.at: Was ist eigentlich ein It-Girl?

Lebiszczak: Angeblich eine Person weiblichen Geschlechts, die das gewisse Etwas hat. Charisma, guten Geschmack, Sex-Appeal. Wird jedoch oft mit professionellen Party-Hopperinnen, die Unterwäsche-Allergie haben, verwechselt.

derStandard.at: Und was glaub(t)en die Kandidatinnen, dass ein It-Girl ist?

Lebiszczak: Siehe oben.

derStandard.at: Wie war die Wahl? Wie die Kandidatinnen?

Lebiszczak: Die Wahl hat zu lange gedauert, vor allem das Quiz hat mir den letzten Nerv gekostet. Immerhin glaubte aber eine der Kandidatinnen ernsthaft, dass ich die Herausgeberin der Vogue bin.
Die Mädels haben sich via Internet beworben und waren durch die Bank alle sehr putzig. Vor allem an so eine Blondgelockte mit Zahnlücke habe ich mein Herz verloren. Gewonnen hat dann jenes Mädchen, das halbwegs den Eindruck machte, als könnte sie sich ohne fremde Hilfe anziehen.

derStandard.at: Wonach haben Sie bewertet?

Lebiszczak: Nach Restvorkommen von Gehirn und natürlich einem ansprechenden Äußerem.

derStandard.at: Wussten die Bewerberinnen, woher der Name stammt?

Lebiszczak: Meiner? Aus der Ukraine. Oder meinen Sie "It-Girl". Naja, dass es nicht darum ging eine Computerschulung oder Datenverarbeitung ging, war ihnen klar.

derStandard.at: Wussten das die Juroren?

Lebiszczak: Ich wusste es, aber ich hab's nicht verraten.

derStandard.at: Interessierte das irgendwen?

Lebiszczak: Gegenfrage: Was interessiert denn die Leute, die so sie mit Schampus in der Hand in einer Disco rumstehen? Richtig: Der Schampus.

derStandard.at: Was verändert sich im Leben eines Menschen, wenn er zum It-Girl gewählt wird?

Lebiszczak: Im Falle der Siegerin: Sie darf mit in die nächste Disco. Nach Dubai. Yippie!

derStandard.at: Was tut ein It-Girl eigentlich?

Lebiszczak: Sexy sein. Party machen. Modeschauen besuchen. In Touch lesen. Kleine Hunde haben.

derStandard.at: Kann das jede(r) werden?

Lebiszczak: Wenn man es als Berufung sieht, ja. Geld und Zeit ist ein Faktor. Immer gut auszusehen ist sogar für eine 20-Jährige anstrengend. Und zum Jet-Setter wird man auch nicht über Nacht.

derStandard.at: Gibt es auch It-Boys?

Lebiszczak: Ich glaube, KHG war mal einer.

derStandard.at: Ist eine Welt ohne It-Girls vorstellbar? Oder wünschenswert?

Lebiszczak: Mittlerweile nicht mehr. Jede Zeit hat ihre Kinder. Diese tragen halt Minirock und lassen sich besoffen fotografieren. Da gibt es Schlimmeres.

derStandard.at: Ein Satz zu ihnen selbst.

Lebiszczak: Ich bin 36, NEWS-Society-Journalistin, FIRST-Redakteurin, Sex-Kolumnistin, Radiomoderatorin und eher ein "So what"-Girl. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 16.5.2012)

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    Auch wenn es noch so viele glauben: Paris Hilton ist nicht die Erfinderin des "It-Girl"-Daseins.

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